Symposium “Von der Idee zur Technologie – Kreativität im Blickpunkt” – Bericht

Der Arbeitskreis „Allgemeine Technologie“ der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften widmet sich seit 2001 verschiedenen Facetten und Fragestellungen einer Allgemeinen Technologie, vor allem in Form von Symposien. Die bisherigen Symposien waren folgenden Schwerpunkten gewidmet:

  • Allgemeine Technologie – Vergangenheit und Gegenwart (2001);
  • Fortschritte bei der Herausbildung der Allgemeinen Technologie (2004);
  • Allgemeine Technologie – verallgemeinertes Fachwissen und konkretisiertes    Orientierungswissen zur Technologie (2007);
  • Ambivalenzen von Technologien – Chancen, Gefahren, Missbrauch (2010);
  • Technik – Sicherheit – Techniksicherheit (2012);
  • Technologiewandel in der Wissensgesellschaft – qualitative und quantitative Veränderungen – (2014);
  • Technologie und nachhaltige Entwicklung (2016).

Das 8. Symposium am 09. November 2018 wurde vom Arbeitskreis „Allgemeine Technologie“ erstmals gemeinsam mit dem Verein Brandenburgischer Ingenieure und Wirtschaftler e.V. (VBIW) und dem Leibniz-Institut für interdisziplinäre Studien e.V. (LIFIS) durchgeführt. Es knüpfte an die von Johann Beckmann im Jahre 1806 veröffentlichte „Algemeine Technologie“ an, denn Beckmann will – so wird aus seinen Überlegungen deutlich – erstens das bis dato angesammelte technisch-technologische Wissen systematisieren, dieses zweitens auf eine sichere theoretische Grundlage stellen und auf dieser Basis drittens das methodische Programm einer Erfindungsheuristik begründen. „Systematisches Erfinden“, was dem unter „drittens“ Genannten entspricht, wurde u.a. bei der KDT in Erfinderschulen vermittelt. Dabei wurde auch der Gesamtkomplex des Umgangs mit Schutzrechten (Patentrecherche, Rechtmängelfreiheit, Erwerb von Schutzrechten usw.) behandelt. Im Rahmen des Symposiums wurde nun betrachtet, wie sich die Kreativitätstechniken in Richtung „Systematisches Erfinden“ bzw. einer „Allgemeinen Technologie des Erfindens“ und deren Umsetzung entwickelt haben und wie sie an Schulen bzw. Hochschulen vermittelt werden.

In seiner Eröffnungsrede würdigte der Präsident der Leibniz-Sozietät, Herr Gerhard Banse, die Leistung des verstorbenen Co-Vorsitzenden des Arbeitskreises, Herrn Ernst-Otto Reher, für den Arbeitskreis. Im Weiteren wurde zur Fortführung der Arbeit des Arbeitskreises Herr Dr. Norbert Mertzsch, Mitglied der Leibniz-Sozietät und Vorsitzender des VBIW, einstimmig als neuer Co-Vorsitzender bestimmt. Er begrüßte sodann die fast dreißig Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Namen des VBIW.
Im ersten Vortrag der Session 1 trug Herr Gerhard Banse zum Thema „Kreativität im Rahmen der Allgemeinen Technologie“ aus der Sicht der Technikphilosophie vor. Der Beitrag der Technikphilosophie zum Verständnis der Neues hervorbringenden Prozesse (Kreativität) reicht dabei von historischen Betrachtungen über systematische wissenschaftstheoretische Erörterungen bis hin zur Analyse von Problemen im Zusammenhang mit der Rolle des Menschen in seiner „Umwelt“ (Kultur). Kreativität im technischen Bereich äußert sich in Prozessen wie im Ergebnis des Erfindens bzw. Entwurfshandelns. Über Erfinden und Erfindungen – das zeigt ein Blick in die Geschichte – wurde nachgedacht, seit Menschen ihr Da- bzw. Sosein reflektieren. Dabei kam (und kommt!) den Modi der Verbindung von „wahren Grundsätzen“ und „zuverlässigen Erfahrungen“ stets eine zentrale Bedeutung zu. Als Fazit der sowohl historisch wie auch systematisch angelegten technikphilosophischen Erwägungen ergibt sich: Die Kenntnis entsprechender (Entwurfs‑)Methoden und die Fähigkeit ihrer bewussten Nutzung sind integrale Momente des „modernen“ Erfindungsprozesses. Sie unterstützen und verstärken die kreativen Fähigkeiten und Fertigkeiten des (Problem-)Bearbeiters, ersetzen sie aber nicht.

Im zweiten Vortrag berichtete Herr Professor Dr. rer. oec. habil. Klaus Stanke über „Erfahrungen bei der Vermittlung von Kreativitätstechniken“. Sein Fazit war, dass bei der Vermittlung von Kreativitätstechniken deren Einfachheit die Priorität haben muss. Das gilt aus seiner Sicht auch für TRIZ. Wichtig ist zudem, dass ein Hochschulabsolvent weiß, welche Bedeutung Widersprüche haben und das eine Widerspruchslösung kein Kompromiss ist. Er forderte, die Kreativitätstechniken in Deutschland breit in die Ausbildung zu bringen.

Den dritten Vortrag hielt nach einem einführenden Statement des Vorsitzenden des Vorstands des LIFIS, Herrn Frieder Sieber, der Präsident des „Altshuller Institute for TRIZ Studies“, USA, Herr Isak Bukhman, TRIZ-Master und Schüler Genrich Altshullers. Zunächst stellte er kurz TRIZ und die weltweite Tätigkeit von „The Altshuller Institute for TRIZ Studies“ vor. In einer Art „Schnelldurchlauf“ gab er sodann einen Überblick über die Anwendung von TRIZ („Theorie zum Lösen von Erfindungsaufgaben“) in Industrie-Projekten. TRIZ enthält eine Reihe von methodischen Werkzeugen, um ein spezifisches technisches Problem zu definieren und zu analysieren und spezifische Lösungen zu finden. Er nennt seinen Ansatz „Technology for Innovation“ bzw. „Applied TRIZ“. Er zeigte, wie er für jedes Projekt eine individuelle Abfolge von Methoden zusammenstellt, um zunächst bestmöglich (a) Projekt-Szenarien zu identifizieren und auszuwählen, anschließend (b) Probleme für das gewählte Szenario zu identifizieren und auszuwählen, (c) Lösungen dafür zu entwickeln, (d) diese Lösungen zu bewerten und (e) eventuell in einem einzigen Lösungskonzept zusammenzuführen. Darüber hinaus machte er auf den Zusammenhang von TRIZ, Kreativität und individueller Persönlichkeitsentwicklung aufmerksam.

In der zweiten Session berichtete im ersten Vortrag Herr Bernd Meier, Vizepräsident der Leibniz-Sozietät, über „Kreativität im Kontext der neuen Aufgabenkultur“. Der Referent stellte Beziehungen zwischen den Intentionen einer neuen Aufgabekultur nach der internationalen Schülerleistungsstudie PISA (2000) und den Ansprüchen an die Entwicklung der Kreativität der Lernenden an allgemeinbildenden Schulen her. Dabei wird Aufgabenkultur als eine akzentuierte und systematische Arbeit an und mit Aufgaben für die Lernenden verstanden. Gestützt wird die Auffassung durch die Annahme, dass unterschiedliche Aufgabenkonzepte unterschiedliches Lern-(Antwort-)Verhalten bedingen.

Frau Dr. Rita Lange, Leiterin der mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Spezialschule Carl Friedrich Gauß in Frankfurt (Oder), zeigte dann in ihrem Vortrag „Begabung und Kreativität? – Ein Erfahrungsbericht aus einer MINT-Spezialschule“ wie in einer mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Spezialschule eine Lernumgebung gestaltet wird, in der die Ausprägung der Kreativitätsmerkmale eines Menschen (Einfallsfülle, Flexibilität, Phantasie, Originalität, divergentes Denken) möglich ist. Es wurde deutlich gemacht, welche methodisch-didaktischen Angebote durch ein sich permanent fortbildendes und im steten Austausch befindendes Lehrkräfte-Team im Rahmen der Begabtenförderung im Unterricht und darüber hinaus im Schulleben gemacht werden, um die Entwicklung der Kreativität zu befördern, aber auch, wo die schulischen Grenzen liegen.

In seinem Vortrag „Unterstützung bei der Vermittlung von Kreativitätstechniken an einer MINT-Spezialschule“ verdeutlichte Herr Dr. Ing. Bernd Thomas, wie im Rahmen des Vereins Brandenburgischer Ingenieure und Wirtschaftler e.V. auf Basis des noch vorhandenen Wissens aus der Arbeit der KDT-Erfinderschulen eine erste Version eines Leitfadens zur Anwendung von Kreativitätstechniken an einer MINT-Spezialschule erarbeitet wurde. Der Inhalt dieses Leitfadens wurde vorgestellt.

Die dritte Session wurde mit dem Vortrag „Mit Kreativität auf dem Weg zu einer neuen Wärmequelle“ von Herrn Dieter Seeliger, Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften, eröffnet. Er ging insbesondere auf die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Entwicklungsprozesse ein, die unter Nutzung von Kreativität zu neuen Technologien führen sollen. Dies demonstrierte er eindrucksvoll am Beispiel der Entwicklung der gesteuerten Kernfusion. Seine Überlegungen mündeten in folgenden drei Schlussfolgerungen:

  • Methodisch strenges, nachvollziehbares und reproduzierbares Agieren, um eine zwingend zu akzeptierende experimentelle Daten- und Erkenntnisbasis zu schaffen.
  • Durch heuristische Vorgehensweise sind Grenzgebiete oder alternative Verfahren, Methoden oder Materialien zur optimalen technologischen Beherrschung und Nutzung der Prozesse auszuloten.
  • Aber auch Kreativität und naturwissenschaftlich basierte Phantasie sind unabdingbar, um Neuland bei den Erkenntnissen über das Wirken naturwissenschaftlicher Gesetze zu gewinnen.

Herr Justus Schollmeyer, LIFIS, stellte in seinem abschließenden Vortrag „Einen Schritt zurück und zwei nach vorn: Eine Visualisierung des Algorithmus zum Lösen von Erfindungsaufgaben (ARIZ-85 C)“ die aktuelle Version des ARIZ – den ARIZ-85C – vor. Unter Nutzung des Beispiels der Entwicklung des heliozentrischen Weltbildes zeigte er, dass die ARIZ-Operationen zur Problemtransformation implizit dazu zwingen, in der Entwicklungsgeschichte des zu verändernden Systems erst einen Schritt zurückzugehen, um dann von der neu gewonnenen Perspektive die nächste Entwicklungsstufe zu erreichen.

In den Diskussionen zu den einzelnen Vorträgen zeigte sich, dass die Schulung der Kreativität in Deutschland, insbesondere bei Jugendlichen, nicht ausreicht. Als Beispiel wurde die Streichung der Förderung für Erfinderclubs von Schülern im Jahre 2011 angeführt.

In „Schlusswort und Ausblick“ verwies Herr Norbert Mertzsch zunächst darauf, dass in diesem 8. Symposium „Kreativität“ in den Blick- bzw. Mittelpunkt gestellt worden war, da Kreativitätstechniken als Methoden und Vorgehensweisen zur Lösung schöpferischer Aufgaben bezeichnet werden können. Da diese für die verschiedensten Aufgabengebiete anwendbar sind, können sie – so wurde erläutert – auch als eine „allgemeine Technologie“ für Entwicklungen bzw. Erfindungen bezeichnet werden. Mit Blick auf das 9. Symposium in zwei Jahren wurden drei thematische Vorschläge unterbreitet:

  1. Notwendiges Zusammenspiel von physikalischer und virtueller Welt im Rahmen der „Allgemeinen Technologie“, denn: „So kann ich zwar die Software für eine Prozessanlage ständig an wechselnde Gegebenheiten anpassen, aber der eingebaute Druckbehälter muss die geplante Lebensdauer erreichen.“
  2. Unter dem Motto „Von der Wiege bis zur Bahre“ wären Betrachtungen des Lebenslaufes von technologischen Anlagen über die Stationen Entwicklung der Technologie, Aufbau der Anlage, Betrieb der Anlage, Modernisierungen, Abfahren und Rückbau möglich.
  3. Mit der Thematik „Allgemeine Technologie als einigendes Band“ wäre eine Reaktion auf aktuell laufende Spezialisierungstendenzen möglich: Bei der Betrachtung der derzeitigen Vielfalt der Abschlüsse an Hochschulen und Universitäten kann man die Gefahr einer „babylonischen Sprachverwirrung“ und zu großen Spezialisierung der Absolventen vermuten. Da sich aber die Innovationszyklen immer mehr verkürzen, kann das erworbene spezialisierte Wissen schnell wertlos werden. Um eine Grundlage zu haben, auf der dann schnell wieder Anschluss gefunden wird, könnte die Allgemeine Technologie als Orientierungsgrundlage dienen.

Die zeitnahe Publikation der Beiträge in den „Sitzungsberichten der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften“ ist vorgesehen.

Gerhard Banse, Norbert Mertzsch