Nekrolog auf unser Mitglied Klaus-Dieter Jäger

  Klaus-Dieter Jäger 2016, Foto: D. Linke

Die Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. trauert um ihr  Mitglied,
den Geoarchäologen und Paläobotaniker

Prof. Dr. Klaus-Dieter Jäger

der am  31. März 2019 im Alter von 83 Jahren verstorben ist.

Geboren in Radebeul bei Dresden, wo er auch das Abitur ablegte, studierte Klaus-Dieter Jäger an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Ur- und Frühgeschichte im Hauptfach und besuchte in Ergänzung dazu botanische und quartärgeologische Lehrveranstaltungen. Nach seiner Diplomarbeit 1958 setzte er im Rahmen einer „Absolventenförderung“ seine Fachausbildung  auf dem Wege von  Museumsarbeit und Grabungseinsätzen, von Studienaufenthalten in Greifswald, am Niedersächsischen Landesamt für Marschen- und Wurtenforschung Wilhelmshaven und  im VEB Geologische Erkundung fort. Hinzu kam ein mehrmonatiger Aufenthalt mit quartärgeologischer Ausrichtung in der ČSSR. Damit war der Grundstein gelegt für die für ihn charakteristische Interdisziplinarität und internationale Zusammenarbeit insbesondere mit Wissenschaftlern in Tschechien, der Slowakei, Polen, Ungarn und Österreich.

Nach seiner Assistentenzeit  am ehemaligen Institut für Vor- und  Frühgeschichte der damaligen Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin promovierte er 1966 in Jena mit der Dissertation über „Holozäne Binnenwasserkalke und ihre Aussage für die nacheiszeitliche Klima- und Landschaftsentwicklung im südlichen Mitteleuropa“ zum Dr. rer. nat. Noch während seiner Zeit in der Deutschen Akademie der Wissenschaften wurde Klaus-Dieter Jäger 1962 Korrespondierendes Mitglied in der Subkommission für das Studium des Holozän der Internationalen Union für Quartärforschung (INQUA). 1967 bereitete er die erste internationale Exkursionstagung der INQUA-Subkommission zum Thema „Probleme und Befunde der Holozänstratigraphie in Thüringen, Sachsen und Böhmen“ vor und leitete sie auch. Im gleichen Jahr wurde er Sekretär der Subkommission und späteren INQUA-Kommission (seit 1969, Paris). Dieses wissenschaftsorganisatorische Engagement stand in enger Verbindung mit seiner Arbeit (seit 1966) in der Abteilung Quartärforschung und Hydrogeologie am ehemaligen Institut für Geologie der Humboldt-Universität zu Berlin, das 1968 eim Zuge der 3. Hochschulreform aufgelöst wurde.

Es folgten eine Anstellung als Fachgebietsleiter für Ingenieurgeologie an der Bezirksstelle Geologie beim Rat des damaligen Bezirks Frankfurt/Oder (bis 1971) und seit 1972 die Mitarbeit in der von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften getragenen Forschungsgruppe „Naturhaushalt und Gebietscharakter“ in Dresden (bis 1983). In diese Jahre fallen auch die gemeinsam mit Michael Succow und Dietrich Kopp veröffentlichte Monographie „Naturräumliche Grundlagen der Landnutzung“ (1982), die zusammen mit Arndt Bernhardt verfasste Studie „Zur gesellschaftlichen Einflußnahme auf den Landschaftswandel in Mitteleuropa in Vergangenheit und Gegenwart“ (1985) und 1982 die Habilitation an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald mit der Schrift „Stratigraphische Zeugnisse für den Wandel von Klima und Landschaft im Jungquartär des östlichen Mitteleuropa“.

Gleichzeitig setzte Klaus-Dieter Jäger seine 1964 im Lehrauftrag begonnene Lehrtätigkeit an der Humboldt-Universität und später auch der Martin-Luther-Universität in Halle/Saale fort. 1983 wurde er dort Dozent am Wissenschaftsbereich Ur- und Frühgeschichte und 1992 zum Professor für Geoarchäologie und prähistorische Archäologie am Fachbereich Kunst- und Altertumswissenschaften berufen. Seine universitäre Laufbahn endete 2001 mit der Emeritierung.

1990 wurde er Korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), 1991 Vorstandsmitglied im Mittel- und Ostdeutschen Verband für Altertumsforschung (bis 2002) und 2002 in der Hugo-Obermaier-Gesellschaft zur Erforschung des Eiszeitalters und der Steinzeit. 1994 übernahm er den Vorsitz in der Kommission Quartärgeologie/Paläoklimatologie der Sächsischen Akademie der Wissenschaften (bis 2001) und 1999 die Präsidentschaft in der Eurosibirischen Subkommission in der nunmehrigen INQUA-Kommission für das Studium des Holozäns (bis 2003). 2014 erhielt er in Innsbruck die Albrecht-Penck-Medaille der Deutschen Quartärvereinigung (DEUQUA). 2004 wurde er in die Leibniz-Gesellschaft der Wissenschaften e.V. zugewählt, in deren wissenschaftliches Leben und innere Organisation er sich auf aktive Weise einbrachte.

Nicht leicht zu beantworten ist die Frage, welche Spezialdisziplin  Klaus-Dieter Jaegerals quasi Hauptfach zugeordnet werden kann. Er vertrat die prähistorische Archäologie, namentlich das Paläolithikum und die Bronzezeit, war auf den Gebieten der Geoarchäologie, der Paläoethnobotanik der Landeskunde und Quartärgeologie zu Hause. Er war anerkannter Experte für das Holozän, Paläoklimatologe, Paläoökologe und Feldarchäologe. Alle diese miteinander verbundenen Fachdisziplinen schließen aber jede für sich ein eigenes Spezialwissen ein. Es ist erstaunlich, wie organisch sie sich in der Person des Gelehrten Klaus-Dieter Jäger vereinten.

Klaus-Dieter Jäger verfasste weit über 200 Publikationen, seien es Studien über „Paläomalokologische Untersuchungen in Karasura“ (ein Siedlungshügel in Bulgarien), über den „Klimawechsel der letzten 10000 Jahre in Mitteleuropa“, über „Ur- und frühgeschichtliche Klimabeeinflussung durch Intensitätsunterschiede agrarischer Landnutzung?“ oder „Die Ackerbohne (Vicia faba L.) in Mitteleuropa als Kulturpflanze seit der späten Bronzezeit“.

Als Hochschullehrer fiel er durch seine unprätentiöse Art auf, war ihm doch jedes akademische Gehabe fremd. Seine Vorlesungen und Seminare waren anregend, gut strukturiert, anschaulich und vermittelten präzises und praxisorientiertes Wissen. Seinen Studenten, die ihn sogar ein wenig gern hatten, war Lehrer und zugleich kollegialer Partner.

Klaus-Dieter Jaeger war in der Tat ein unermüdlicher Kärrner der Wissenschaft, ein herausragender Hochschullehrer und Forscher, ein verläßlicher und hilfsbereiter Kollege. Wir werden uns seiner stets mit Hochachtung erinnern.

Armin Jähne