Bericht vom Leibniz-Tag 2022

Der Leibniz-Tag fand in diesem Jahr am 30. Juni in der Archenhold-Sternwarte statt. Er begann mit einer musikalischen Darbietung der Sonata op.1, Nr. 11 von Georg Friedrich Händel und des Streichquartetts op.33, Nr. 5 von Luigi Boccherini durch das Darius-Quartett.

In ihrer Begrüßung unterstrich die Präsidentin Prof. Dr. Gerda Haßler das Bemühen, nach zweieinhalb Jahren der Pandemie wieder in die Normalität zurückzukehren. Zwar können wir angesichts der Aufhebung der Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie aufatmen, wie sich das Virus jedoch im Herbst entwickeln wird, wissen wir nicht. Außerdem habe der seit dem 24. Februar in Europa bestehende Krieg in der Ukraine die Normalität, in der wir uns eingerichtet hatten, zerstört, mit für den Einzelnen durchaus unterschiedlichen Konsequenzen. Das Reagieren auf ein Nicht-Wissen-Können und auf eine völlig neue und furchtbare Realität sei schwierig, auch weil uns dafür Antworten und Modelle fehlen. In dieser Situation stelle sich die Frage der Verantwortung der Wissenschaft, die die Präsidentin als Schwerpunkt ihres Berichts gewählt hatte.

Die Nekrologe wurden durch die Vizepräsidentin Prof. Dr. Dorothée Röseberg verlesen. Die Mitglieder gedachten der Verstorbenen in einer Schweigeminute. Seit dem letzten Leibniz-Tag sind folgende Kollegen verstorben:

Prof. Dr. Dieter B. Herrmann *03.01.1939   †25.11.2021
Prof. Dr. Joachim Richter       *02.03.1926   †09.02.2022
Prof. Dr. Luan A. Starova       *14.08.1941   †24.02.2022
Prof. Dr. Lothar Michalowsky *11.09.1935   †26.04.2022
Prof. Dr. Wilhelm Finck          *03.08.1929   †04.06.2022
Prof. Dr.  Alfred Zimm            *25.08.1926   †11.05.2022

Die Folien zu den Nekrologen finden Sie hier.

In ihrem Bericht unter dem Titel Verantwortung der Wissenschaft gab die Präsidentin zunächst einen Überblick über die in den letzten acht Monaten durchgeführten Plenar- und Klassensitzungen, in denen eigene Forschungsergebnisse vorgestellt und interdisziplinäre Forschungsprojekte angeregt wurden. Ein wichtiges Thema, dessen sich die Leibniz-Sozietät wie in den zurückliegenden Jahren auch dieses Jahr angenommen hat, sind die großen Herausforderungen eines nachhaltigen Umgangs mit den Umweltressourcen, die Verantwortung an erste Stelle setzen. Die erschienenen Abhandlungen und Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät sowie die Hefte von Leibniz Online wurden kurz vorgestellt. Die Präsidentin forderte die Mitglieder auf, ihre Texte zur Publikation einzureichen und die Arbeit des Redaktionskollegiums als Hilfe zur Beseitigung der Probleme zu betrachten, die bei Autorenredaktion zwangsläufig entstehen. Die Publikationen sind ein Bestandteil des Gesichts der Leibniz-Sozietät, insofern tragen wir Verantwortung für ihre Qualität. Gerade in diesem Jahr ist eine ganze Reihe sehr interessanter Bücher von Mitgliedern der Sozietät, darunter auch in sehr renommierten Verlagen, erschienen. Insgesamt konnten wir im Tätigkeitsbericht für das Jahr 2021 466 Publikationen von Mitgliedern der Leibniz-Sozietät erfassen. Das ist eine Zahl, die zuversichtlich stimmt und mit mehr Gewissheit sagen lässt, dass wir eine Gemeinschaft von forschenden Wissenschaftlern und nicht bloß ein Traditionsverein sind.

Im zweiten Teil ihres Berichts behandelte die Präsidentin die Frage, was Verantwortung allgemein und Verantwortung der Wissenschaft in Krisensituationen im Besonderen bedeute. Sie gab darauf eine Antwort, in der sie sich zunächst auf Leibniz bezog, der in seiner Theodizee die Verantwortlichkeit (responsabilité) in ein Oppositionsgefüge logischer Gegensätze einordnete und sie mit der Modalität der Notwendigkeit gleichsetzte. Bis heute ist in der Frage nach der Zuschreibung von Verantwortung das Problem der Möglichkeit von Willensfreiheit in einer von Kausalität bestimmten Welt geblieben. Kant stellte dazu in der Kritik der reinen Vernunft fest, dass es ohne Freiheit des Willens unmöglich ist, dem moralischen Subjekt die Verantwortung für eine Handlung zuzuschreiben. Engels hat diesen Gedanken bei Hegel gefunden und ihn als „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“ formuliert. Im weiteren Verlauf wurde die Art der Instanz, die uns in die Pflicht nimmt, die uns Verantwortung zuschreibt oder auferlegt als maßgeblich dafür gekennzeichnet, ob Wissenschaftler wollen können, was sie sollen. Diese Überlegungen wurden an einem historischen Beispiel und an Beispielen aus der Gegenwart ausgeführt.

Zum Schluss appellierte die Präsidentin an die Mitglieder, Verantwortung in ehrenamtlichen Funktionen in der Leibniz-Sozietät zu übernehmen und bei den nächsten Zuwahlen, Lücken im Fächerspektrum, die die Kooperation behindern, zu schließen und außerdem mehr solche Kollegen zuzuwählen, die weniger eine klassische wissenschaftliche Berufsbezeichnung tragen, sondern über problemorientierte Fähigkeiten, Fertigkeiten und wissenschaftlichen Interessen verfügen.

Den aufgezeichneten Bericht mit Folien finden Sie hier. (Wenn Sie auf den blau geschriebenen Satz klicken, öffnet sich eine Powerpoint-Präsentation, in der Sie oben auf “Bildschirmpräsentation starten” klicken. Zum Übergang zu den jeweils nächsten Folien klicken Sie einfach auf den Bildschirm).

Im Anschluss an den Bericht wurden die Ehrenurkunden für fünfzigjährige Mitgliedschaft in der Gelehrtengesellschaft der Akademie der Wissenschaften und der Leibniz-Sozietät verlesen. Die Ehrenurkunden erhielten der Hochenergiephysiker Prof. Dr. Klaus Grote sowie der Chemiker Prof. Dr. Gerhard Öhlmann, die jedoch beide aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend sein konnten.

Folien zu Ehrenurkunden

Die Urkundenübergabe und Vorstellung der 18 neuen Mitglieder nahmen die Präsidentin Prof. Dr. Gerda Haßler und der Vizepräsident Prof. Lutz-Günther Fleischer vor.

Urkundenübergabe an Wim Coudenys

Urkundenübergabe an Wolf-Dieter Ludwig
Urkundenübergabe an Wolf-Dieter Ludwig

Urkundenübergabe an Toon Van Hal
Urkundenübergabe an Toon Van Hal

Urkundenübergabe an Hanns-Christian Gunga

(Diese und alle weiteren Fotos wurden von Kollegen Dietmar Linke aufgenommen und zur Verfügung gestellt)

12 der neuen Mitglieder stellten sich kurz persönlich vor und sprachen über ihre Vorhaben in der Leibniz-Sozietät, einer war über das Internet zugeschaltet.

Angaben und Fotos zu den neuen Mitgliedern

Nach der Mittagspause erfolgten die Auszeichnungen. Die Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Medaille erhielt Prof. Dr. Hans Dieter Knapp für außergewöhnliche Forschungsergebnisse durch fächerübergreifende Zusammenarbeit und die Erschließung neuer Arbeitsgebiete in der Geobotanik und der Landschaftsökologie.

Mit der Daniel-Ernst-Jablonski-Medaille wurden ausgezeichnet:

Professor Dr. Werner Ebeling, der zu den verdientesten Gründungsmitgliedern unserer Sozietät zählt und wesentlichen Anteil an derer Konsolidierung sowie ihrer erfolgreichen Entwicklung hat; Professor Dr. Jürgen Hofmann, ein durch seine wissenschaftlichen Leistungen in Deutschland und international anerkannter Geschichtswissenschaftler und langjähriger stellvertretender Sekretar der Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften;  Prof. Dr. Peter Oehme, der herausragende Ergebnisse zur Neuropeptid Substanz P und deren Bedeutung für Adaptationsprozesse sowie das Stressgeschehen erzielte und dem die Leibniz-Sozietät wirkungsvolle Ideen zur interdisziplinären Kommunikation und zur Popularisierung der Wissenschaften verdankt.

Hans-Dieter Knapp bei der Verleihung der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Medaille

Verleihung der Daniel-Ernst-Jablonski-Medaille an Werner Ebeling

Jürgen Hofmann nach der Verleihung der Daniel-Ernst-Jablonski-Medaille

Den Samuel-Mitja-Rapoport-Kooperationspreis erhielten der langjährige Webmaster der Leibniz-Sozietät Dr. Andreas Trunschke sowie Herrn Herr Michael Dill (Stellvertretend: Frau Wenke Müller) von der Gesellschaft für elektronischen Geschäftsverkehr mbH (GEFEG) für die Unterstützung der Leibniz-Sozietät bei ihrem Bemühen, die geplanten wissenschaftlichen Aktivitäten erfolgreich zu realisieren.

Dr. Andreas Trunschke bei der Verleihung des Samuel-Mitja-Rapoport-Kooperationspreis

Frau Wenke Müller bei der Entgegennahme des Samuel-Mitja-Rapoport-Kooperationspreis

Der Festvortrag wurde zum Thema Fragestellungen an ein analytisches Labor im Museum: Kulturerbe untersuchen, verstehen und bewahren von Dr. Stefan Röhrs vom Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin gehalten.

Dr. Stefan Röhrs

Dr. Stefan Röhrs studierte Chemie an der Universität Hamburg und befasste sich in seiner Diplomarbeit ausgeführt am Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit der Analytik von historischer Baukeramik. 2003 wurde er an der Technischen Universität Berlin mit einer Dissertation zu renaissancezeitlichen Emailarbeiten durch mikro-röntgenfluoreszenzspektrometrische Materialanalyse promoviert. 2005 verließ er die Technischen Universität Berlin um für zwei Jahre als Post-Doc im Ionenstrahllabor am Centre de recherché et de restauration des Musées de France am Louvre Museum in Paris zu arbeiten. Anschließend folgten zwei Jahre als Wissenschaftler für Glas und glasartige Materialien in der Abteilung Conservation and Scientific Research des Britischen Museums, London. 2009 begann Stefan Röhrs seine Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Rathgen-Forschungslabor. Sein Aufgabengebiet umfasst anorganische Materialien und präventive Konservierung.

Das Rathgen-Forschungslabor ist die naturwissenschaftliche Einrichtung der Staatlichen Museen zu Berlin Stiftung Preußischer Kulturbesitz und befasst sich mit den naturwissenschaftlichen Fragestellungen, die einen kunsttechnologischen, archäometrischen oder konservierungswissenschaftlichen Hintergrund haben. Das Labor geht zurück auf das 1888 gegründete chemische Labor der Königlichen Museen zu Berlin und gilt damit als ältestes Museumslabor der Welt. Sein erster Direktor, der Chemiker Friedrich Rathgen, befasste sich unter anderem mit der Entsalzung der Keramiken des Ishtar-Tores aus den archäologischen Grabungen in Babylon, um die Erhaltung des Tores sicher zu stellen. Auch heute sind konservierungswissenschaftliche Fragestellungen noch immer eine der Schwerpunktaufgaben des Labors. Die Schadensfaktoren Schadstoffe und Licht nehmen hier einen besonderen Schwerpunkt ein. Kunsttechnologische und archäometrische Fragestellungen generieren sich aus den Disziplinen der Kunsthistorie, Archäologie und Ethnologie, die in den musealen Sammlungen vertreten sind. Verschiedene Methoden aus der organischen und anorganischen Analytik werden zur Klärung der Fragestellungen herangezogen. Die Identifizierung von Herstellungstechnologie oder der verwendeten Rohstoffe erlaubt es, Aussagen über die Objekte zu erlangen, die etwas über Handelswege sagen oder über werkstatttypische Herstellungstraditionen Auskunft geben können. Daneben stehen auch immer wieder Fragen nach der Authentizität bestimmter kunsthistorischer Objekte im Raum.

In ihrem Schlusswort dankte die Präsidentin allen Beteiligten und gab einen Ausblick auf die nächsten Veranstaltungen der Leibniz-Sozietät sowie auf geplante Aktivitäten im Zusammenhang mit dem 2023 bevorstehenden 30. Jahrestag der Gründung der Leibniz-Sozietät als Verein.

 

Wortmeldungen nach dem Leibniz-Tag

Theodizee
– Das Klimaproblem und unsere Verantwortung –

Gedanken zum Bericht der Präsidentin auf dem Leibniz–Tag 2022

 Werner Ebeling[1] und Lutz-Günther Fleischer

Mit seiner Theodizee hat unser Gründervater Leibniz einen Rahmen für die Diskussion der Verantwortung der Wissenschaften für eine bessere Welt gegeben, wie unsere Präsidentin, Gerda Haßler, ausführte. Die Wahrnehmung dieser Verantwortung ist sicher spezifisch für die einzelnen Wissenschaftszweige, dennoch fundamental.

Leibniz unterscheidet kanonisch drei Klassen des Übels: malum morale (das moralische Übel), malum physicum (das natürliche/physikalische Übel) und das malum metaphysicum. (das metaphysische Übel). Wir diskutieren hier das malum physicum aus unserer Sicht.

Was fällt dem Physiker und interdisziplinär arbeitenden Natur- und Technikwissenschaftler dazu ein?

[1] Anstelle einer Dankesrede anlässlich der Verleihung der Jablonski – Medaille

Link zum gesamten Text