Bericht über das Ehrenkolloquium zum 80. Geburtstag von Gerhard Banse am 10. September 2026

Am 10. September 2026 fand ein Kolloquium zu Ehren des langjährigen früheren Präsidenten der Leibniz-Sozietät Gerhard Banse statt, der am 28. Juli 2026 seinen 80. Geburtstag beging. In einem Seminarraum der Universität Potsdam auf dem Campus Griebnitzsee begrüßte der Vizepräsident der Leibniz-Sozietät Wolfgang Methling etwa 60 Mitglieder und Freunde der Sozietät sowie Familienangehörige des Jubilars, die vor Ort teilnahmen oder sich per Zoom zugeschaltet hatten.
In seiner Eröffnung ging Wolfgang Methling auf die außergewöhnliche Lebensleistung von Gerhard Banse ein. Er spannte dabei den Bogen von den wissenschaftlichen Anfängen des Jubilars über dessen Wirken als Präsident der Leibniz-Sozietät bis hin zu den heutigen Aktivitäten. In seinen Ausführungen verwies er auf die hohe nationale und internationale Wertschätzung des Geehrten und auf dessen in die Sozietät eingebrachten Wissensfundus wie vielfältige Erfahrungen.
Im weiteren Verlauf der Veranstaltung, die von Michael Thomas moderiert wurde, folgten zwei Laudationes zu Ehren des Jubilars.
In einer ersten Laudatio mit dem Titel „Gerhard Banse – Wanderer zwischen Technikwissenschaften und Philosophie“ würdigte Gerhard Pfaff den wissenschaftlichen Werdegang von Gerhard Banse, der im Laufe seines Berufslebens auf dem Gebiet der Technikphilosophie, und hier speziell in der Allgemeinen Technologie und der Allgemeinen Technikwissenschaft sowie der Technikfolgenabschätzung, herausragende Leistungen vollbracht hat. Die Laudatio zeigte den Lebens- und Entwicklungsweg von Gerhard Banse auf, der vom Lehrer an einer achtklassigen Dorfschule zum Präsidenten der Leibniz-Sozietät führte. In der Laudatio wurde zudem hervorgehoben, in welch vorbildlicher Weise sich Gerhard Banse seit seiner Zuwahl in die Leibniz-Sozietät im Jahr 2000 als Mitglied, Vizepräsident, Präsident und Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung der Freunde der Leibniz-Sozietät engagierte und noch engagiert. Im Jahr 2016 wurde der Jubilar für seinen unermüdlichen Einsatz in der Gelehrtengesellschaft mit der Ehrenurkunde der Leibniz-Sozietät ausgezeichnet.
In einer zweiten Laudatio mit dem Titel „Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit Gerhard Banse“ ging Horst Klinkmann auf die gemeinsamen Jahre mit dem Jubilar ein. Er stellte unter anderem fest, dass Gerhard Banseals Technikphilosoph immer das Verhältnis von Mensch, Technik und Gesellschaft in den Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit gestellt hat und insbesondere danach fragte, wie technische Entwicklungen das menschliche Denken und Handeln verändern und welche Verantwortung daraus erwächst. Horst Klinkmannverwies auf etwa 400 Publikationen des Jubilars, von denen über 100 in den Zeitschriften der Leibniz-Sozietät erschienen sind (17 Bände der „Sitzungsberichte“ (mit)herausgegeben, 19 Bände der „Abhandlungen“ (mit)herausgegeben, 41 inhaltliche Beiträge für die „Sitzungsberichte“, 25 inhaltliche Beiträge für die „Abhandlungen“).
Den Laudationes folgten mehrere Fachvorträge mit Bezug zum wissenschaftlichen Wirken wie auch generell zu Person und Lebensleistung von Gerhard Banse.
Nina Hager: Die Entwicklung von Technik und Technologien – Risiken, Chancen und Gefahren (der Vortrag konnte während des Kolloquiums nicht gehalten werden, lag aber schriftlich vor und wird im Band der Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät zum Ehrenkolloquium enthalten sein)
Der Beitrag geht auf Ergebnisse der Forschungen von Gerhard Banse zur Risikoproblematik im Zusammenhang mit der Entwicklung von Technik und Technologien ein. Betrachtet wird vor allem auch, dass der Fortschritt in der Technik-/Technologieentwicklung, nicht nur im Kleinen, sondern auch zur Bewältigung anstehender globaler Probleme, neue Chancen aber auch Gefahren – bis zum Missbrauch – in sich trägt. Außerdem geht es in den Ausführungen um die Frage, inwieweit Aussagen zur Technik-/Technologieentwicklung auch für andere Bereiche verallgemeinerbar sind.
Björn Egbert: Das Internet, die Neuen Medien und deren Wechselwirkungen auf Kultur(en) und Gesellschaft im Fokus – The international Network on Cultural Diversity and New Media (CultMedia)
Menschliche Praktiken und Beziehungen unterliegen in einer sich zunehmend mediatisierenden Welt tiefgreifenden Veränderungen. Zugleich ist diese mediatisierte Welt durch veränderte menschliche Bedürfnisse, Praktiken und Beziehungen einem permanenten Wandel unterworfen. Ausgehend von dieser Prämisse und dem daraus resultierenden Bedarf an wissenschaftlichem Diskurs, wurde das CultMedia-Netzwerk insbesondere durch die Initiative Gerhard Banses im Jahr 2002 in Prag gegründet. Erfasst werden sollten Neue bzw. Digitale Medien als Form der Technik in ihrer Wechselwirkung mit Individuen und Gesellschaften sowie deren Bedürfnissen und kulturellen Gegebenheiten/Praxen. Das erfolgreiche Vorhaben über mehr als zwei Dekaden inhaltlicher und vornehmlich internationaler Auseinandersetzung ist durch zahlreiche Tagungen, Symposien, Arbeitstreffen und dazugehörige umfassende Publikationen dokumentiert. Der Beitrag von Björn Egbert stellte sowohl das Netzwerk als auch die besondere Rolle Gerhard Banses dabei vor und ging in einem Ausblick auf die aktuellen und künftigen Umwälzungen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz ein.
Hans-Liudger Dienel: Bürgerbeteiligung und Citizen Science als Innovationsmotoren?
Der Beitrag hob die gewachsenen Erwartungen an Bürgerbeteiligung und Citizen Science als Innovationsförderer hervor. Bürgerbeteiligung ist inzwischen ein integraler Bestandteil des Innovationssystems, und zwar sowohl bei der Entwicklung von Innovationen, bei der Beteiligung an Innovationsstrategien und der Innovationspolitik als auch bei der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Implementierung von Innovationen. In allen drei Themenfeldern ist die bürgerschaftliche Mitwirkung ein gewichtiges Thema. Der Beitrag arbeitete den Wandel der Erwartungshaltung an Bürgerbeteiligung und Citizen Science in den letzten Jahren und die sich daraus ergebenden Chancen für die Stärkung des Innovationssystems durch Bürgerbeteiligung heraus. Eine besondere Frage war die nach der Beschleunigung bzw. Verzögerung von Innovationsprozessen durch Bürgerbeteiligung und Citizen Science. Der geforderte transdisziplinäre, problemgetriebene Praxisbezug von Innovationsprozessen durch Bürgerbeteiligung und Citizen Science werde zwar oft als Königsweg bezeichnet oder auch inszeniert, kaum aber mit dem Thema Beschleunigung verbunden; sie erscheinen als Verzögerer von Innovationsprozessen, also eher „technology arrestment“ statt „technology assessment“. Hans-Liudger Dienel stellte außerdem Beispiele erfolgreicher Beschleunigungsprozesse vor.
Elke Hartmann: Johann Beckmann und Gerhard Banse – Protagonisten einer allgemeinen technischen Bildung
Nach einer vorangestellten persönlichen Erinnerung an den Jubilar verwies der Beitrag zunächst darauf, dass die wissenschaftlichen Grundlagen einer Technikmündigkeit auf Johann Beckmann mit seiner Allgemeinen Technologie im 19. Jh. zurückgehen. Er sah dieses Wissen für Staatsbeamte bei den Gewerken, die Steuern eintreiben sollten, als essentiell an. Wolfgang Klafki forderte dann im 20. Jh. ebenfalls eine Technikmündigkeit („Neue Theorie zur Allgemeinbildung – die epochaltypischen Schlüsselprobleme“). Dazwischen liegen grundlegende Arbeiten zur Allgemeinen Technologie von Karl Karmarsch, Johann Heinrich Moritz von Poppe,Horst Wolffgramm, Günter Ropohl und anderen, die Modelle zum Beschreiben und Ordnen von Wissen und Gesetzmäßigkeiten auch im Verständnis einer Metatheorie der Technik geschaffen haben. Der Einfluss, den die Arbeiten von Gerhard Banse auf die wissenschaftliche Grundlegung einer technischen Allgemeinbildung hatten und noch haben, wurde im Beitrag ebenso herausgestellt wie dessen wichtige Rolle als Impulsgeber für „vernetzte“ relevante Diskurse.
Bernd Meier: Gestaltete Technikphilosophie in der akademischen Lehre zur Ausbildung von Lehrkräften für den Technikunterricht
Der Beitrag bot einen Rückblick auf frühere Veranstaltungen der Leibniz-Sozietät zu Ehren von „runden“ und „halbrunden“ Geburtstagen von Gerhard Banse. Die über 20 Jahre reichende Rückschau verdeutlichte, dass bei diesen Ereignissen vor allem Bezüge auf die wissenschaftlichen Leistungen des Jubilars genommen wurden. Der Beitrag von Bernd Meier widmete sich im Hauptteil speziell der akademischen Lehre des Jubilars. An Beispielen wurden vor allem die besonderen Fähigkeiten von Gerhard Banse zur lehrkonzeptionellen Arbeit, zur Hinführung auf das Thema, zur Konzentration auf das Wesentliche und zur didaktischen Reduktion belegt. Ein Überblick zur studentischen Veranstaltungskritik rundete den Beitrag über einen allseits angesehenen Wissenschaftsmethodiker und -didaktiker ab.
Dirk Laßner: Der „Leibnizianer“ Gerhard Banse: Naturwissenschaftler, Präsident und Protagonist
Der Beitrag unterstrich, dass Gerhard Banse zu den wichtigen Stimmen der Technikphilosophie in Deutschland gehört. Ausgehend vom Begriff „Leibnizianer“ versuchte er, einen Bezug zum Wirken des Jubilars herzustellen. Diesen sah der Vortragende unter anderem in der kritischen Auseinandersetzung von Gerhard Banse mit den Folgen von Technikentwicklungen. Zudem hob Dirk Laßner die sachliche Objektivität des Jubilars, die Suche nach optimalen Lösungen und den wissenschaftlich fundierten Rationalismus hervor. Er würdigte das Engagement von Gerhard Banse als Mitglied und Präsident der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften, als Vorsitzender der Stiftung der Freunde der Leibniz-Sozietät, als Gründungsmitglied des Leibniz-Instituts für Interdisziplinäre Studien e.V. (LIFIS) und als Wissenschaftler, der die praktische Anwendung neuer Erkenntnisse immer gefördert und umgesetzt hat.

Abschließend bedankte sich Gerhard Banse mit dem Beitrag „Technikphilosophie als Beruf(ung)“ für die ihm mit dem Kolloquium erwiesene Ehrung. Er ging in seinen Ausführungen auf seine wichtigsten Lebensstationen, auf wissenschaftliche Lehrer in Technologie, Philosophie und Pädagogik sowie auf seine Wirkungsstätten und Publikationen ein. Außerdem bedankte er sich bei seiner Familie, bei Wegbegleitern und Freunden. Er endete mit einem Zitat von Max Weber:
„Die wissenschaftliche Arbeit ist eingespannt in den Ablauf des Fortschritts. […] Jeder von uns […] in der Wissenschaft weiß, daß das, was er gearbeitet hat, in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist. Das ist das Schicksal, ja: das ist der Sinn der Arbeit der Wissenschaft […] jede wissenschaftliche ‚Erfüllung‘ bedeutet neue ‚Fragen‘ und will überboten werden und veralten. Damit hat sich jeder abzufinden, der der Wissenschaft dienen will. […] Wir können nicht arbeiten, ohne zu hoffen, daß andere weiterkommen werden als wir.“ (Max Weber: Wissenschaft als Beruf [1919]. Stuttgart 1991, S. 248-249). Damit fand das Kolloquium einen würdigen, nach vorn weisenden Abschluss.
Publikation der Beiträge
Es ist vorgesehen, die Laudationes und Vorträge in einem Band der „Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften“ zu publizieren.
Gerhard Pfaff
