Bericht über den Leibniz‑Tag 2026
Der Leibniz‑Tag 2026 führte am 2. Juli 2026 Mitglieder, Gäste und Freundinnen und Freunde der Leibniz‑Sozietät erneut in der Rosa‑Luxemburg‑Stiftung zusammen. Die Veranstaltung wurde im hybriden Format durchgeführt, sodass zahlreiche Teilnehmende online zugeschaltet waren.
Musikalische Einführung: Schostakowitsch als Resonanzraum (Präsentationsfolie dazu)
Den Auftakt gestaltete die Schostakowitsch‑Musikschule Berlin‑Lichtenberg mit einer eindrucksvollen Interpretation der Sonate für Violoncello und Klavier op. 40 von Dmitri Schostakowitsch. Die Präsidentin würdigte die Darbietung als musikalischen Rahmen, der die historische Sensibilität des Tages spiegelte: „Sie haben uns mit Ihrer Darbietung nicht nur ein bedeutendes Werk der musikalischen Moderne nahegebracht, sondern zugleich den Raum geöffnet für einen Tag, der dem Austausch, der Reflexion und der Suche nach neuen Verknüpfungen gewidmet ist.“ Die Sonate, entstanden in einer politisch und biographisch sensiblen Phase, markiert die Schwelle zwischen künstlerischer Freiheit und ideologischer Kontrolle.
Begrüßung durch die Präsidentin
Prof. Dr. Gerda Haßler begrüßte die Anwesenden im Saal und die online Zugeschalteten. Sie erinnerte daran, dass der Leibniz‑Tag traditionell ein Tag der Bilanz und der Neuorientierung ist – ein Tag, der die historische Tiefe der Sozietät mit ihrer zukünftigen Aufgabe verbindet.
Nekrologe (Präsentationsfolien dazu)
In einem würdigen Rahmen wurde der verstorbenen Mitglieder gedacht, deren wissenschaftliches Wirken die Sozietät über viele Jahre geprägt hat. Vizepräsidenten Prof. Dr. Dorothee Röseberg verlas die Nekrologe für die seit dem letzten Leibniz-Tag verstorbenen Mitglieder Prof. Dr. Klaus Junge, Prof. Dr. Erich Hahn, Prof. Dr. Klaus Mylius, Prof. Dr. Peter Betthausen, Prof. Dr. Malcolm Sylvers, Prof. Dr. Dietrich Balzer, Prof. Dr. Wolfdietrich Hartung, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Herbert W. Roesky, Prof. Dr. Armin Uhlmann, Prof. Dr. Hans-Otto Dill. Die Erinnerung an ihre Beiträge ist Teil des kollektiven Gedächtnisses der Sozietät.
Bericht der Präsidentin (Präsentationsfolien dazu)
Der Jahresbericht der Präsidentin bildete den inhaltlichen Schwerpunkt des Vormittags. Er stand unter dem Leitmotiv:
„Die Leibniz‑Sozietät – ein Forum historisch informierter Wissenschaftsreflexion.“
Prof. Haßler spannte einen weiten Bogen über die Aktivitäten des vergangenen Jahres und betonte die Verbindung von historischer Tiefenschärfe und Zukunftsorientierung als Markenzeichen der Sozietät.
Der 2. Juli ist ein Datum mit besonderer Bedeutung in der Geschichte der europäischen Akademiebewegung. Die Präsidentin erinnerte unter anderem an den Geburtstag Gottfried Wilhelm Leibniz’ am 1. Juli 1646, die Unterzeichnung der Gründungsurkunde der Berliner Sozietät der Wissenschaften am 11. Juli 1700, die Wiedereröffnung der Akademie der Wissenschaften zu Berlin im Jahr 1946. Diese historischen Linien verdeutlichen, dass die Akademiebewegung nie Selbstzweck war, sondern aus dem Bedürfnis entstand, Wissen zu ordnen, zu prüfen, zu teilen und in den Dienst der Öffentlichkeit zu stellen.
Die Präsidentin berichtete über zehn Plenarsitzungen seit dem letzten Leibniz‑Tag, die ein breites Spektrum wissenschaftlicher Kulturen und gesellschaftlicher Herausforderungen sichtbar machten – von geschichtspolitischen Deutungsfragen über naturwissenschaftliche Paradigmenwechsel und technologische Transformationsprozesse bis hin zu ökologischen Zukunftsthemen und rechtshistorischen Perspektiven.
Die Sitzungen der beiden Klassen zeigten:
- eine starke Orientierung auf technologische und digitale Transformationsprozesse,
- eine kontinuierliche Reflexion über die historische Bedingtheit wissenschaftlicher Erkenntnis,
- eine zunehmende Aufmerksamkeit für globale ökologische und kulturelle Herausforderungen.
Die Präsidentin hob die intensive Arbeit der Arbeitskreise hervor, darunter der Arbeitskreis Gesellschaftsanalyse, der Arbeitskreis Wissenschaftsgeschichte, der Arbeitskreis GeoMUWA, der Arbeitskreis Vormärz und 1848er Revolutionsforschung.
Diese Arbeitskreise verbinden historische Forschung, technologische Expertise und gesellschaftliche Verantwortung und prägen das Profil der Sozietät maßgeblich.
Die Publikationstätigkeit der Sozietät blieb trotz des Verzichts auf Druckfassungen hoch. Besonders hervorgehoben wurde:
- die Einführung eines vollständigen Peer‑Review‑Verfahrens,
- die Sichtbarkeit der Publikationen durch DOI‑Vergabe und Eintragung in der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek,
- die erfolgreiche Publikation der Beiträge zur Jahrestagung 2025 im Springer‑Verlag.
Die Präsidentin berichtete über gewachsene Kooperationen, u. a. mit der Berliner Medizinischen Gesellschaft, dem Leibniz‑Gymnasium Berlin, der Peter‑Sodann‑Bibliothek, dem Institut de Recherche pluridisciplinaire en arts, lettres et langues der Université Jean Jaurès Toulouse. Diese Kooperationen stärken die gesellschaftliche Sichtbarkeit und die wissenschaftliche Vernetzung der Sozietät.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Bedeutung der Zuwahl neuer Mitglieder. Die Präsidentin betonte: „Eine lebendige Sozietät entsteht dort, wo Mitglieder als Wissenschaftler ernst genommen werden – als Gestaltende, nicht nur als Beitragszahler.“
Das thematisch Verbindende der vielfältigen Aktivitäten der Leibniz‑Sozietät ist das Selbstverständnis als Forum historisch informierter Wissenschaftsreflexion. Dieses Verständnis knüpft an die lange Tradition der Berliner Gelehrtengesellschaft an, deren Mitglieder seit dem 18. Jahrhundert Wissenschaft nicht nur betrieben, sondern ihre historischen Bedingungen, gesellschaftlichen Rollen und normativen Grundlagen reflektiert haben. Die Sozietät verbindet seit ihrer Gründung 1993 historische Reflexion mit einem interdisziplinären Spektrum, das Natur‑, Sozial‑, Geistes‑ und Technikwissenschaften umfasst.
Aus dieser Tradition heraus kann die Sozietät aktuelle Herausforderungen besonders gut einordnen: die wachsenden Angriffe auf wissenschaftliche Autorität, die Politisierung wissenschaftlicher Streitfragen und die epistemischen Spannungen demokratischer Wissensgesellschaften. Historisch informierte Reflexion macht sichtbar, dass wissenschaftliche Rationalität nie selbstverständlich war und dass gegenwärtige Konflikte Teil einer langen Entwicklungslinie sind.
Die Sozietät ist prädestiniert für eine integrative Wissenschaftsreflexion, die disziplinäre Perspektiven zusammenführt und konzeptionelle Interaktion ermöglicht. Sie versteht wissenschaftliche Rationalität und gesellschaftliche Verantwortung als Einheit und leistet damit einen Beitrag zur Stärkung demokratischer Wissensordnungen.
Ein zentrales Zukunftsthema ist die künstliche Intelligenz, deren transformative Kraft die Sozietät bereits in Arbeitskreisen und in der kommenden Jahrestagung aufgreift. KI erweitert die epistemischen Werkzeuge der Forschung, birgt aber zugleich Risiken für demokratische Wissenskulturen und die Struktur gesellschaftlicher Produktivkräfte. Eine historisch informierte Wissenschaftsreflexion kann diese Ambivalenzen sichtbar machen und Orientierung bieten.
Insgesamt zeigt sich: Ein Forum historisch informierter Wissenschaftsreflexion ist keine neue Erfindung, sondern die konsequente Weiterführung dessen, was die Leibniz‑Sozietät seit Jahrzehnten auszeichnet – die Verbindung von wissenschaftlicher Exzellenz, historischer Tiefenschärfe und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Präsidentin lud alle Mitglieder dazu ein, an diesem Ziel, die Leibniz-Sozietät zu einem Forum historisch informierter Wissenschaftsreflexion zu entwickeln, mitzuwirken.
Vorstellung der neuen Mitglieder (Präsentationsfolien dazu)
Im Anschluss an den Bericht wurden die neu zugewählten Mitglieder vorgestellt. Zehn neue Mitglieder wurden zugewählt: Sascha Feuchert, Sebastian Hasenstab-Riedel, Hauke Hußmann, Peter Jordan, Rainer Karlsch, Jochen Kolb, Andreas Kugi, Sylvie Paycha, Kohei Saito, Berthold Unfried. Ihre Fachgebiete reichen von Holocaustliteratur über Halogenchemie, Planetengeodäsie, politische Geographie, Wirtschaftsgeschichte, Geochemie, Systemtheorie, Mathematik und Philosophie bis hin zur Globalgeschichte. Die Vielfalt ihrer Expertise stärkt die interdisziplinäre Ausrichtung der Sozietät.
Die Mittagspause bot Gelegenheit zu Gesprächen und Begegnungen im Saal, in der Umgebung und im digitalen Raum.
Verleihung der Auszeichnungen (Präsentationsfolien dazu)
Samuel‑Mitja‑Rapoport‑Kooperationspreis

Der Samuel‑Mitja‑Rapoport‑Kooperationspreis ging 2026 an das Leibniz‑Gymnasium Berlin, vertreten durch die Schulleiterin Renate Krollpfeiffer‑Kuhring. Die Kooperation zwischen Schule und Sozietät besteht seit fast zehn Jahren und wurde 2017 offiziell vereinbart. Sie ist nicht nur Ausdruck eines beiderseitigen Interesses, sondern besitzt auch wissenschafts‑ und bildungspolitische Bedeutung.
Zu den etablierten Formaten gehören die Vergabe des Jugendforscherpreises, musikalische Beiträge des Gymnasiums bei Veranstaltungen der Sozietät, fachliche Unterstützung in den MINT‑Fächern sowie gemeinsame Aktivitäten im Rahmen berufsvorbereitender und interkultureller Programme. Besonders hervorzuheben ist die zweitägige Tagung „Menschen im Weltraum“ im Jahr 2018 mit Dr. Sigmund Jähn, die eindrucksvoll zeigte, wie fruchtbar die Begegnung von Schule und Wissenschaft sein kann.
Auch 2025 präsentierte die Sozietät ihre Kooperation im Rahmen der 175‑Jahr‑Feier des Gymnasiums vor Vertreterinnen und Vertretern des Berliner Senats. Ein wesentlicher Bestandteil der Zusammenarbeit ist der kontinuierliche Austausch zwischen Sozietät und Schulleitung, der aktuelle Bedarfe und gemeinsame Perspektiven sichtbar macht.
Mit dieser langjährigen, lebendigen und vielfältigen Kooperation erfüllt das Leibniz‑Gymnasium in besonderer Weise die Zielsetzung des Kooperationspreises: die Förderung des inter‑ und transdisziplinären Dialogs sowie die Verbindung von Wissenschaft und Gesellschaft.
Daniel‑Ernst‑Jablonski‑Medaille

Die Daniel‑Ernst‑Jablonski‑Medaille wurde in diesem Jahr an Prof. Dr. rer. nat. habil. Gerhard Pfaff verliehen. Pfaff verbindet in seinem wissenschaftlichen Profil Grundlagenforschung in der anorganischen Festkörperchemie mit langjähriger Lehr‑ und Forschungserfahrung sowie einer ausgeprägten industriellen Innovationspraxis. Nach seiner Tätigkeit an der Friedrich‑Schiller‑Universität Jena wechselte er 1991 zu Merck, wo er in leitender Funktion in der Pigmentforschung und Produktentwicklung wirkte und zugleich seine akademische Laufbahn an der TU Darmstadt fortsetzte.
Gerhard Pfaffs wissenschaftliche Bilanz umfasst zahlreiche Publikationen und eine große Zahl von Patenten – eine seltene Kombination aus wissenschaftlicher Tiefe, technologischer Umsetzungskraft und nachhaltiger Praxisrelevanz. Seit seinem Eintritt in die Leibniz‑Sozietät 2018 hat er früh institutionelle Verantwortung übernommen und prägt seit 2019 als Sekretar der Klasse für Natur‑ und Technikwissenschaften die Arbeit der Sozietät in besonderer Weise.
Sein Engagement zeigt sich zudem in der Mitwirkung an Veranstaltungen, Herausgeberschaften und thematischen Initiativen. Gerhard Pfaff steht damit exemplarisch für jene Verbindung von wissenschaftlicher Exzellenz, interdisziplinärer Offenheit und institutioneller Verantwortung, die das Selbstverständnis der Leibniz‑Sozietät prägt.
Festvortrag (Präsentationsfolie dazu)
Ein Höhepunkt des Leibniz‑Tages war der Festvortrag zum Thema Der Ukraine-Krieg und die neue Welt(un)ordnungvon Prof. Dr. Peter Brandt, einem Historiker, der seit Jahrzehnten die wissenschaftliche und öffentliche Diskussion über Demokratie, Europa und internationale Politik prägt. Brandt gehört zu den Stimmen, die historische Analyse und politisches Urteil mit besonderer Klarheit verbinden – eine Verbindung, die dem Selbstverständnis der Leibniz‑Sozietät in besonderer Weise entspricht.

Als emeritierter Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der FernUniversität in Hagen hat er ein umfangreiches Werk vorgelegt, das von grundlegenden Studien zur europäischen Revolutionsgeschichte über Arbeiten zur Entwicklung demokratischer Ordnungen bis hin zu Analysen der deutschen und europäischen Zeitgeschichte reicht. Besonders hervorzuheben sind seine Beiträge zur Geschichte politischer Ideen, zur Transformation politischer Systeme und zur historischen Genese europäischer Staatlichkeit. Mit Monographien, Sammelbänden und zahlreichen Essays zeigt Brandt immer wieder, wie historische Forschung zur Orientierung in gegenwärtigen Krisen beitragen kann – eine analytische Präzision, die ihn im historischen Fach als politisch wachen und intellektuell unabhängigen Historiker auszeichnet.
In den aktuellen Debatten über Europa, Sicherheitspolitik und internationale Ordnung ist Brandt eine gefragte Stimme. Er beteiligt sich regelmäßig an öffentlichen Diskussionen, schreibt für wissenschaftliche und publizistische Medien und bringt historische Perspektiven in politische Streitfragen ein. Gerade im Kontext des Ukraine‑Krieges betont er die Notwendigkeit, gegenwärtige Ereignisse nicht nur geopolitisch, sondern im Licht langfristiger historischer Entwicklungen zu betrachten: der Krise multilateraler Strukturen, der Rückkehr imperialer Politikmuster, der Verschiebung globaler Machtverhältnisse und der Herausforderungen für demokratische Gesellschaften. Damit trägt er wesentlich dazu bei, die Komplexität der entstehenden Welt(un)ordnung verständlich zu machen.
Seine wissenschaftliche Haltung verbindet präzise Quellenarbeit mit einem ausgeprägten Sinn für strukturelle Zusammenhänge, der Bereitschaft, historische Erkenntnisse in gesellschaftliche Debatten einzubringen, und dem Anspruch, Geschichte als Instrument der Aufklärung zu verstehen. Diese Perspektive knüpft unmittelbar an die Tradition der Leibniz‑Sozietät an, die Wissenschaft als Beitrag zur Orientierung in einer komplexen Welt begreift.
Der Festvortrag eröffnete daher nicht nur neue Einsichten, sondern auch neue Horizonte: Er machte die historische Dimension des Ukraine‑Krieges sichtbar und beleuchtete die Frage nach der neuen Welt(un)ordnung mit analytischer Klarheit – ein Beitrag, der den Charakter des Leibniz‑Tages in besonderer Weise prägte.
Abschluss
Zum Ausklang des Tages lud die Sozietät zu einem Umtrunk ein. Die Präsidentin dankte allen Beteiligten für die Vorbereitung und Durchführung des Leibniz‑Tages und schloss mit einem optimistischen Ausblick auf die kommenden Aufgaben.
Der Bericht der Präsidentin und der Festvortrag werden im nächsten Heft von Leibniz Online veröffentlicht.
Fotografische Impressionen (variable Sortierung, versch. Fotografen):
