Intellektuelle Aufgaben in der fragmentierten Öffentlichkeit
Bericht über die Plenarveranstaltung mit Prof. Hans-Peter Krüger am 7. Mai 2026
von Dieter Segert
Nach der Vorstellung des Referenten durch die Präsidentin ergriff dieser das Wort zum Vortrag zum Thema „Intellektuelle Aufgaben in der fragmentierten Öffentlichkeit. Zum Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens (ÖRF)“. Er erläuterte zunächst anhand von Umfrageergebnissen der soziologischen Medienforschung, was er unter fragmentierter Öffentlichkeit versteht. Es handelt sich darum, dass die Sendungen ÖRF immer weniger Zuschauer finden und diese dabei durchschnittlich schon das Rentenalter erreicht haben. Bei den privaten Sendern ist der durchschnittliche Zuschauer zwar jünger, aber doch auch 50 bis 55 Jahre alt. Nur noch die gute Hälfte der Bevölkerung schauen überhaupt Fernsehen, ein Drittel sind es bei den Sendungen des ÖRF. Bei der Bevölkerung unter 40 Jahren sehen nur noch 20 Prozent fern. Die erfolgreichsten Sendungen, u.a. die Krimis der Reihe „Tatort“, werden nur durch maximal 5-7 % der Erwachsenen geschaut.
Dazu kommt, dass das die Glaubwürdigkeit des ÖRF abnimmt, nur noch knapp die Hälfte der Befragten erklärten in einer kürzlich durchgeführten Umfrage, dass sie dem ÖRF vertrauen, 39 Prozent vertrauen überhaupt ihm nicht. Dabei gibt es, wenn man die Erwartungen der potentiellen Zuschauer abfragt, hohe Erwartungen an die öffentlich-rechtlichen Medien. Etwa die nach einer unabhängigen, geprüften Information, danach, dass mit diesen Medien ein Gespräch verschiedener Gruppen der Bevölkerung untereinander gefördert wird, indem eine Vielfalt von Meinungen abgebildet werden. Insgesamt wird erwartet, dass durch die öffentlich-rechtlichen Medien der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden muss.
Diese berechtigten Erwartungen, so der Referent, werden durch die Sender nicht in ausreichendem Maße erfüllt. Gerade in Zeiten zunehmender Unbestimmtheit bezüglich der Zukunft wäre das aber dringend erforderlich, zitierte er ein aktuelles Buch von R. D. Precht und H. Welzer. Auch Habermas, mit dessen Thesen Krüger seit seiner Habilschrift 1987 arbeitet, habe hohe Erwartungen an die öffentliche Kommunikation mittels der Medien gehabt. Sozial- und Sachfunktion des kommunikativen Verfahrens sei dabei wichtig, also sich mit anderen über bestimmte Prozesse und Ergebnisse zu verständigen.
Seine kritische Einschätzung der Situation der deutschen Öffentlichkeit und besonders der Defizite des ÖRF erläuterte der Referent an persönlichen Beobachtungen der Berichterstattung über den Ukraine-Krieg. Krüger war während Forschungsaufenthalten in den USA und konnte die Unterschiede zwischen der Berichterstattung in den USA (vor Trump 2) und der in Deutschland zum Krieg herausarbeiten. Wobei er die Medienvielfalt in den USA und die unabhängige Diskussion an den dortigen Universitäten hervorhob, welche sich von der Propaganda der Regierung Biden deutlich unterschied. Die deutsche Situation war dagegen deutlich anders. Hier begünstigen die Sendungen des ÖRF, die sich an der Regierungspolitik orientierten, dabei besonders die einseitigen Arrangements in den Talkshows seiner Sender, eine zunehmende Polarisierung der Bevölkerung.
Auf der Suche nach den Ursachen dieser Situation in Deutschland wies Krüger u.a. auf die Parteibindung von Journalisten hin, wodurch nicht das ganze Spektrum der Bevölkerungspositionen abgebildet wurde. Außerdem lässt sich eine enge Beziehung zwischen Politik und den Führungsetagen der Sender beobachten. Auch die Kontrollgremien des ÖRF griffen nicht, da auch hier einseitigen Parteibindungen an die Regierungsparteien vorlägen.
Nun kam der Referent auf die besondere Rolle der Intellektuellen. Bei der Überwindung der Fragmentierung der Öffentlichkeit seien Intellektuelle mit ihrer spezifischen fachlichen Kompetenz sowie ihrer allgemeinen Lösungskompetenz in besonderem Maße gefordert. Unter Bezug auf Hannah Arendt meinte er, sie sollten die Festlegung auf bestimmte partikulare Positionen vermeiden um offen für Überraschungen zu bleiben. Und gerade in der heutigen Zeit, in der die Zukunft in hohem Maße unbestimmt ist, sei das erforderlich. Die Intellektuellen sollten die öffentliche Debatte zwischen verschiedenen Erfahrungen und Perspektiven moderieren und Abstand zu partikularistischen parteipolitischen Positionen wahren. Anhand der Versuche von Habermas und Kluge während der Debatten über den Ukraine-Krieg, genau auf diese Weise zu agieren, verwies Krüger darauf, dass Intellektuelle in einer aufgeheizten politischen Debatte auch Beschimpfungen aushalten müssten. Es ginge nicht anders. Intellektualität entstünde nicht ohne Streit. Persönlicher Mut sei demzufolge erforderlich.
Zur Diagnose, die im Vortrag entwickelt wurde, gehört auch die Frage, wie es zu dieser – für die demokratische Öffentlichkeit – problematischen Situation gekommen ist. Die öffentliche Polarisierung durch die Medien beruhe auf deren Skandallogik, welche für die privaten Medien Profite schaffe und für alle Medien zur gewünschten Quote des Wahrgenommen führe. Dazu komme die Schwächung der Demokratie durch eine, in vielen westlichen Staaten zu beobachtende, Spaltung der Linken, in einen reformistischen und kulturalistischen Zweig, wobei die zweitgenannte Gruppe an Einfluss auf die Politik linker Parteien gewonnen habe. Dadurch überlasse man die Sorge um die Alltagsprobleme von Bevölkerungsmehrheiten mehr und mehr der Rechten. Diese gewinne dann an Einfluss in der Bevölkerung auch durch die geschilderte Einseitigkeit der Berichterstattung des ÖRF.
In der lebhaften Debatte nach diesem Vortrag traten zehn Anwesende mit Fragen und Stellungnahmen auf. Es wurde nach den Umfragen und ihrer Repräsentativität gefragt, auch nach dem zunehmenden Einfluss anderer Medien als dem Fernsehen und Radio sowie den Printmedien. Gerade durch die Zersplitterung der von Jüngeren stark genutzten „social media“, in denen Phänomene wie „Echokammern“ zu beobachten sind und Algorithmen die Aufmerksamkeit lenken, würde die Objektivität des Urteilens erschwert, eine gemeinsame geteilte Realität unmöglich gemacht und der Zusammenhalt der Gesellschaft weiter geschwächt. Weiterhin wurde nach der Geschichte des beschriebenen Problems gefragt, welche Ereignisse besonders dazu beigetragen hätten. Krüger hatte in seinem Vortrag drei Ereignisse besonders hervorgehoben, die Flüchtlingswelle 2015, die Corona-Epidemie nach 2020 und den Ukraine-Krieg ab 2022. Und es wurde gefragt, warum es seitens der politischen Parteien keinen Widerstand gegen den beschriebenen Niedergang des ÖRF in Deutschland gebe.
Schließlich wurde von einigen Anwesenden die Frage nach der eigenen, konkreten Verantwortung, also der Verantwortung der akademisch Gebildeten, der Intellektuellen, aufgeworfen. Zu diesem Gegenstand entwickelte sich mit dem Referenten und untereinander ein lebhaftes Gespräch. Das Fazit war klar: Demokratie bedarf auch des Engagements der Intellektuellen. Es wurde mit dem Stück von Bert Brecht „Das Leben des Galilei“ argumentiert. Dieses Theaterstück wurde in der Zeit des Ringens um eine verantwortliche Position der Intellektuellen zur militärischen Nutzung der Atomspaltung geschrieben und plädierte für eine mutige Stellungnahme von Intellektuellen besonders zu der politischen Nutzung ihrer Ergebnisse. Dazu ist erforderlich, dass Wissenschaftler sich der möglichen Gefahren der Anwendung ihrer wissenschaftlichen Entdeckungen durch Politik und Wirtschaft bewusstwerden. Aktuelle Beispiele verantwortlichen Verhaltens von Biologen wurden erwähnt. Die Leibniz-Sozietät als Gemeinschaft von Forschenden verschiedener Disziplinen kann und sollte ebenfalls einen Beitrag zur Stärkung der für die Demokratie wichtigen Debatte öffentlicher Aufgaben leisten. Wie das konkret geschehen kann, darüber müssen wir weiter nachdenken und miteinander beraten.
