Wissenschaftliche Sitzungen des Plenums der Leibniz-Sozietät im Jahre 2009

Nachfolgend werden die im Jahr 2009 stattgefundenen wissenschaftlichen Sitzungen im Plenum der Leibniz-Sozietät zusammen mit den Kurzreferaten und Angaben zu den C.V. der Vortragenden aufgelistet.

Die Namen der Autoren sind mit dem Autorenverzeichnis verlinkt und die einzelnen Beiträge, die bereits in einer Publikationsreihe der Leibniz-Sozietät erschienen sind, sind als PDF-Dateine unterlegt.

8. Januar 2009

Helmut Bock:
Karl Freiherr vom Stein. Querdenker und Eröffner der Preußischen Reformen vor 200 Jahren
Neues Stadthaus, Parochialstr. 1-3, 10179 Berlin, Otto-Suhr-Saal
Zusammenfassung: Leibniz Intern Nr. 42; 20.03.09 

Prof. Bock (80) ist Historiker und Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 1994. Vormals am Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR tätig, erhielt er danach einen Einzelvertrag im Wissenschaftler-Integrations-Programm der ostdeutschen Bundesländer (WIP) und wurde Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität Berlin. Seine jüngsten Buchpublikationen: „Aufbruch in die Bürgerwelt. Historische Miniaturen aus Vormärz und Biedermeier“ (Hrsg., Münster 1994), „Ferdinand v. Schill. Preußische Köpfe“ (Berlin 1998), „Napoleon Bonaparte“ (Berlin 2006), „Heinrich Heine“ (Berlin 2006). Zur eigenen Person: „Wir haben erst den Anfang gesehen. Selbstdokumentation eines DDR-Historikers“ (Berlin 2002).

Wohl dem Staat, der in der Krise charaktervolle Gestalten findet, die ihn erneuern und zu besserer Existenz zu führen vermögen. So geschah es mit dem alten, friderizianischen Preußen. Von Napoleon Bonaparte zum Krieg von 1806 provoziert, bei Jena und Auerstedt in die tiefste Katastrophe gestürzt, war guter Rat teuer. Da fand sich ein Mann, der modernisierende Innovationskraft eines preußischen Politikers vorlebte – obwohl er von Herkunft kein Preuße und auch kein Liberaler, sondern ein gebürtiger Reichsritter der Rheinlande und ein human denkender Konservativer war. Er hatte aus seiner Begegnung mit der Französischen Revolution eine Folgerung gezogen, die sein Denken und Handeln bestimmte: „Bildung der unteren Klassen und Verbesserung ihres Zustandes scheint mir das sicherste Mittel, um der Revolution zuvorzukommen.“ Kulturelle und politische Verbesserungen für das Bürgertum und das arbeitende Volk vermieden die gewaltsame Revolution und schufen die Voraussetzungen einer vaterländischen Massenbewegung, die Deutschland von napoleonischer Vorherrschaft befreite.

 

12. Februar 2009

Christa Luft:
Die Finanzkrise, der gescheiterte Neoliberalismus und die Wiederbelebung der Systemdebatte
Neues Stadthaus, Parochialstr. 1-3, 10179 Berlin, Otto-Suhr-Saal
Zusammenfassung: Leibniz Intern Nr. 42; 20.03.09 

Frau Prof. Luft ist Außenwirtschaftsökonomin. Sie wurde 1987 zum Korrespondierenden Mitglied der 1700 von Leibniz in Berlin begründeten Gelehrtengesellschaft gewählt, der heutigen Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V.
Sie war langjährig an der Berliner Hochschule für Ökonomie (HfÖ), der größten wirtschaftswissenschaftlichen Lehr- und Forschungseinrichtung der DDR, tätig, zuletzt als Rektorin. Von 1978 bis 1981 arbeitete sie als Stellvertretende Direktorin des Internationalen Ökonomischen Forschungsinstituts beim Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe in Moskau. Im Wendeherbst 1989 wurde sie in die Regierung Modrow berufen und mit dem Amt einer Stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates für den Bereich Wirtschaft betraut. Nach Abwicklung der HfÖ im Jahre 1991 war sie Dozentin an dem von ihr mitbegründeten Institut für Internationale Bildung e. V. Von 1994 bis 2002 gehörte Christa Luft als direkt gewählte Abgeordnete dem Deutschen Bundestag an und war haushaltspolitische Sprecherin der PDS-Fraktion. Seit Ende 2002 ist sie ehrenamtlich Vorsitzende des Kuratoriums der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Sie arbeitet als freischaffende Publizistin.

Einleitend wird die Entwicklung des von Karl Marx analysierten Industriekapitalismus zum gegenwärtigen Finanzmarktkapitalismus skizziert. Dessen Akteure sind einzig vom Streben nach kurzfristigem Wertzuwachs ihres Portefeuille getrieben und terrorisieren mit ihren exorbitanten Renditeerwartungen die Realwirtschaft. Mensch und Umwelt sind nur noch Kostenfaktoren.
Aus der Ursachenanalyse für die weltweite, die Spekulation anheizende Überschussliquidität wird deutlich, dass die Finanzkrise weder Zufall noch lediglich Ergebnis von Managergier ist. Sie ist Ausfluss marktradikaler Politik, die auf Privatisierung, Liberalisierung, Deregulierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und Staatsabstinenz setzt und so dem Grundgesetz kapitalistischen Wirtschaftens ungehemmte Entfaltung gewährleistet. Die Referentin vertritt die These, dass die aktuelle Finanzkrise keine wie viele vorherige ist. Sie ist von globaler Dimension und mit Krisen in anderen gesellschaftlichen Bereichen eng verflochten. Ohne diesen Fakten Rechnung zu tragen, bleibt die Suche nach Auswegen erfolglos. Das bezeugen die bisherigen staatlichen „Rettungsmaßnahmen“. Sie gleichen eher Notfallaktionen als einer nachhaltigen Strategie. Gescheitert ist das neoliberale Entwicklungsmodell, seine Wortführer in Wissenschaft und Politik sind blamiert. Die Systemdebatte erhält Impulse. Einige Aspekte greift die Referentin auf.

12. März 2009 

Prof. Dr. Helga Schultz (Berlin):
Der „cultural turn“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften und seine erkenntnistheoretischen Konsequenzen
Neues Stadthaus, Parochialstr. 1-3, 10179 Berlin, Otto-Suhr-Saal
Zusammenfassung: Leibniz Intern Nr. 43; 30.06.09 

Frau Prof. Schultz ist Wirtschafts- und Sozialhistorikerin und Mit¬glied der Leibniz-Sozietät seit 1997. Nach Promotion (1969) und Habilitation (1978) an der Universität Rostock arbeitete sie bis 1991 am Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin. Von 1993 bis zur Pensionierung 2006 hatte sie einen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Neuzeit an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) inne. 2007 bis 2009 weilte sie als Gastprofessorin am Institut für Angewandte Linguistik der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań.

Die als cultural turn bezeichnete kulturalistische Wende erscheint als ein allgemeines Phänomen der Geistes- und Sozialwissenschaften, das mannigfaltige Einzelentwicklungen übergreift, wie den „linguistic turn“, den „anthropological turn“ und auch die Neue Institutionenökonomie.
Der Vortrag stellt die kulturalistische Wende in den Zusammenhang der großen geistigen Umbrüche im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Sie wurzelt in dem dekonstruktivistischen Aufbruch der neuen Linken (Foucault, Derrida), in der desillusionierten Abwendung vom Marxismus wie vom Rationalismus und Fortschrittsvertrauen der Moderne. Die kulturalistische Wende eröffnet neue Perspektiven und wirft ernste erkenntnistheoretische Fragen auf. Sie vertieft den Graben zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften.

09. April 2009 

Prof. Dr. Georg Bretthauer (Karlsruhe):
Sehen wie ein Adler – Utopie oder Wirklichkeit?
Neues Stadthaus, Parochialstr. 1-3, 10179 Berlin, Otto-Suhr-Saal

Prof. Bretthauer (62) ist Steuerungs- und Regelungstechniker und Mit¬glied der Leibniz-Sozietät seit 2003. Er studierte an der Technischen Universität Dresden, an der er 1977 zum Dr.-Ing. promoviert wurde und sich 1983 habilitierte. Von 1970-1991 war er im Zentralinstitut für Kybernetik und Informationsprozesse der Akademie der Wissenschaften der DDR in Dresden tätig. Anschließend war er für neun Monate Gruppen¬leiter für wissensbasierte Systeme in der Einrichtung für Prozesssteuerung Dresden des FhG-Institutes für Informations- und Datenverarbeitung Karlsruhe. Im Jahr 1992 wurde er zum Professor für Steuerungs- und Regelungstechnik an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg und Direktor des Institutes für Automatisierungstechnik ernannt. Seit 1. Oktober 1997 ist er Professor für Angewandte Informatik/Automatisierungstechnik an der Universität Karlsruhe und Leiter des Instituts für Angewandte Informatik/Automatisierungstechnik (AIA) sowie Leiter des Institutes für Angewandte Informatik (IAI) im Forschungszentrum Karlsruhe.
Von 1996 bis 1999 war er Leiter des Fachbereiches Theorie der GMA und von 2000 bis 2003 Vorsitzender der GMA. Seine Arbeitsgebiete sind: Modellbildung, Simulation und Optimierung mecha¬tronischer Systeme und Mikrosysteme; Web-basierte Informationssysteme und Daten-banken; Anwendung von Methoden der Computational Intelligence für automatisierungs-technische Problem¬-stellungen; Virtual Reality-Systeme.
Seit 2003 ist er Herausgeber der Fachzeitschrift „Automatisierungstechnik“. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen und einer der Fachherausgeber des Lexikons „Automatisierung und Messtechnik“ (Mittag Verlag 1996).

Die Fähigkeit des Menschen, Objekte in unterschiedlicher Entfernung scharf sehen zu können, wird als Akkommodation des menschlichen Auges bezeichnet. Mit zunehmendem Alter verliert der Mensch jedoch durch eine immer größer werdende Versteifung der Augenlinse diese Fähigkeit, und ab einemAlter von etwa 50 Jahren steht nur noch eine geringfügige bzw. keine Akkommodationsfähigkeit mehr zur Verfügung. Die Konsequenz davon ist das Tragen einer Brille. Bei einer ebenfalls mit zunehmendem Alter auftretenden Linsentrübung, dem so genannten Grauen Star, sind eine Entfernung der Linse und die Implantation einer Intraokularlinse notwendig. Da diese Ersatzlinse genauso wie die Sehhilfe starr ist, ist in beiden Fällen, d.h. bei dem Grauen Star und bei der Alterssichtigkeit, keine Akkommodationsfähigkeit mehr vorhanden.
Weltweit laufen deshalb zahlreiche Forschungsprojekte, bei denen versucht wird, die Akkommodationsfähigkeit des menschlichen Auges wieder herzustellen. Ein neuer Ansatz dazu ist ein intelligentes Mikrosystem, das im Kapselsack des Auges anstelle der Linse implantiert wird und dort autark, je nach Akkommodationsbedarf, die Brechkraft eines integrierten aktiv optischen Elementes anpasst und somit das normale Sehen wieder ermöglicht.
In dem Vortrag wird ein solches künstliches Akkommodationssystem vorgestellt. Ausgehend von den medizinischen und den technischen Anforderungen werden das entwickelte Gesamtkonzept, die einzelnen Komponenten des intelligenten Mikrosystems und die bisher vorliegenden Ergebnisse zusammenfassend dargestellt. Das Zusammenspiel der entwickelten Komponenten wird anhand eines Videos demonstriert. Abschließend wird die mit der Vortragsüberschrift verbundene Fragestellung diskutiert.

 

14. Mai 2009 

Prof. Dr. Gerhard E. Ortner (Paderborn):
Des Kaisers neue Lehrer: Elektronik statt Didaktik?
Neues Stadthaus, Parochialstr. 1-3, 10179 Berlin, Otto-Suhr-Saal
Zusammenfassung: Leibniz Intern Nr. 43; 30.06.09 

Prof. Ortner (69) studierte Wirtschafts-, Rechts- und Erziehungswissenschaften in Wien und habilitierte sich an der Universität Paderborn. Lehr- und Forschungstätigkeit übte er an zahlreichen Universitäten im In- und Ausland aus. Jetzt ist er Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Personalwirtschaft und Unternehmenskommunikation, an der FernUniversität in Hagen, Honorarprofessor am Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie der Freien Universität Berlin, Visiting Professor an der Donau-Universität Krems sowie langjähriger geschäftsführender Direktor des Zentralen Institutes für Fernstudienforschung mit dem Arbeitsbereich Bildungsökonomie und Bildungsmedien an der FernUniversität in Hagen. 2002 bis 2004 war er Prorektor für Forschung, wissenschaftlichen Nachwuchs und internationale Beziehungen der FernUniversität in Hagen. Dem Hagener Institut für Managementstudien steht er als Vorstandsvorsitzender vor.
Er kann ferner auf langjährige erfolgreiche Tätigkeit als Politik- und Unternehmensberater zurückblicken. Er ist Vorsitzender und Vorstandsmitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften und Bildungsvereinigungen, u.a. Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft für Pädagogik und Information e.V., Vorstandsvorsitzender des Kuratoriums Wirtschaftskompetenz für Europa e.V. und zweiter Präsident der ESEC-European Society for Education and Communication sowie Leiter und Mitarbeiter von zahlreichen internationalen Projekten, insbesondere von Projekten der Förderprogramme der Europäischen Gemeinschaft. Bei zahlreichen Einzelveröffentlichungen, Aufsätzen und Periodika zu wirtschafts- und bildungswissenschaftlichen Themen zeichnet er als Autor oder Herausgeber. Für seine Verdienste für Bildung und Kultur wurde ihm vom Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Auch aus der gegenwärtigen globalen Mehrfachkrise soll der traditionelle „Kraftstoff Bildung“ heraushelfen. Massenhaftes „Personalvermögen“ der Menschen, also ihre hohen Qualifikationen und Motivationen, sollen Menschen befähigen, die globalen politischen und ökonomischen Probleme zu lösen. Die hierzu erforderlichen vollständigen Lernprozesse bedürfen allerdings der intensiven und flächendeckenden Unterstützung; dabei geht es nicht nur um finanzielle Ressourcen, sondern vielmehr um didaktische Kapazität. Die sind gegenwärtig nicht verfügbar und auf dem üblichen Weg auch nicht kurz- und mittelfristig zu beschaffen bzw. herzustellen.
Deshalb setzen Politiker wie schon in den siebziger Jahren wieder vermehrt auf die Instrumente und Verfahren der Informations- und Kommunikationstechnik bzw. – Informations- und Kommunikationstechnologie, auf das, was im allgemeinen Sprachgebrauch – „elektronisches Lernen“ genannt wird. Dass Lehrprozesse auf Medien verfügbar gemacht werden können („E-Teaching“), ist unbestritten. Deren Qualität wird jedoch nicht durch die Elektronik, sondern durch das didaktische Geschick der Programmautoren bestimmt.
Es stellen sich die Fragen, welche Bedingungen die existierenden Schulen und Schulsysteme erfüllen müssen, damit „E-Learning“ erfolgreich eingesetzt werden kann, und welche Funktion die derzeitigen Lehrerinnen und Lehrer in diesem Zusammenhang in Zukunft erfüllen müssen. Werden die Frage nicht positiv beantwortet und die Antworten nicht in die bildungspolitische bzw. schulpraktische Realität umgesetzt, dann bleiben auch die „neuen Lehrer“ weiterhin mehr oder weniger wirkungslos.

 

11. Juni 2009 

Lothar Kolditz:
Kollektivität und Emergenz – die Weltformel
Neues Stadthaus, Parochialstr. 1-3, 10179 Berlin, Otto-Suhr-Saal
Zusammenfassung: Leibniz Intern Nr. 43; 30.06.09 

Prof. Kolditz (79) ist Chemiker. Er wurde 1969 zum Korrespondierenden, 1972 zum Ordentlichen Mitglied der 1700 von Leibniz begründeten Gelehrtengesellschaft gewählt, der heutigen Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V.
Nach Promotion (1954) und Habilitation (1957) war er 1957 – 1959 Professor mit Lehrauftrag für Spezialgebiete der anorganischen Chemie und Radiochemie an der Technischen Hochschule für Chemie Leuna-Merseburg, 1959 – 1962 Professor mit vollem Lehrauftrag für anorganische Chemie und Direktor des Anorganisch-Chemischen Instituts der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie 1962 – 1980 Professor mit Lehrstuhl für anorganische Chemie und Direktor des I. Chemischen Instituts der Humboldt-Universität. 1972 – 1980 leitete er die Sektion Chemie der Humboldt-Universität und 1980 – 1990 das Zentralinstitut für Anorganische Chemie der Akademie der Wissenschaften der DDR.

In seinem Buch „Abschied von der Weltformel“ begründet Robert B. Laughlin die Aussagen:
– Alle uns bekannten physikalischen Gesetze gehen aus kollektivem Geschehen hervor.- Physikalische Gesetzmäßigkeiten müssen experimentell entdeckt werden, sie sind nicht durch bloßes Denken zu antizipieren.
– Die Aufstellung der Weltformel ist von der Sache her nicht erreichbar.
– Das Zeitalter des Reduktionismus ist vorüber, das Zeitalter der Emergenz hat begonnen.
Erläuterungsbeispiele entnimmt Robert B. Laughlin schwerpunktmäßig aus seinem Arbeitsgebiet. Er erhielt 1998 gemeinsam mit Dan Tsui und Horst Störmer den Nobelpreis für Physik.
Die Aussagen von Robert B. Laughlin werden im Vortrag an Hand von Systembetrachtungen überprüft, wobei – in anderer Vorgehensweise als der Entwicklung im Buch – mit einfachen Systemen begonnen wird und der Übergang zu immer komplexeren Systemen bis hin zu solchen mit chaotischem Charakter erfolgt. Ein Widerspruch zu den Laughlinschen Aussagen konnte nicht gefunden werden. In den Schlussfolgerungen des Vortrages werden die Aussagen zum Reduktionismus präzisiert.
Auf Grund der Systembetrachtungen wird in Übereinstimmung mit Laughlin festgestellt, dass die Aufstellung der Weltformel als nicht erreichbar anzusehen ist. Zur Erläuterung werden Ergebnisse der Theorie der Schleifen-Quantengravitation, der Stringtheorie und Gödels Unvollständigkeitssatz mit einbezogen.

 

10. September 2009 

Petra Gentz-Werner:
Charles Darwin und Alexander von Humboldt – Anregung, Verehrung, Kritik Neues Stadthaus, Parochialstr. 1-3, 10179 Berlin, Otto-Suhr-Saal
Zusammenfassung: Leibniz Intern Nr.45; 20.11.09 

Dr. Gentz-Werner, promovierte Biochemikerin, habilitierte Wissenschaftshistorikerin und Schriftstellerin, wurde zu zahlreichen Vortragsreisen und Gastaufenthalten ins Ausland eingeladen, u. a. nach Adelaide/Australien, Tokio/Japan, Tartu/Estland und mehrfach an die Yale University/USA. Sie hat mehrere wissenschaftliche Bücher zu wissenschaftshistorischen Themen des 19. und 20. Jahrhunderts geschrieben, u. a. zur Geschichte der Erforschung der Sauerstoffatmung und der Vitaminforschung. In den letzten Jahren veröffentlichte sie die Monographien „Himmel und Erde. Alexander von Humboldt und sein Kosmos“, „“Roter Schnee oder Die Suche nach dem färbenden Prinzip“ und das populäre Buch „Darwin. Die Entdeckung des Zweifels.“ Zu Charles Darwin publizierte sie außerdem mehrere wissenschaftliche Aufsätze, u. a. „Was Darwin nicht bekam“.

Stimmt es, was Darwin-Forscher jahrzehntelang glaubten, dass Charles Darwin Alexander von Humboldt nur in früher Jugend verehrte und später ausschließlich kritisch sah?
Petra Werner kommt nach Auswertung der fast 20bändigen Darwin-Briefausgabe zu einer anderen Auffassung: Darwin wurde durch Humboldt lebenslang angeregt – auch für sein Hauptwerk „Origin of Species“. Sie stützt sich u. a. auf die die Durchsicht des Verzeichnisses der Darwinschen Bibliothek in Cambridge, die Anstreichungen Darwins enthält. Diese belegen, dass Darwin noch 14 Tage vor seinem Tod Werke Alexander von Humboldts gelesen bzw. wieder gelesen hat.

 

8. Oktober 2009 

Lothar Kolditz zum 80. Geburtstag
Sitzung der Klasse Naturwissenschaften und des Plenums der Leibniz-Sozietät

Prof. Dr. Hans-Heinz Emons (Goslar):
Salzbildner – F3
Neues Stadthaus, Parochialstr. 1-3, 10179 Berlin, Otto-Suhr-Saal
Zusammenfassung: Leibniz Intern Nr.45; 20.11.09 

Mit Beiträgen von Siegfried Wollgast, Horst Hennig, Dietmar Linke, Hans-Heinz Emons)

Prof. Emons (79) ist Chemiker. Er wurde 1970 zum Korrespondierenden, 1973 zum Ordentlichen Mitglied der 1700 von Leibniz in Berlin begründeten Gelehrtengesellschaft gewählt, der heutigen Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V.“. Nach Studium und Promotion (1957) in Dresden sowie Habilitation (1962) lehrte er bis 1975 an der TH Leuna-Merseburg, danach bis 1988 an der Bergakademie Freiberg. 1988-89 war er Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1990-92 Arbeitsgruppenleiter an deren Zentralinstitut für anorganische Chemie in Berlin-Adlershof. Er verfasste zahlreiche Veröffentlichungen und erwarb 35 Patente, vorzugsweise zur Chemie und Technologie anorganischer Salze sowie zur Chemie konzentrierter Elektrolytlösungen und Salzschmelzen. Mit dem Dr. h.c. ehrten ihn Hochschulen in Leningrad, Merseburg und Leoben (Österreich); die Königlich-Norwegische Wissenschaftsakademie in Trondheim sowie die Norwegische Akademie der Wissenschaften in Oslo wählten ihn zu ihrem Mitglied.

Prof. Dr. Siegfried Wollgast (Dresden):
Toleranz und Intoleranz in der Wissenschaft und im Alltag 

Prof. Wollgast (76) ist Philosophiehistoriker und Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 1995. Nach dem Studium der Philosophie und der Geschichte in Jena und Berlin arbeitete er von 1968 bis 1992 an der Technischen Universität Dresden – von 1976 an als Professor für Philosophiegeschichte. 1978 bis 1994 war er Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Die Liste seiner Publikationen zählt mehr als 700 Titel, darunter etwa 30 Bücher. Einen nicht geringen Teil davon hat Prof. Wollgast der Ehrenrettung wenig beachteter, verkannter oder dogmatisch interpretierter Personen und Tendenzen in der Philosophiegeschichte gewidmet.

Toleranz und Intoleranz stehen in einem engen Zusammenhang. Sie werden häufig allein auf Glaubens-, Religions-, Gewissens- und Meinungsfreiheit bezogen, weniger auf ihren ethischen Aspekt. Beide Begriffe gelten auch in den Naturwissenschaften und im Alltag. Zu ihrer Bewältigung sind noch viele Forschungen nötig. Generell wird Intoleranz fast ausschließlich negativ gefasst. Man verschweigt, dass Intoleranz und Toleranz untrennbar verbunden sind, dass Intoleranz nicht nur negativ ist, dass unter Umständen Toleranz auch als Intoleranz wirken kann und umgekehrt. Die Probleme um diese beiden sinnwissenschaftlichen Zentralbegriffe sind nicht allein rational, sondern auch emotional bewältigbar. Das Referat kann nur auf einige dieser Probleme eingehen.

 

12. November 2009 

Alexander von Humboldt Ehrung der Leibniz-Sozietät: Wissenschaftliche Veranstaltung „Alexander von Humboldt als Sozial- und Geowissenschaftler aus heutiger Sicht“:
Neues Stadthaus, Parochialstr. 1-3, 10179 Berlin, Otto-Suhr-Saal
Zusammenfassung: Leibniz Intern Nr.46; 23.02.10

Hans-Otto Dill:
Alexander von Humboldt als Sozialwissenschaftler und „zweiter Entdecker Lateinamerikas“ 

Prof. Dill (74) ist Romanist – Spezialist für spanische, lateinamerikanische, karibische und französische Literatur – sowie Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 1995, in der er seit Januar 2009 die Wahlfunktion des Secretars der Sozial- und Geisteswissenschaftlichen Klasse ausübt. 1982-1991 hatte er eine Professur für Lateinamerikanische Literaturen an der Humboldt-Universität inne, 1989-90 eine Gastprofessur an der Georg-August-Universität Göttingen und anschließend eine ebensolche an der Universität Sao Paulo, Brasilien. Zu Gastvorlesungsreihen und Kurzdozenturen weilte er an Universitäten in Mexiko, Peru und Argentinien. Als Emeritus nahm er von 2002-2005 Lehraufträge an der Universität Hamburg wahr. Er hat ca. 200 Abhandlungen, meist in spanischer Sprache, in wissenschaftlichen Zeitschriften Deutschlands, Frankreichs, Spaniens, Italiens, Tschechiens, den USA und vieler Länder Lateinamerikas sowie ein halbes Dutzend Sammelbände (mit)herausgegeben.
Er erhielt 1975 den angesehenen lateinamerikanischen Literaturpreis Casa de las Américas für eine Monographie über den kubanischen Dichter José Martí. Er veröffentlichte 1994 wissenschaftliche Biographien der lateinamerikanischen Schriftsteller von García Márquez und Alejo Carpentier. 1999, in der Literaturgeschichten-Reihe bei Reclam (Stuttgart) seine „Geschichte der lateinamerikanischen Literatur im Überblick“, 2005 den Band „Zwischen Humboldt und Carpentier. Essays zur lateinamerikanischen Literatur“, 2006 „Dante criollo. Ensayos euro-latinoamericanos“, sowie 2009 „Die lateinamerikanische Literatur in Deutschland, Bausteine zur Geschichte ihrer Rezeption“.

Der Vortragende widmet sich vor allem dem Sozialwissenschaftler Humboldt, der als erster pluri- und transdisziplinär arbeitete und Pionier der internationalen und interkontinentalen Forschungsvernetzung war. Humboldt zeichnete sich durch sein Verbinden der Naturwissenschaften mit den Sozialwissenschaften aus, was Dill an seinen Tagebüchern über seine fünfjährige Lateinamerikareise nachweist, die ihn zum Begründer der Lateinamerikastudien machen.
Dill sieht in Humboldt nicht nur einen Vorläufer, sondern auch ein Vorbild für die Globalisierung insbesondere wegen seiner scharfen Kritik am europäischen Kolonialismus, dem Vorläufer der Globalisierung. Europa verübte, wie der preußische Gelehrte empirisch nachweist, an den Indios Genozid, beraubte sie betrügerisch ihrer Ländereien, deren rechtmäßige Eigentümer sie waren, sowie ihrer Kultur und damit ihrer Identität, führte die von ihm als extrem unmenschlich bezeichnete Sklaverei ein, verursachte massive Umweltzerstörung und Verkarstung durch das Abholzen der Urwälder, verhinderte die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der nichteuropäischen Völker bewusst in schamlosester Weise, behandelte mit rassistisch-überheblichem Eurozentrismus die Nichteuropäer als minderwertig und erwies sich als der „fanatischste“, intoleranteste und geld- und habgierigste Erdteil. In diesem Sinne kann sich laut Dill, der prinzipiell die gegenwärtige offizielle Vereinnahmung Humboldts für die vom Abendland betriebene Globalisierung kritisiert, Europa nur dann auf das Erbe Humboldts berufen, wenn es aufrichtige Selbstkritik an der eigenen kriminellen Geschichte gegenüber der Drittwelt übt und kolonialistisches Unrecht wiedergutmacht.

Heinz Kautzleben:
Alexander von Humboldt (1769-1859) in der Geschichte der Geographie 

Professor Kautzleben (75) ist Geophysiker. Er wurde 1979 zum Korrespondierenden, 1987 zum Ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR, genauer: ihrer Gelehrtengesellschaft, gewählt. 1992/93 war er beteiligt an der Umwandlung dieser 1700 auf Initiative von Leibniz in Berlin gegründeten Gelehrtengesellschaft zum eingetragenen Verein, der ab 2007 Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. heißt. Er ist Ehrenmitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften.
Prof. Kautzleben war ab 1957 auf seinem engeren und weiteren Fachgebiet forschend und forschungsleitend in Forschungseinrichtungen der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, ab 1972: Akademie der Wissenschaften der DDR, tätig, wobei er sich auch für die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit engagierte. Im Rahmen der Leibniz-Sozietät befasst er sich mit der Methodologie und der Geschichte der Geowissenschaften.

Im Vortrag werden Fragen zum Bild von Alexander von Humboldt in der Wissenschaft und in der Gesellschaft angesprochen, die im laufenden Jahrzehnt zwischen seinem 150. Todestag (06.05.2009) und seinem 250. Geburtstag (14.09.2019) erneut und aus heutiger Sicht untersucht werden sollten. Alexander von Humboldt wurde bereits zu Lebzeiten zur Ikone der preußischen bzw. deutschen Wissenschaft. Seine Berühmtheit und sein Ansehen wurden und werden bis heute und sicher auch künftig vielfältig genutzt. Unter den bisher insgesamt rund 1200 Ordentlichen Mitgliedern der Gelehrtengesellschaft, die in Berlin 1700 als „Kurfürstlich Brandenburgische Sozietät der Wissenschaften“ gegründet wurde, von 1744 bis 1990 mit der Preußischen/Deutschen/DDR-Akademie der Wissenschaften identisch war bzw. deren Mitgliederkern bildete, 1993 den Rechtsstatus eines privatrechtlichen Vereins annahm, gehört Alexander von Humboldt zweifelsfrei zu den Persönlichkeiten, die den Menschen mit guter Allgemeinbildung in aller Welt bekannt sind. Er wurde 1800 zum Außerordentlichen, 1805 nach Freiwerden einer entsprechenden Planstelle zum Ordentlichen Mitglied der Akademie gewählt. Gewöhnlich wird Alexander von Humboldt als Forschungsreisender und Naturforscher bezeichnet. Beachtet man sein gesamtes Lebenswerk und seine Nachwirkung, muss ergänzt werden, dass er nach der Rückkehr von seiner großen Amerika-Reise (1799-1804) darüber hinaus auch (vielleicht sogar mehr noch) als Wissenschaftspolitiker und Wissenschaftsautor tätig war. Alexander von Humboldt wirkte in der Zeitperiode, die Eric Hobsbawm als „Zeitalter der europäischen Revolutionen 1789 bis 1848“ bezeichnet hat. In dieser Periode wurden in der Wissenschaft tiefgreifende Veränderun¬gen deutlich: Die geoffenbarte Wissenschaft wurde durch die Erfahrungswissenschaft verdrängt, es bildeten sich die wissenschaftlichen Disziplinen heraus, die Wissenschaft organisierte sich als gesellschaftlicher Bereich. An allen diesen Prozessen war Alexander von Humboldt wesentlich beteiligt. Aus heutiger Sicht geurteilt, sind seine wissenschaftlichen Leistungen vor allem der Erd- und Länderkunde bei ihrer Entwicklung zur wissenschaftlichen Geographie zugute gekommen.

10. Dezember 2009 

Karl Lanius:
Tipping Points – Beispiele aus Natur und Gesellschaft
Neues Stadthaus, Parochialstr. 1-3, 10179 Berlin, Otto-Suhr-Saal

Prof. Lanius (82) ist Physiker mit Arbeiten auf dem Gebiet der Kosmischen Strahlung und der Hochenergiephysik. Er wurde 1969 zum Ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR, genauer: ihrer Gelehrtengesellschaft, gewählt. 1992/93 war er beteiligt an der Umwandlung dieser 1700 auf Initiative von Leibniz in Berlin begründeten Gelehrtengesellschaft zum eingetragenen Verein, der ab 2007 Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. heißt.
Er studierte Physik von 1946 bis 1949 an der TU Berlin und von 1949 bis 1952 an der Humboldt-Universität Berlin. 1957 wurde er in der Berliner Universität promoviert, 1962 habilitierte er sich. Im gleichen Jahr erhielt er eine Dozentur und 1964 eine Professur für Physik. 1952 begann seine wissenschaftliche Arbeit im Institut Miersdorf der Deutschen Akademie der Wissenschaften. Dort erfolgten die ersten Arbeiten auf dem Gebiet der Kernphysik in der DDR. Aus dem Miersdorfer Institut ging das Institut für Hochenergiephysik der Akademie hervor. Lanius leitete das Institut von 1962 bis 1973 und von 1976 bis 1988. In den Jahren 1973 bis 1976 arbeitete er als Vizedirektor des Vereinigten Instituts für Kernforschung in Dubna bei Moskau und von 1988 bis 1990 als Gastwissenschaftler beim CERN in Genf. In den Jahrzehnten seines Wirkens erfolgte der Aufbau der Hochenergiephysik in der DDR und ihre Integration in die internationale Gemeinschaft. In der Wahlperiode von 1987 bis 1990 wirkte er als Vizepräsident der Internationalen Union für Reine und Angewandte Physik (IUPAP).

Wie wir heute wissen, sind für viele komplexe Systeme über eine gewisse Zeit hinaus keine Vorhersagen möglich. Ein tipping point  (oder Kipppunkt)  bezeichnet eine kritische Schwelle, an der eine winzige Veränderung zu einer qualitativen Änderung in der weiteren Entwicklung des Systems führen wird. Nicht nur komplexe natürliche Systeme können kippen. Auch das sozialökonomische System, das gegenwärtig unser Leben bestimmt, befindet sich in einer tiefen Krise. Wir können nicht vorhersagen, ob es sich einem tipping point soweit nähern wird, dass bei seinem Überschreiten eine Rückkehr zu den bisherigen gesellschaftlichen Verhältnissen unmöglich sein wird.
Da Wärmetransport durch Konvektion im System Erde eine essentielle Bedeutung besitzt, wird diese Bewegungsform näher betrachtet. Am Beispiel des Klimawandels und der kapitalistischen Gesellschaftsordnung wird das Auftreten von Kipppunkten diskutiert.