Wissenschaftliche Sitzungen des Plenums der Leibniz-Sozietät im Jahre 2000

Nachfolgend werden die im Jahr 2000 stattgefundenen wissenschaftlichen Sitzungen des Plenums der Leibniz-Sozietät zusammen mit den Kurzreferaten und Angaben zu den C.V. der Vortragenden aufgelistet.

Die Namen der Autoren sind mit dem Autorenverzeichnis verlinkt und die einzelnen Beiträge, die bereits in einer Publikationsreihe der Leibniz-Sozietät erschienen sind, sind als PDF-Dateine unterlegt.

20. Januar 2000

Prof. Dr. Ernstgert Kalbe (Leipzig):
Der Kosovo-Konflikt. Historische Ursachen und Aussichten

Mit Beiträgen von:
Hermann Klenner: Ethnien im Völkerrecht der Gegenwart
Ronald Lötzsch: Das jugoslawische Modell der Lösung der nationalen Frage und der Kosovo-Konflikt 

 

17. Februar 2000

Lothar Kolditz:
Informationsverarbeitung in der Wissenschaft. Buchdruck und Internet

 

16. März 2000

Reimar Müller:
Natur und Kultur. Antike Theorien über Ursprung und Entwicklung der Kultur und ihre Nachwirkungen in der Neuzeit

 

13. April 2000

Werner Ebeling:
Vorhersagbarkeit nichtlinearer Systeme

 

18. Mai 2000

Jörg Roesler:
Staatsinterventionismus und Marktregulierung als wirtschaftspolitische Alternativen im 19. und 20. Jahrhundert
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte, Lessing-Saal

Prof. Roesler (59) ist Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 1996. Er arbeitete von 1961 bis 1964 am Insti¬tut für Wirtschaftswissenschaften der Akademie der Wissenschaften der DDR, von 1992 bis 1995 am Forschungsschwerpunkt Zeithistorische Studien in Potsdam und 1994/95 als Gastprofessor in Toronto. Heute ist er Unternehmensberater mit dem Spezialgebiet Firmengeschichte. Besonders interessiert er sich für die ökonomischen Transformationsprozesse in Ostdeutschland und für die vergleichende Wirt¬schaftsgeschichte der vormals sozialistischen Länder. Er kann auf mehr als 100 Publikationen verwei¬sen.

Seit einem Jahrzehnt verfügen die „neoliberalen“ Befürworter der Marktregulierung, die Gegner der Staatsintervention, weltweit über ein erdrückendes Übergewicht nicht nur im wirtschaftswissenschaftli¬chen Denken, sondern auch in der Wirtschaftspolitik und -praxis. Völlig verdrängt wurde, dass noch Anfang der 70er Jahre mit genau der gleichen Selbstverständlichkeit und Absolutheit der staatlichen Regulierung der Wirtschaft das Wort geredet und diese in keynesianistisch inspirierten Wirtschafts¬programmen verwirklicht wurde.
Der Vortrag will nicht nur Verdrängtes wieder ins Gedächtnis rufen, sondern zeichnet beispielhaft ähn¬liche Wechsel in der Steuerung der Wirtschaft über zwei Jahrhunderte nach. Er geht der Frage nach, unter welchen Umständen und nach welchen Regeln sich diese Wenden vollzogen, und versucht, die Situation am Anfang des neuen Jahrtausends zu bestimmen.

 

15. Juni 2000

Waltraud Seidel-Höppner:
Frühsozialistisches Demokratieverständnis. Kritik und Anspruch
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte, Lessing-Saal

Dr. Seidel-Höppner (72) ist Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 1999. Sie arbeitete bis 1989 am Insti¬tut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR und veröffentlichte Stu¬dien und Quellen¬texte zum deutschen und französischen Sozialismus und Kommunismus vor Marx.

Der Vortrag behandelt den in der politischen Geschichtsschreibung weitgehend ignorierten Beitrag des vormarxschen Sozialismus und Kommunismus zum politischen Denken des 19. Jahrhunderts, insbe¬sondere die Kristallisation einer neuen Auffassung von Demokratie und die Herausbildung der Kon¬zeption einer sozialen Revolution. Beides führte am Vorabend der Re-volution zur Profilierung eines so¬zialen Republikanisrnus, der den Revolutionen von 1848/49 in Frankreich wie Deutschland von An¬be¬ginn ein neues Gepräge gab. Vorgestellt wird – als doppelläufiger Prozess im Spiegel eines vor¬revolu¬tionären Jahrzehnts – das ambivalente Ver-hältnis des vormarxschen Sozialismus und Kommu¬nismus zum Liberalismus und bürgerlichen Republikanismus, sein positiver Anspruch an Demokratie und seine Suche nach neuen For¬men ihrer Wahrnehmung.

14. September 2000

Friedbert Ficker:
Serbische Kunst des Mittelalters zwischen Byzanz und Europa – In memoriam Johannes Irmscher anläßlich seines 80. Geburtstages
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte, Lessing-Saal

Prof. Ficker (72) ist Kunst- und Kulturhistoriker und Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 2000. Nach vielseitiger Ausbildung – bis hin zur Archäologie, Ägyptologie und Medizingeschichte – lehrte er seit 1966 an unterschiedlichen akademischen Bildungsstätten, zuletzt bis 1986 an der Universität München, wobei sein besonderes Interesse der Kunstgeschichte der Länder Südosteuropas galt. Die Frucht von über 20 Studienaufenthalten in Südosteuropa (ehemalige Länder Jugoslawiens, Rumänien, Bulgarien, Griechenland) schlug sich in zahlreichen Gastvorträgen, in mehreren Lexika sowie in Ausstellungen aus seiner privaten Sammlung nieder. Er ist Mitglied der Academia Scientia¬rum et Artium Europaea in Salzburg, der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz sowie der Serbischen Akademie der Wissenschaften in Belgrad.

Die serbische Malerei des Mittelalters steht in einem Gefüge reger Wechselbeziehungen zwischen Byzanz und Italien (über die adriatischen Küstengebiete). Sie repräsentiert einen Glanzpunkt in der europäischen Kultur und Kunst, der mit seinen Schätzen bisher merkwürdigerweise von der UNESCO übersehen wurde. Stattdessen war er zumindest zum Teil im Kosovo-Überfall dem Bombenhagel und damit der Vernichtung protestlos preisgegeben.
Ähnlich wie in Bulgarien waren im Mittelalter auch in Serbien die Kirche und die Kunst mit der weltlichen politischen Macht verbunden. Letztere kündet damit nicht nur von der geistigen und religiösen Kultur Serbiens, sondern zugleich vom bewegten Auf und Ab seiner Geschichte als fester Bestandteil Europas – bis zu den schicksalsträchtigen Schlachten bei Černomen an der Marica (1371) und auf dem Amselfeld (1389).

 

19. Oktober 2000

Rita Schober:
Von Platon zu Houellebecq? Zu Michel Houellebecqs utopischem Roman „Elementarteilchen“
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte, Lessing-Saal

Frau Prof. Schober (82) ist Romanistin und Literaturtheoretikerin sowie Gründungsmitglied der Leibniz-Sozietät. Nach Studium und Promotion in Prag wurde sie in Halle Assistentin von Victor Klemperer, mit dem sie 1951 zur Humboldt-Universität nach Berlin ging. Hier leitete sie von 1957 bis zu ihrer Emeritierung 1978 das Romanische Institut sowie dessen Nachfolgeeinrichtung. Sie publizierte nicht nur viele Fachveröffentlichungen und gab die Zeit-schrift “Beiträge zur Romanischen Philologie” heraus, sondern wurde auch einem breiten Publikum bekannt durch die Herausgabe des 20bändi¬gen Zyklus “Die Rougon-Macquart” von Emile Zola (1952 – 1976) sowie durch vielfältiges Wirken zu Leben, Werk und Tagebüchern Victor Klemperers. Sie gehört dem PEN-Club, der Société Européenne de Culture, der AILC (Association Internationale de Littérature Comparée) und dem deutschen Romanistenverband an. Gastvorlesungen führten sie an mehr als zwei Dutzend europäische Universitäten von Bordeaux bis Moskau; zu Gastprofessuren weilte sie 1970 in Moskau und 1985 in Graz.

In ihrem Vortrag behandelt sie einen der erfolgreichsten Gegenwartsautoren der französischen Literatur. 1998 publi¬ziert, erreichte sein Roman in zwei Jahren eine Auflage von 400 000 Exemplaren, wurde in 30 Sprachen übersetzt (ins Deutsche 1999); am 23. November wird seine Dramatisierung in der Volksbühne Berlin uraufgeführt. Den Prix Gon¬court verfehlte er 1998 mit einer Stimme, erhielt aber den angesehen Prix Novembre. Houelle¬becq selbst wurde für sein Gesamtwerk mit dem Grand Prix National des Lettres Jeunes Talents ausgezeichnet.
Der Roman “Elementarteilchen” stand sofort im Feuer der Pressekritik. Von den einen als eine Wende der Literatur, von den anderen als ein armseliger Porno bezeichnet, richteten sich die Angriffe vor allem gegen die Utopie, durch Genmanipulation, Klonen und Rassenzüchtung eine neue, geschlechtlose, unsterbliche posthumane Spezies zu schaf¬fen, und insgesamt gegen seine Sicht der Realität, wobei letzteres wahrscheinlich das Entscheidende ist.
Houellebecqs Geschichte zweier Halbbrüder – des Erotomanen Bruno, der nach einer ausführlich beschriebenen Jagd nach Sex in Nudisten- und Swingerclubs sein vergeudetes Leben in einer psychiatrischen Klinik beendet, und des völ¬lig introvertierten, kontaktlosen Genforschers Michel, dessen Leben zwischen fast-food und Supermarkt verläuft, des¬sen Forschungen aber die Grundlage für die oben skizzierte Utopie darstellen – diese Geschichte übt in der Be¬schrei¬bung der beiden konträren Lebenswege schonungslose sozio-kulturelle Kritik an den Verfallserscheinungen der Le¬bens¬weisen, der Denkmodelle und Mentalitäten nach 1968 in Frankreich. Andere Autoren – herangezogen wird eine ökonomische Arbeit und die philosophische Grundsatzarbeit über die Postmoderne – stimmen in ihren zentralen Be¬funden damit überein.Die Brisanz der Utopie steht angesichts des erreichten Standes der Gen-Forschung außer Frage – und somit auch die Brisanz der damit verbundenen ethischen Probleme.
Houellebecq wird übrigens an einem Podiumsgespräch zu diesen Problemen am 27.10. in der Volksbühne teilnehmen und anschließend – begleitet von seiner Band – eigene Gedichte vortragen.

 

16. November 2000

Siegfried Franck:
Habitable Zonen in extrasolaren Planetensystemen
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte, , Lessing-Saal

Prof. Franck (48) ist Geophysiker und Ökosystemforscher und Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 1994. Geboren in Annaberg-Buchholz, studierte er in Leipzig Physik, wurde dort 1978 Dr. rer. nat. und 1984 Dr. sc. nat. Ebenfalls 1984 wurde er mit dem Leiten einer Abteilung im Potsdamer Zentralinstitut für Physik der Erde der Aka¬demie der Wissenschaften der DDR betraut. Er veröffentlichte zahlreiche Aufsätze in internationalen Fachzeitschriften und war 1989 Mitherausgeber von „High-Pressure Investigations in Geosciences“. In diesem Jahr wurde er auch zum Professor für Geophysik berufen. Seit 1997 ist er Projektleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Er arbeitet im „DARWIN Informal Team“ zur Suche nach extraterrestrischem Leben mit.

1995 wurde erstmals ein extrasolares Planetensystem mit einem jupiterähnlichen Planeten und einem sonnenähnlichen Zentralstern definitiv nachgewiesen; seitdem ermöglichten es große Fortschritte in der astronomischen Meßtechnik, etwa 60 extrasolare Planeten zu finden. Mit diesen Entdeckungen erlebte auch die Diskussion über die Existenz von extraterrestrischem Leben einen neuen Aufschwung.
Die sogenannte „Habitable Zone“ (HZ) in der Umgebung eines Zentralsterns ist dadurch definiert, daß ein erd¬ähnlicher Planet innerhalb der HZ solche Bedingungen bietet, die die Existenz von Leben ermöglichen. Im PIK wurde ein Erdsystemmodell entwickelt, das die Berechnung der HZ ermöglicht. Damit kann auch abgeschätzt werden, wie viele erdähnliche Planeten mit einer global agierenden Biosphäre (GAIAs) in der Milchstraße existieren können.

 

21. Dezember 2000

Prof. Dr. Thomas Kuczynski:
Von der moralischen Empörung zur statistischen Rekonstruktion. – Zur Berechnung von Entschädigungsansprüchen für Zwangsarbeiter im „Dritten Reich“
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Berlin-Mitte, Lessing-Saal

Prof. Kuczynski (56) ist bei der Berufswahl seinem berühmten Vater gefolgt: 1972 Dr. oec, 1978 Dr. sc. oec., 1987 Professor für Wirtschaftsgeschichte, 1988 Direktor des vom Vater begründeten Instituts für Wirtschaftsgeschichte an der Aka¬demie der Wissenschaften der DDR. Sein besonderes Interesse gilt der vergleichenden Wirtschaftsgeschichte der Industriegesellschaft. 1981 beteiligte er sich an der Herausgabe des Handbuchs der Wirtschaftsgeschichte, 1985 gab er das Buch „Wirtschaftsgeschichte und Mathematik“ heraus, 1990 war er an den „Studies in Social and Economic History“ beteiligt.

180 Milliarden DM Entschädigungsansprüche für auf dem Territorium des „Dritten Reichs“ geleistete Zwangsarbeit – diese Meldung ging vor einem Jahr durch die Medien. Der Vortragende, der diese Berechnung in einem Gutachten vorgelegt hatte, referiert über Quellenlage sowie methodische Pro¬bleme solcher Schätzungen und zeigt Bestimmungsgründe für die Summen auf, die in den nunmehr abgeschlossenen Vereinbarungen enthalten sind.