Bericht zum Neumayer-Kolloquium
Am 1. Juni 2026 fand das vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung und der Leibniz-Sozietät gemeinsam organisierte wissenschaftliche Kolloquium zum 200. Geburtstag von Georg von Neumayer (1826-1909) im Wissenschaftspark auf dem Potsdamer Telegraphenberg statt. Die Präsidentin der Leibniz-Sozietät Frau Prof. G. Haßler eröffnete die eintägige Veranstaltung mit einem Grußwort.
Die Vorträge von Frau Prof. C. Lüdecke und MLS Dr. D. Spänkuch reflektierten Neumayers Lebensweg und seine wissenschaftlichen Leistungen, zu denen auch die Vorbereitung des 1. Internationalen Polarjahres 1882-83 zählte. Frau Prof. Lüdeckes Vortrag beschäftigte sich mit Neumayer als Visionär, der nach seinem Ingenieurexamen 1849/50 ein Praktikum bei J. von Lamont auf der Sternwarte in Bogenhausen bei München absolvierte. Obwohl er dort nur wenige Monate verbrachte, prägte Lamonts Einfluss sein weiteres Leben als Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisator. Nach Lamonts Vorbild gründete er in Melbourne ein Observatorium für meteorologische und magnetische Messungen sowie für die Zeitbestimmung. Wieder nach Deutschland zurückgekehrt setzte er die Beobachtung des Venusdurchgangs 1874 auf den Kerguelen und 1882 auf Südgeorgien durch und propagierte jahrzehntelang die Aussendung einer Südpolarexpedition. Herr Dr. Spänkuchs Vortrag fokussierte sich auf Neumayer als Macher und behandelte das letzte Lebensdrittel Georg Neumayers, beginnend mit seiner Ernennung zum Leiter der Deutschen Seewarte. Dank seines Organisationstalents und seiner internationalen Verbindungen entwickelte er diese zu einer führenden nautischen und meteorologischen Institution, die seit dem 16. Februar 1876 tägliche Wetterkarten veröffentlichte, Segelschiffe und Dampfer bei der Routenplanung beriet und weitere nautische und meteorologische Dienstleistungen bereitstellte. Schließlich konnte er die erste deutsche Südpolarexpedition (1901-1903) auf den Weg bringen.
Dr. H. Gernandt und Dr. D. Fritzsche beleuchteten den ostdeutschen Polarforschungsstrom, in dessen Fokus die Antarktis stand. Die Aktivitäten begannen mit der Teilnahme an Sowjetischen Antarktisexpeditionen (SAE) auf den Stationen Mirny, Vostok und Molodjozhnaya und mündeten 1976 in den Aufbau der eigenen Station Georg Foster in der Schirmacher Oase. Am 21. April 1976 startete hier der wissenschaftliche Betrieb der ersten permanent besetzten deutschen Antarktisstation, die sich zum Zentrum geowissenschaftlicher Forschungen entwickelte. Im Verlaufe von 17 Überwinterungen bis 1993 arbeiteten etwa 100 Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker an der Station, die 1992/93 nach den Regeln des Umweltschutzprogramms vom AWI unter Mithilfe der SAE zurückgebaut wurde. Die Forschungsschwerpunkte lagen auf Messungen der Funkwellenabsorption in der Ionosphäre, Erdmagnetfeldmessungen und CO2 Messungen. Die 1985 begonnenen Messungen des vertikalen Ozonprofils mit Radiosonden durch Dr. H. Gernandt führten zur erstmaligen Identifizierung des Ozonabbaus in der antarktischen Stratosphäre zwischen 16 und 22 km.
Prof. H. Miller erläuterte die Entwicklung glaziologischer Messungen auf Grönland und in der Antarktis und betonte die langjährige Erfahrung und breite wissenschaftliche Basis des westdeutschen Polarforschungszweiges. Nach der Wiedervereinigung verantwortete das AWI den Aufbau der Forschungsstelle Potsdam mit Mitarbeitern ostdeutscher Institute im Schoß des Bremerhavener Mutterinstitutes. AWI Direktor Prof. G. Hempel war Vorsitzender der Evaluierungskommission von DDR-Akademieinstituten in der Geoforschung und stellte die Weichen zur Zusammenführung der getrennt fließenden Ströme der ost- und westdeutschen Polarforschung.
Dr. D. Fritzsche erinnert sich noch an die Worte von Prof. G. Hempel vor der Evaluierung des Zentralinstituts für Physik der Erde: „Ich bin Gut- und nicht Schlechtachter“. Nach einer fairen Begutachtung und anknüpfend an das langjährige Erbe der Potsdamer Institute, in denen Polarforschung stets eine Rolle spielte, entstand auf dem Telegrafenberg die AWI-Forschungsstelle. Dr. Fritzsche und seinen Kollegen eröffneten sich nun nicht nur in der Antarktis, sondern auch in Sibirien und auf Grönland neue Forschungsmöglichkeiten. Prof. E. Augstein begleitete die Entwicklung der Potsdamer Atmosphärenforschung und die Übertragung der Verantwortlichkeit für die Koldewey-Station auf Spitzbergen. Prof. H. Miller und Prof. D. Fütterer unterstützten den Aufbau der Permafrost- und Periglazialforschung in Potsdam.
AWI Logistikchef Dr. U. Nixdorf stellte das Neumayer-Observatorium des AWI in der Antarktis von der Standortauswahl bis zur Weiterentwicklung zur heutigen Neumayer-Station III vor. Die Station spielt eine wichtige Rolle als logistische Basis für Arbeiten auf dem Inlandeis Plateau und dient als wissenschaftliches Observatorium für geophysikalische, glaziologische, meteorologische und Spurenstoffmessungen.
Frau Dr. D. Handorf analysierte die beobachteten Klimaänderungen in der Arktis und Antarktis. Während in der Arktis eine um den Faktor 2-4 stärkere Erwärmung als im globalen Mittel zu beobachten ist, zeigt die Antarktis eine komplexere und regional vielfältigere Reaktion auf den globalen Klimawandel. Aber auch hier ist ein starker Rückgang der antarktischen Meereisausdehnung und zunehmender Massenverlust in Teilen des antarktischen Eisschildes nachgewiesen. Prof. B. Rabe untersuchte die Wechselwirkung der Arktis mit der thermohalinen Ozeanzirkulation. Die atlantische meridionale Umwälzströmung (AMOC), die vom globalen thermohalinen Zirkulationssystem angetrieben wird, scheint sich in einem instabilen Zustand zu befinden, der bereits bei geringfügigen Veränderungen im Süßwasserhaushalt zu starken Schwankungen im Transport und in den Strömungswegen führen kann. Aktuelle Modellergebnisse deuten darauf hin, dass sich die AMOC bis zum Ende dieses Jahrhunderts um bis zu 50 % verlangsamen könnte. MLS Prof. K. Dethloff stellte bisher diskutierte Forschungsthemen für das 5. Internationale Polarjahr 2032-33 (IPY5) vor. Er schlug vor, im IPY5-Zeitraum ein Netz von 5 permanent arbeitenden Eisbrechern im Amerikanischen Becken, im Eurasischen Becken, in der Transpolardrift, in der Barentssee und der Fram-Strasse zu installieren, die Messungen des gekoppelten Klimasystems ähnlich zu denen im MOSAiC-Projekt durchführen. Zu weiteren bisher vorgeschlagenen IPY5-Schwerpunkten gehören die Rolle der Arktis im globalen Erdsystem, die Beobachtung und Vorhersage künftiger klimadynamischer Änderungen und die Reaktionen der Ökosysteme.
Die Organisatoren des Kolloquiums baten alle Vortragenden, die in die Ausarbeitung der ausgezeichneten Vorträge investierte Arbeit mit der Zusendung von Manuskripten für einen Tagungsband der Leibniz- Sozietät zu krönen. Die Deadline dafür ist der 31. Oktober 2026. Die Leibniz-Sozietät dankt Prof. M. Rex, Frau S. Helbig und Dr. A. Schulz, AWI Forschungsstelle Potsdam für die Unterstützung bei der Organisation und die technische Betreuung.
Klaus Dethloff und Dietrich Spänkuch













