Wissenschaftliche Sitzungen der Klassen der Leibniz-Sozietät im Jahre 2004

Nachfolgend werden die im Jahr 2004 stattgefundenen wissenschaftlichen Sitzungen der beiden Klassen der Leibniz-Sozietät zusammen mit den Kurzreferaten und Angaben zu den C.V. der Vortragenden aufgelistet.
Die Namen der Autoren sind mit dem Autorenverzeichnis verlinkt, weiterhin sind Links zu den Publikationen der Leibniz-Sozietät angegeben, falls die Vorträge bereits publiziert wurden.

15. Januar 2004

Ralph Lucke
Funktionskeramiken mit weichmagnetischen Eigens
chaften

Vortrag in der Klasse Naturwissenschaften
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Lessing-Saal

Dr. Lucke (42) ist Werkstoffwissenschaftler und Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 2003. Seine wissenschaftlichen Arbeiten begannen Ende der achtziger Jahre – nach Abschluss des Studiums an der TU Bergakademie Freiberg – zu technologisch orientierten Problemen der Keramik. Nach der Promotion und einem Stipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, welches ihn an die TU Clausthal führte, wechselte Dr. Lucke in die Entwicklungsabteilung für Magnetkeramiken von Siemens Matsushita, der späteren EPCOS AG, nach München. Die dortigen grundlegenden Arbeiten an weichmagnetischen Ferriten, insbesondere zu deren Pulversynthese, führten im Jahr 2001 zur Habilitation an der TU Bergakademie Freiberg. In zahlreichen Veröffentlichungen, Vorträgen und Gastvorlesungen hat der Autor die neuesten Ergebnisse seines Entwicklungsteams publiziert. Die marktgerechte Bereitstellung neuester wissenschaftlicher und praktischer Erkenntnisse für Funktionskeramiken wird in dem jüngst gegründeten Beratungsunternehmen FIT-Ceramics, Miesbach, realisiert.

Warum braucht man Keramik mit magnetischen Eigenschaften? Was verraten uns die Eigenschaften weichmagnetischer Keramiken über deren Herstellungsprozess? Wie viel Leistung kann ein Trafo von der Größe eines Stecknadelkopfes übertragen? Das sind nur einige Fragen, die im Vortrag zur Sprache kommen werden.
Die Herstellung weichmagnetischer Funktionskeramiken erfordert tief greifendes Werkstoff-Verständnis auf atomarer und mikrostruktureller Ebene ebenso wie prozesstechnische Perfektion. Bereits zu Beginn einer Produktentwicklung müssen anwendungsseitige und werkstofftechnische Randbedingungen aufeinander abgestimmt werden. Die Entwicklung vollzieht sich bei dieser Werkstoffgruppe vom Massenprodukt auf niedrigem technologischen Niveau zum Massenprodukt auf hohem technologischen Niveau. Die Faszination der erzielbaren Werkstoffeigenschaften kommt jedoch erst durch adäquate Designs der elektrischen Schaltungen in der Anwendung zum Tragen.

Kurzvortrag
Lothar Michalowsky
Weichmagnetische nanokristalline Legierungen und Metall-Polymer-Komposite für Hochfrequenzanwendungen

 

Prof. Dr. Werner Deich
Politische Arithmetik 1793. Die Praxis instrumentalisiert die Idee: Von der Leibniz´schen Monade zur braunschweigischen „Ökomonade“

Vortrag in der Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Hoecker-Saal

 

19. Februar 2004

Monika Bauer
Polymere für eine immer rasantere Informationsübertragung in optischen Systemen

Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Lessing-Saal
Vortrag in der Klasse Naturwissenschaften

Frau Prof. Bauer (53) ist Polymerenchemikerin und Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 2001.

 

Georg Iggers
Wie schreibt man eine vergleichende Historiographiegeschichte in globaler Sicht?

Vortrag in der Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Hoecker-Saal

Prof. Iggers (77) emigrierte 1938 in die USA und wurde 1951 Ph.D. an der University of Chicago. 1950-1963 lehrte er als Professor an zwei schwarzen Hochschulen, in Little Rock und New Orleans; 1965-1997 (bis zur Emeritierung) an der State University of New York at Buffalo. Seine wichtigsten Publikationen sind „Deutsche Geschichtswissenschaft. Eine Kritik der traditionellen Geschichtsauffassung von Herder bis zur Gegenwart“ (1971); „Neue Geschichtswissenschaft. Vom Historismus zur Historischen Sozialwissenschaft“ (1978); „Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert“ (1993); sowie (gemeinsam mit seiner Frau Wilma) „Zwei Seiten der Geschichte. Lebensbericht aus unruhigen Zeiten“ (2002).

In letzter Zeit hat es angesichts der Globalisierungstendenzen verschiedene Ansätze zu Geschichtsschreibungen gegeben, die vergleichend über den etablierten eurozentrischen Rahmen hinausgehen. Aber es gibt noch keine umfassende Historiographiegeschichte, auch nicht in den 90er Jahren und am Anfang dieses Jahrhunderts. Alle die Historiographiegeschichten der letzten Jahre, z. B. Breisach, Bentley, Gross, Wehler, beschränken sich auf Europa und Nordamerika.
Zur Zeit gibt es zwei größere Unternehmen. Daniel Woolf hat der Oxford University Press eine mehrbändige internationale Geschichte vorgeschlagen, die versucht, die Geschichtsschreibung zu allen Zeiten und in allen Ländern zu untersuchen. Es sind schon wichtige Vorarbeiten abgeschlossen worden. Die Arbeit, an der der Vortragende mit seinem chinesischen Kollegen Q. Edward Wang arbeitet, ist weniger anspruchsvoll. Während Woolf jede Kultur als autonom betrachtet, interessieren sie sich für die Interaktionen zwischen westlichen und außerwestlichen Geschichtskulturen im Zeitalter des Kolonialismus und des westlichen Imperialismus seit Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Wissend, dass es keinen einheitlichen Modernisierungsprozess gibt, sondern verschiedene Formen von Modernität, untersuchen sie, wie die außerwestlichen Kulturen auf diese westlichen Anstöße reagiert haben. Sie möchten über die mit dieser Arbeit verbundenen theoretischen und methodologischen Probleme diskutieren.

 

18. März 2004

Ganztägige wissenschaftliche Veranstaltung des Plenums
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte, Lessing-Saal

Revolution der Denkungsart – zum 200. Todestag von Immanuel Kant

Prof. Dr. Hans Heinz Holz:
Kant – zwischen Transzendentalphilosophie und Dialektik

Prof. Dr. Karl Lanius:
Kants „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“

Prof. Dr. Helmut Seidel:
Kant und die Metaphysik

Prof. Dr. Siegfried Wollgast:
Das Friedensproblem bei Kant

Prof. Dr. Hans-Martin Gerlach:
Kant und die Berliner Aufklärung

Prof. Dr. Dieter B. Herrmann:
Kant, Zöllner und Engels – ein Beitrag zur Rezeption der „Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels“

Prof. Dr. Rainer Schimming (Greifswald):
Kants a priori, Kuhns Paradigmen, Holtons Themata

Prof. Dr. Rolf Löther:
Kant und die biologische Evolutionstheorie

Dr. Jürgen Hamel:
Kants Kosmologie – Grundzüge ihrer Genese und ihrer frühen Rezeptionsgeschichte

Prof. Dr. Jörg Zimmer (Universität Verona):
Kants Kritik der Urteilskraft und die Ästhetik

Prof. Dr. Heinz Kautzleben:
Immanuel Kant und die Geo- und Kosmoswissenschaften

Prof. Dr. Wolfgang Eichhorn:
Wirkungen der praktischen Philosophie Kants: Der Marburger Neukantianismus

15. April 2004

Detlev Möller
Zur atmosphärischen Chemie des Wasserstoffperoxids

Vortrag in der Klasse Naturwissenschaften
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Lessing-Saal

Prof. Möller (56) ist Atmosphärenchemiker und Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 1997.
Uwe-Jens Heuer
Marxismus und Politik

Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Hoecker-Saal

Prof. Heuer (76) ist Jurist und Rechtswissenschaftler sowie Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 1993. Nach Promotion (1956) und Habilitation (1964) wurde er Professsor an der Humboldt-Universität in Berlin. 1959/1960 hatte er praktische juristische Erfahrung am Staatlichen Vertragsgericht der DDR erworben. 1967 bis 1982 arbeitete er am Zentralinstitut für sozialistische Wirtschaftsführung beim ZK der SED als Jurist, dann wechselte er zur Akademie der Wissenschaften der DDR, Institut für Staats- und Rechtstheorie. Sein wissenschaftliches Hauptanliegen in der DDR war die Verteidigung der Spezifik des Rechts, der Kampf gegen den verbreiteten Rechtsnihilismus und die Auseinandersetzung mit autoritären und undemokratischen Vorstellungen. 1990 in die letzte Volkskammer der DDR gewählt, gehörte er bis 1998 dem Deutschen Bundestag an.

Das Thema des Vortrags ist außerordentlich umfassend. Es zielt nicht nur auf eine neue Analyse der Schriften von Marx und Engels sowie ihrer ersten Schüler, die ja umfangreich genug sind, sondern auch auf die erste sozialistische Praxis, ihre Ergebnisse und ihr Scheitern – eingeschränkt nur durch den Bezug auf Politik.
Im Mittelpunkt der Analyse steht das, was Marx und Engels den „naturgesetzlichen“ Gesamtprozess des Kapitalismus nannten – ein Prozess, der ungeheure Produktivitätssteigerung, zivilisatorischen Fortschritt und gleichzeitig Massenelend und Barbarei hervorbringt. Dem gegenübergestellt wird eine Untersuchung der sozialistischen Versuche, ihrer Errungenschaften und ihrer Grundfehler sowie der Kritik daran, wie sie von Bloch, Sartre, Schaff, Havemann, Lukacs, Bahro und anderen geübt wurde.
Im Wettbewerb der Systeme hat sich das kapitalistische System als überlegen erwiesen. Die marxistische Analyse des „naturgesetzlichen“ Gesamtprozesses allerdings hat sich in ihren Grundzügen weiterhin bestätigt. Als nicht zutreffend haben sich wesentliche Annahmen von Marx und Engels sowie ihrer Schüler in bezug auf die politische Entwicklung herausgestellt. Für absehbare Zeit ist nicht mit dem Absterben des Staates, dem Ende von Macht und Herrschaft zu rechnen. Andererseits ist auch die ständige Zentralisierung des bürgerlichen Staates nicht fortgesetzt worden, In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts setzten in europäischen Ländern längerfristige politische lntegrationsprozesse ein (bürgerliche parlamentarische Demokratie und Rechtsstaatlichkeit), die heute als gefährdet gelten müssen.

 

13. Mai 2004

Reinhard Brandt
Über Transmutationen und Energiegewinnung im Unterkritischen Reaktor: Die Möglichkeiten und Gefahren dieser neuen nuklearen Technologie

Klasse Naturwissenschaften
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Lessing-Saal

Prof. Brandt ist Kernchemiker. Nach dem Chemie-Diplom (1959, Frankfurt/M.) und dem Ph.-D. in Nuclear Chemistry (1963, University of California, Berkeley) arbeitete er 1963 –1968 als Post-Doc bei CERN in Genf, danach an der Philipps-Universität in Marburg, seit 1972 als Professor. Seit 1980 beschäftigt er sich mit dem Thema des Vortrages, u.a. auch in Berkeley und in Dubna (Russland).

Seit vielen Jahren wird es immer deutlicher: Kernenergie kann man nicht nur in den bekannten „Atomkraftwerken“ gewinnen, sondern auch mit „Unterkritischen Reaktoren“, die mit einem Nuklearbeschleuniger ( Protonen-, Elektronen- oder Schwerionen-Beschleuniger) angefeuert werden. Diese Begriffe werden erläutert. Die Vorteile dieser Anlagen sind:
• Man kann Energie gewinnen in Anlagen, die nicht wie „Tschernobyl“ explodieren können.
• Man kann dort Plutonium und andere gefährliche Nuklearstoffe ganz friedlich in harmlosere Substanzen umwandeln und dabei noch Energie zur Stromerzeugung gewinnen.
• Wenn man diese ganze Technologie konsequent in die industrielle Produktion einführt, benötigt man keine Endlagerstätten für Millionen Jahre, sondern nur noch für ca. 600 Jahre.
Die Problematiken und Nachteile dieser neuen Technolgie sind:
• Es ist unklar, ob wir schon alle fundamentalen nuklearen Eigenschaften dieser Technologie kennen, geschweige beherrschen ( Stichwort: Neuartige Eigenschaften der relativistischen Sekundärteilchen, die möglicherweise Kerne stärker zerstören als Primärteilchen)
• Zur Durchführung dieser Technologie benötigt man eine sehr breite und höchst komplexe Palette von Entwicklungen, Fabrikanlagen, Genehmigungen etc. Ob sich dieses in der westlichen Demokratie durchsetzen lässt, erscheint zumindest fraglich.
• Man kann sehr viel einfacher als bisher in kleinen Beschleuniger-Anlagen nicht-triviale Mengen an Plutonium aus Uran herstellen. Diese Anlagen lassen sich nur schwer konrollieren. Die Internationale Atomenergiebehörde in Wien hat es bisher unterlassen, derartige potentielle Anlagen systematisch zu kontrollieren.
Aus Berlin wurde das „Berliner Elektronen-Synchrotron“ BESSY nach Jordanien „verbracht“. Daran lässt sich die ganze Problematik dieser neuen Technologie erläutern.

 

Mario Keßler
Antike und moderne Demokratie bei Arthur Rosenberg (1889 – 1943)

Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Hoecker-Saal

Dr. Keßler (49) ist Zeithistoriker und Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 2003. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung und unterrichtet an der Universität Potsdam. Er hat zahlreiche Bücher zur Geschichte des Antisemitismus, der europäischen Arbeiterbewegung, zur Exilforschung und zur Historiographiegeschichte veröffentlicht. 2003 war er Gastprofessor an der University of Massachusetts in Amherst (USA).

Der Berliner Historiker Arthur Rosenberg (1889-1943) war ursprünglich Althistoriker, wandte sich nach einer zeitweiligen politischen Karriere in der KPD aber seit Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der Zeitgeschichte zu. Seine Bücher zur Geschichte der römischen Republik, über Aufstieg und Fall der Weimarer Republik, zur Geschichte des Bolschewismus sowie über Demokratie und Sozialismus übten und üben noch heute einen bemerkenswerten Einfluß auf die Debatten zu diesen Themen aus.
Aus seinen Forschungen in mehreren Geschichtsperioden kam Rosenberg zur Erkenntnis, daß Demokratie sehr unterschiedliche Bedeutungen hat. Er differenzierte zwischen antiker, bürgerlicher und sozialistischer Demokratie. Zu letzterer gehört nach Rosenberg auch die Aufhebung der sozialökonomischen Rahmenbedingungen, die in der bürgerlichen Demokratie nur eine begrenzte Mitwirkung der Mehrheit erlauben.
1933 mußte Rosenberg Deutschland verlassen. Über Zürich, London und Liverpool ging er nach New York, wo er am Brooklyn College bis zu seinem frühen Tode lehrte.

 

17. Juni 2004

Peter Petzold
Assimilation und Kontrast bei der Beurteilung durch den Menschen

Klasse Naturwissenschaften
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Lessing-Saal

Prof. Petzold (69) ist Psychologe und Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 2000.

 

Konrad Köstlin
Europäische Ethnologien nach 1989

Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften

Das Jahr 1989 und die Veränderungen, die der Fall des Eisernen Vorhangs mit sich brachte, haben zu Begriffen wie “die Wende“, „Reformstaat“ u.ä. geführt. Man könnte von einer Laborsituation sprechen, in der sich Kulturtheorien überprüfen lassen. Handelt es sich doch um einen „Umbruch“, der für viele Menschen das Ende bisheriger Sicherheiten, Selbstverständlichkeiten und Routinen gebracht hat. Neue und unerwartete Erfahrungen, neues Denken hat sich alten Bildern und Vorurteilen angelagert, Vorurteile mussten revidiert werden, sind aber auch verstärkt worden – hier wie dort, auf beiden Seiten.

Der Vortrag will skizzieren, wie in den Ethnologien Europas, die sich mit den Alltagen der Vielen beschäftigten und das Selbstverständliche thematisieren, dieser Umbruch wahrgenommen wurde: Ob er einfach als unerheblich oder als störend ausgeblendet wurde, national – wie im Falle mancher Reformstaaten – genutzt worden oder in eine breit angelegte Rhetorik von Globalisierung und Europäisierung eingemündet ist. Hier zeigen sich in den Europäischen Ethnologien Unterschiede: Nähe und Ferne zu den Ereignissen spielen eine Rolle, erklären neugierige Zuständigkeit wie auch simple Nichtbefassung.

16. September 2004

Kurzmitteilung
Klaus-Peter Steiger
Die deutschen Aktivitäten zur Chemiewaffenabrüstung in Russland
(Anläßlich des 75. Geburtstages von Karlheinz Lohs)

Klaus-Peter Steiger (64) war nach seinem Studium in der UdSSR seit 1966 in der elektronischen Industrie der DDR, ab 1978 an der AdW der DDR tätig. Seit 1992 freischaffend auf den Gebieten PC-Technik und Ingenieurberatung für deutsche Firmen in Russland, so u.a. seit 1993 an der Projektbearbeitung und Erstellung der russischsprachigen Dokumentationen von Entsorgungsanlagen und an der Schulung der russischen Spezialisten beteiligt.

Karlheinz Lohs hat sich lange Zeit mit der Thematik der Chemiewaffen-Abrüstung in der DDR und im vereinigten Deutschland beschäftigt.
Im Dezember 1992 wurde zwischen Deutschland und Russland ein Abkommen über Hilfeleistung für die Russische Föderation bei der Eliminierung der von ihr zu reduzierenden nuklearen und chemischen Waffen unterzeichnet. Die Vereinbarungen sahen vor, daß Deutschland mit eigenen und EU-Mitteln in der Russischen Föderation in Gorny, Gebiet Saratov/Wolga, eine Versuchsanlage zur Beseitigung der aus einer russischen Vernichtungsanlage chemischer Waffen am gleichen Ort stammenden hochgiftigen Reststoffe errichtet, die dann Ausgangspunkt für die weitere Zusammenarbeit auf diesem Gebiet wird. Diese Anlage wurde im April 2004 dem Betrieb übergeben. Inzwischen ist eine weitere Anlage größerer Kapazität in Kambarka (Udmurtien) in der Bau- und Projektierungsphase.
Die Anlage in Gorny wurde von einem deutschen Konsortium auf der Basis einer für die Bundeswehr ab etwa 1980 errichteten Anlage (Munster) gebaut. Anhand der Betriebsweise der Vorbild-Anlage in Munster, an der das russische Betriebspersonal geschult wurde, und russischer Unterlagen soll über angewandte Entsorgungs-Technologien chemischer Waffen und die Gesamtproblematik für Russland berichtet werden.

Lutz-Günther Fleischer
Lebensmittelverfahrenstechnische und biotische Aspekte der Gewinnung und des Einsatzes von health ingredients 

Prof. Fleischer (66) ist Verfahrenstechniker und Mit¬glied der Leibniz-Sozietät seit 2004. Er leitet das Fachgebiet Lebensmittelverfahrenstechnik an der Technischen Universität Berlin sowie das traditionsreiche Berliner Zuckerinstitut und ist Dekan der Fakultät für Prozesswissenschaften der Technischen Universität.

Die zu Recht sehr hohen Erwartungen der Verbraucher an Lebensmittel in allen Formen betreffen vor allem in Europa, Japan und den USA nicht mehr nur alle qualitativen Aspekte der Nahrungs- und Genussmittel; zunehmend soll mit ihrem Verzehr ein erkenn- und prüfbarer gesundheitlicher Zusatznutzen eintreten.
Die Liste der gesundheitsfördernden Ansprüche an derartige functional food enthält eine Vielzahl von Körperfunktionen und Regulationen, z. B. die physische und mentale Verfassung, das Immunsystem, die Vorbeugung von Zivilisationskrankheiten, das Verlangsamen von Alterungsprozessen, die Unterstützung der Rekonvaleszenz bestimmter Erkrankungen. Das aktuelle Umsatzvolumen von functional food beträgt in Deutschland ca. 1 Mrd. Euro, das geschätzte Marktpotential 6-11 Mrd. Euro, was bis zu 10 % des Nahrungsmittelumsatzes entspricht.
Im Vortrag werden die lebensmittelwissenschaftlichen, insbesondere die lebensmittelverfahrenstechnischen Methoden des Funktionalisierens von Lebensmitteln über prozessinduzierte health effects und die Integration von health ingredients generell erörtert und an zwei Forschungsprojekten des Fachgebietes Lebensmittelverfahrenstechnik der Fakultät für Prozesswissenschaften der Technischen Universität im Speziellen vorgestellt.
Die anschaulichen Beispiele betreffen die Gewinnung und den Einsatz von -Glucanen aus Bäcker- bzw. Bierhefen im Lebensmittelbereich und für Immunkosmetika sowie neu isolierte und getestete Milchsäurebakterien für funktionelle Getränke auf Getreidebasis.
Die damit erzielten und experimentell bewiesenen Bioaktivitäten werden diskutiert und damit verbundene Problemstrukturen skizziert.

 

 

Günter Krause
Ökonomisches Denken in den Vereinigten Staaten von Amerika. Anfänge und Grundlegung im 18. und 19. Jahrhundert

Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Hoecker-Saal

Prof. Krause (61) arbeitet auf dem Gebiet der Volkswirtschaftslehre/Politischen Ökonomie, sein spezielles Interesse gilt der Geschichte der Volkswirtschaftslehre. Nach Lehr- und Forschungstätigkeit an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/O. und am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt/M., unterbrochen durch Gastlehrtätigkeit und Forschungsaufenthalte an diversen Universitäten und Hochschulen des In- und Auslandes, arbeitet er jetzt für die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er kann auf zahlreiche Buch- und Zeitschriftenpublikationen im nationalen und internationalen Rahmen verweisen. Mit¬glied der Leibniz-Sozietät ist er seit 2003.

Der Vortrag widmet sich der Genesis des ökonomischen Denkens in der Epoche der Entstehung und Entfaltung des US-amerikanischen Kapitalismus – ausgehend von der Überlegung, daß speziell das geistige Profil und die intellektuelle Verfaßtheit der bedeutenden Gesellschaften der bürgerlichen Moderne großes Interesse verdienen.
Vor allem drei Fragen werden in den Mittelpunkt der Präsentation gestellt:
1. Welche historischen Zäsuren und Perioden weist das ökonomische Denken in den Vereinigten Staaten auf?
2. Welches waren speziell in dem zur Betrachtung anstehenden Zeitraum die herausragenden Phänomene des ökonomischen Denkens?
3. Weist das hier vorgestellte ökonomische Denken charakteristische Merkmale auf und wenn ja, um welche handelt es sich dabei?

Kurzvortrag
Jan Peters
Jürgen Kuczynski 100 Jahre 

Prof. Peters (72) ist Historiker. Er war Mitarbeiter des Instituts für Wirtschaftsgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR und Chefredakteur des Jahrbuchs für Wirtschaftsgeschichte. 1994 berief ihn die Universität Potsdam zum Professor; außerdem leitete er die Max-Planck-Arbeitsgruppe „Ostelbische Gutsherrschaft“. Seit 1997 ist er im Ruhestand, arbeitet jedoch weiter als Vorstandsmitglied der Brandenburgischen Historischen Kommission.

Des Polyhistors Jürgen Kuczynski wird durch den Versuch gedacht, einige seiner (auch problematischen) „Erbstücke“ zu benennen. Sie sind auch heute aktuell, obwohl der „linientreue Dissident“ und weltläufige Bildungsmarxist auf die bundesdeutsche Gesellschaft, wie sie heute Realität geworden ist, nicht hingelebt hat. Es wird nach der Gültigkeit von Gelehrten-Eigenschaften gefragt, die Kuczynski – Historiker, Ökonom und manches andere, Verfasser von über 100 Büchern – vorgelebt hat: Mut zur wissenschaftlichen und politischen Eigenständigkeit, auch wenn der Wind der Vorgaben (welcher Art auch immer) einem ins Gesicht weht; genußvoll-unartige Hingabe an eine hohe wissenschaftliche Streitkultur; standfester bis starrer Umgang mit schonungslos benannten Widersprüchen der Gesellschaft oder auch mit Selbstzweifeln. Auch andere Erbstücke Kuczynskis erweisen sich als eine wissenschaftliche Verhaltensprogrammatik, um deren Akzeptanz sich stets mit Gewinn streiten ließ, streiten läßt und gestritten werden wird.

 

18. November 2004

Klaus Irrgang
Altes und Neues zur berührenden Temperatursensorik

Klasse Naturwissenschaften
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Lessing-Saal

Dr. Irrgang (54) ist Automatisierungstechniker und Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 2004. Nach Studium und Promotion (1978) in Ilmenau war er im Thermometerwerk Geraberg (Thür.) – jetzt Temperaturmesstechnik Geraberg GmbH – in der Forschung und Entwicklung zu elektrischen Thermometern leitend tätig. Jetzt ist er Geschäftsführer der GmbH. Drei weitere GmbH-Gründungen betrafen Firmen mit messtechnischen Geschäftsfeldern. Zwei einschlägige Bücher hat er in diesem Jahr veröffentlicht. Außerdem ist er Vorsitzender des Fördervereins „Thermometermuseum Geraberg“.

Nach der Zeit ist die Temperatur die zweithäufigst gemessene technisch physikalische Größe. Im Energiesparmanagement der Volkswirtschaft ist sie sogar die wichtigste Messgröße. Die mehr als 2000jährige Geschichte der Temperaturmesstechnik hat mehr als 100 000 verschiedene Arten von Thermometern hervorgebracht. Nach einem Überblick über diese Vielfalt wird der Vortragende über neue technische Lösungen im Bereich der elektrischen Thermalsensorik berichten. Er ist nicht nur als Spezialist kompetent, sondern überdies genau da geboren worden, wo die Wiege deutscher industrieller Thermometrie zu finden ist: in Thüringen.

 

Stefan Bollinger
Der „Richta-Report“ – Vergessene marxistische Alternativen in Zeiten der Produktivkraftrevolution

Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Hoecker-Saal

Dr. Bollinger (50) ist Politikwissenschaftler und Historiker sowie Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 2003. Er war 1989/90 Hochschuldozent und Wissenschaftsbereichsleiter; seit der Abwicklung 1990 ist er in der Privatwirtschaft, gegenwärtig Dozent in der Erwachsenenbildung sowie Lehrbeauftragter am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Ehrenamtlich ist er Stellvertretender Vorsitzender der „Hellen Panke“ e.V.
Seine Veröffentlichungen setzen sich vorzugsweise mit Politik und Ideologie in der DDR sowie mit der Imperialismustheorie auseinander.

Radovan Richta gehört zu den vergessenen Wegbereitern des Prager Frühlings 1968. Das von ihm geleitete interdisziplinäre Team der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften untersuchte als eines der ersten die Umbrüche, die Revolution der Produktivkräfte für die Gesellschaften in Ost und West, sah die „Zivilisation am Scheideweg“, so der Titel seines legendären „Richta-Reports“.
Dieser war in der CSSR weit verbreitet; westdeutsche Universitätsseminare diskutierten ihn, und SED-Chef Ulbricht ließ ihn sich wohlwollend übersetzen. Vordergründig als Kritik am stalinistischen Sozialismus der CSSR und des Ostblocks gelesen, erweist sich mit zunehmender zeitlicher Distanz, dass die Folgen dieser Revolution und die besondere Rolle des Menschen, seiner Bildung, Qualifizierung und Verantwortung in diesen Prozessen, dass Demokratisierung und Mitbestimmung in allen Bereichen der Gesellschaft einschließlich der Unternehmen sowie die Entwicklung einer modernen Lebensweise ungelöste Forderungen erst recht an den HighTech-Kapitalismus sind. Denn dieser erwies sich im Unterschied zum Realsozialismus zwar als technisch-technologisch erfolgreicher als der Ostblock, stößt aber sozial wie politisch zunehmend auf Grenzen.
Radovan Richta, der Prager marxistische Philosoph und Soziologe, hat eine andere Lesart des Dauerkonflikts von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen vorgelegt, die einst sowohl die DDR-Wirtschaftsreform Neues Ökonomisches System inspirierte als auch die philosophischen Grundlagen der ökonomischen und politischen Reformen in Prag lieferte. Sowjetische Panzer damals und die Macht des neoliberalen Zeitgeists heute haben seine Ideen verschüttet. Sie freizulegen, ist für gesellschaftliche Alternativen aber brandaktuell.

 

16. Dezember 2004

Diedrich Möhlmann
Entstehung von Planeten- und Satellitensystemen – Irrtümer und Bleibendes

Klasse Naturwissenschaften
Institut für Bibliothekswissenschaft, Berlin 10117 Berlin, Dorotheenstr. 26, Saur-Bibliothek

Prof. Möhlmann (62) ist Geophysiker. Nach dem Studium an der Technischen Universität Dresden (Diplom 1967)wurde er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR in Potsdam, wo er sich vor allem mit Ionosphären- und Magnetosphärenphysik sowie Weltraumforschung und Planetenentstehung befasste und wo er 1972 promoviert wurde und sich 1978 habilitierte. 1983 wurde er zum Professor für Weltraumforschung berufen und leitete Geräteentwicklung und Bildbearbeitung bei der VEGA- (Venus + Komet Halley) sowie bei der Phobos-(Marsmond)-Mission.
Seit 1991 arbeitet er in der DLR, wo er seit 2003 eine Arbeitsrichtung „in-situ Forschungen“ – insbesondere zu Wasser im oberen Marsboden – aufbaut.

Die Entstehung der Welt, also früher einmal die der Erde, der Planeten, der Sonne und der Sterne, ist natürlich ein sehr altes Thema, wobei es interessant ist, die Entwicklungen dieser Vorstellungen einmal Revue passieren zu lassen. Und man findet rückblickend eine große Ansammlung von Irrtümern auch von sehr bekannten Wissenschaftlern, bis hin zu Nobelpreisträgern. Aber das gehört zur wissenschaftlichen Suche im Unbekannten. Oft war dabei die Suche nach einer hinter den heutigen Strukturen im Planetensystem steckenden “großen” und möglichst “elementaren” Harmonie und den sie verursachenden physikalischen “Elementarprozessen” der Leitfaden für den irrigen Versuch, alles quasi mit einem Schlag oder “aus einem Wirkprinzip heraus” erklären zu können.
Übrig geblieben ist der Kant´sche Ansatz “mühevoller” stochastischer und wechselwirkender Anlagerungs- und (gemäss Kant) ”Repulsions”-Prozesse, der zunehmend in seinen Einzelprozessen mathematisch-physikalisch modellierbar und astronomischen Beobachtungen zugänglich wird, wobei erkennbar wird, dass die offenbare Vielzahl der Welten aus den vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten in den jeweiligen und sehr vielfältigen Einzelprozessen resultiert, und dass es keinen “Hauptweg” für die Planetenentstehung und noch keine “Standardmodelle” gibt. Unser Planetensystem und die Erde sind einmalig und ohne “gesetzmäßige Zwillinge”, sie gehören aber zu einem “Stammbaum” kosmischer Körper, der viele Verzweigungen und Verästelungen hat, und der in der Folge der Entstehung von Sternen wächst, auch gegenwärtig. Diese Einmaligkeit unserer Welt ist Verpflichtung.

 

Friedbert Ficker
Gerhard Bersu und die vorgeschichtliche Hausforschung

Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte; Hoecker-Saal

Prof. Prof. Ficker (77) ist Kunst- und Kulturhistoriker und Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 2000. Nach vielseitiger Ausbildung – bis hin zur Archäologie, Ägyptologie und Medizingeschichte – lehrte er seit 1966 an unterschiedlichen akademischen Bildungsstätten, zuletzt bis 1986 an der Universität München, wobei sein besonderes Interesse der Kunstgeschichte der Länder Südosteuropas galt. Die Frucht von über 20 Studienaufenthalten in Südosteuropa (ehemalige Länder Jugoslawiens, Rumä¬nien, Bulgarien, Griechenland) schlug sich in zahlreichen Gastvorträgen, in mehreren Lexika sowie in Ausstellungen aus seiner privaten Sammlung nieder. Er ist Mitglied der Academia Scientia¬rum et Artium Europaea in Salzburg, der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz so¬wie der Serbischen Akademie der Wissenschaften in Belgrad.

Das Leben und Schaffen von Gerhard Bersu ist von einer gewissen Tragik überschattet durch den hohen Tribut, den ihm seine Zeit abgefordert hat. Ein Ausgrabungspraktiker von hoher Begabung, hat er der prähistorischen Archäologie wesentliche Impulse gegeben. Mit seien Flächenausgrabungen, wie er sie z. B. auf dem Goldberg bei Nördlingen mustergültig praktiziert hat, wurde er zu einem der Begründer der Siedlungsarchäologie und der prähistorischen Hausforschung überhaupt. Seiner internationalen Wertschätzung war es auch zu verdanken, dass er der deutschen Vorgeschichtsforschung – nicht zuletzt durch seine Tätigkeit bei der Römisch-Germanischen Kommission – nach dem Ersten Weltkrieg wieder zu dem verdienten Ansehen verhelfen konnte. Dennoch war er den Verfolgungen der Nazis aus rassistischen Gründen bis zur Emigration nach England ausgesetzt, wo er seine Grabungstätigkeit unbeirrt fortsetzte. Nach dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands konnte er als Direktor der Römisch-Germanischen Kommission sowie durch Auszeichnungen und Ehrungen seine Ehrenrettung noch erleben.