Klassensitzung Klasse Naturwissenschaften und Technikwissenschaften
Sitzung der Klasse für Naturwissenschaften und Technikwissenschaften
Rathaus Friedrichshagen, Historischer Ratssaal, Bölschestr. 87, 12587 Berlin
Die Sitzung findet als Hybrid-Veranstaltung (Präsenz und Zoom) statt.
Zoom-Einladungslink: https://tu-darmstadt.zoom-x.de/j/67923566496?pwd=skwiQtPCMw2NIbQETrR4tbNIfM8GUS.1
Meeting-ID: 679 2356 6496
Vortrag:
Prof. Dr. Jochen Kolb (MLS)
Die Energiewende und die Transformation zur Kreislaufwirtschaft benötigen viel mehr Bergbau
Abstract:
Europas industrielle Entwicklung und der Green Deal sind maßgeblich von einer zuverlässigen Versorgung mit kritischen Rohstoffen abhängig. Die jüngsten globalen Entwicklungen sowie die politischen Reaktionen auf Krieg, Pandemie und wirtschaftliche Rivalitäten zeigen, wie fragil viele Lieferketten sind. Gleichzeitig möchte Europa den Klimawandel und die Umweltverschmutzung durch die Maßnahmen des Green Deal sowie die Energie- und Mobilitätswende bekämpfen. Das gesellschaftliche Interesse an einer verantwortungsvollen Gewinnung mineralischer Rohstoffe wächst stetig. Die Bemühungen vieler Länder und Unternehmen, ihre Emissionen auf Netto-Null zu reduzieren, führen zu einer massiven Einführung verschiedenster sauberer Energietechnologien, von denen viele auf kritische Rohstoffe angewiesen sind. Ein typisches Elektrofahrzeug benötigt beispielsweise sechsmal mehr Hochtechnologiemetalle als ein konventionelles Fahrzeug. Seit 2010 ist die durchschnittliche Menge an Metallen und Industriemineralen, die für eine neue Einheit installierter Stromerzeugungskapazität benötigt wird, um 50 % gestiegen, da der Anteil erneuerbarer Energien zugenommen hat. Der Wandel hin zu einer Gesellschaft mit geringerem Umwelt- und CO₂-Fußabdruck hängt daher von einer gesicherten Versorgung nicht nur mit größeren Mengen an Rohstoffen, sondern auch mit einer größeren Vielfalt an Rohstoffen ab. Sowohl aktuelle als auch historische Versorgungs- und Investitionspläne für kritische Rohstoffe und Industrieminerale in Europa reichen nicht aus, um den Übergang zu sauberen Energietechnologien zu unterstützen. Darüber hinaus verbraucht der konventionelle Bergbau große Mengen an Energie und hat stets Auswirkungen auf die Umwelt. Allein die Zerkleinerung verursacht mehr als 50 % des Energieverbrauchs eines Bergwerks und macht mindestens 3 % der weltweiten Stromerzeugung aus. Die meisten Metalle und Baustoffe, die für unser tägliches Leben benötigt werden, stammen nach wie vor aus Primärrohstoffen, die durch konventionellen Bergbau aus Erzvorkommen gewonnen werden. Trotz der vergleichsweise hohen Recyclingquoten einiger Metalle wie Eisen (Fe), Nickel (Ni), Kobalt (Co) und Zinn (Sn) von über 50 % bleiben Importe unverzichtbar, um die stetig steigende Nachfrage zu decken. Die meisten Bergwerke, Aufbereitungsanlagen, Schmelzwerke und Raffinerien befinden sich jedoch nicht in Europa. Gleichzeitig stehen wirtschaftliches Wachstum, die Energie- und Mobilitätswende sowie ein steigender Ressourcenverbrauch in einem positiven Zusammenhang. Folglich sind die europäische Wirtschaft und der Green Deal in hohem Maße von importierten Rohstoffen abhängig, die häufig aus politisch und wirtschaftlich instabilen Ländern mit niedrigen Umweltstandards stammen. Die Folgen sind instabile Lieferketten, Umweltverschmutzung, ein erhöhter CO₂-Fußabdruck sowie prekäre Beschäftigungsverhältnisse in den Bergbauländern. Eine gesicherte Rohstoffversorgung muss daher auf vier Säulen beruhen: Primärrohstoffgewinnung in Europa, Recycling, Aufbau vollständiger Wertschöpfungsketten innerhalb der EU und sichere Lieferketten aus Ländern außerhalb Europas. Die größte Herausforderung besteht darin, das öffentliche Bewusstsein für diese Herausforderungen zu stärken und die gesellschaftliche Akzeptanz für Projekte der Rohstoffindustrie zu fördern.
Vita:
Jochen Kolb ist Professor für Geochemie und Lagerstättenkunde am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und leitet die Technologie Transfereinheit Analytik und Rohstoffe im KIT Campus Transfer. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in verschiedenen Aspekten der wirtschaftsgeologischen Forschung, einschließlich kritischer Rohstoffe, Metallgewinnung aus Wasser und ökologischer sowie gesellschaftlicher Aspekte des Bergbaus. Seit 2016 arbeitet er in Projekten zur Geochemie unterschiedlicher Geothermalwässer und zu Methoden der Lithiumextraktion im Oberrheingraben und im Norddeutschen Becken. Nach dem Studium der Geologie und Paläontologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main wechselte er für die Promotion und eine wissenschaftliche Assistenz an die RWTH Aachen, wo er auch im Institut für Mineralogie und Lagerstättenlehre habilitierte. Vor seinem Ruf ans KIT war er 10 Jahre erst als Wissenschaftler und dann als Professor beim Geologischen Dienst von Dänemark und Grönland beschäftigt und war assoziierter Professor an der Universität Kopenhagen.
Er war vier Jahre lang Sprecher des Lenkungsausschusses des THINKTANK „Industrielle Ressourcenstrategien“, ist Sprecher für Georessourcen am KIT-Zentrum Klima und Umwelt, Stellvertretender Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Geowissenschaftler und Gründungsmitglied der wissenschaftlichen Sektion Energie & Rohstoffe FUTURE (Forschung und Technologie für Untergrund, Rohstoffe & Energie) in der Deutschen Geologischen Gesellschaft – Geologische Vereinigung (DGGV). Er ist darüber hinaus Mitglied verschiedener professioneller und interdisziplinärer Initiativen. Seit 2026 ist Jochen Kolb Mitglied der Leibniz-Sozietät.


