Ehrenkolloquium für Ulrich Busch und Dorothee Röseberg anlässlich beider 75. Geburtstag

Zum Auftakt würdigte die Präsidentin, Gerda Haßler, das langjährige Engagement der beiden Jubilare für die Leibniz Sozietät. Ulrich Busch sorgte als langjähriger Schatzmeister dafür, dass die Finanzen der Sozietät solide sind. Dorothee Röseberg förderte seit 2016 als Vizepräsidentin deren internationale Vernetzung und stärkte die Stellung der Kulturwissenschaften in ihr. Das Ehrenkolloquium fand im Alten Ratssaal des Historischen Ratshauses Friedrichshagen statt.

Die Struktur der Tagung, eine erweiterte Sitzung der Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften, war folgende: Nach der einführenden Würdigung der Geehrten durch die Präsidentin sollten je eine Laudatio und ein wissenschaftlicher Vortrag für die Beiden stehen und zum Abschluss die Beiden noch selbst zu Wort kommen. Leider musste wegen eines Unfalls der wissenschaftliche Vortrag unseres langjährigen Mitglieds Christa Luft für Ulrich Busch ausfallen. Sie übermittelte den beiden Jubilaren telefonisch ihre herzlichen Glückwünsche.

Michael Thomas bei seiner Laudatio (Foto: D.Segert)

In der Laudatio für Ulrich Busch würdigte Michael Thomas dessen wissenschaftliche Tätigkeit in der DDR und nach 1990. Kollege Busch wurde nach Studium und Promotion auf dem Gebiet der Finanzökonomie zur Staatsbank der DDR delegiert und war dort einige Jahre einer ihrer Direktoren. Nach dem Ende dieser praktischen Tätigkeit kam er an die Humboldt-Universität zurück, habilitierte sich 1984, arbeitete als Dozent und wirkte in der Wendezeit als Direktor eines Instituts für Finanzökonomie an einer neuen Struktur der Wirtschaftswissenschaften mit. Danach erhielt er durch die vom Berliner Senator Ehrhard eingesetzte Struktur- und Berufungskommission eine auf fünf Jahre befristete Stelle. Trotz widriger Umstände setzte Ulrich Busch seine Lehr- und Forschungstätigkeit danach in vielfältigen Gastdozenturen, v.a. international, und als Mitglied der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (bekannt auch als Memo-Gruppe) sowie im Forschungsverbund Ostdeutschland fort. Im letztgenannten Projekt lernte der Laudator Kollegen Busch dann persönlich kennen. Seitdem arbeiten sie im Arbeitskreis Gesellschaftsanalyse der Leibniz-Sozietät zusammen. Michael Thomas würdigte die Vielzahl von wissenschaftlichen Publikationen des Geehrten, vor allem die zu wirtschaftswissenschaftlichen Themen wie die Analysen des Teilhabe- und Finanzmarktkapitalismus. Darüber hinaus publiziert er sachkundig zu einer Vielzahl weiterer Themen. Kollege Busch ist außerdem langjährig im Redaktionskollegium der 1990 gegründeten Zeitschrift „Berliner Debatte Initial“ und als Herausgeber von Schwerpunktheften und als Autor tätig. Auch in den Publikationen der Sozietät ist Ulrich Busch mehrfach mit wichtigen Beiträgen präsent, so etwa mit der 2020 publizierten Monografie „Geldkritik. Theorien – Motive – Irrtümer“.

Françoise Knopper bei Ihrer Laudatio für Dorothee Röseberg (Foto: D.Segert)

Das wissenschaftliche Werk Dorothee Rösebergs wurde von der emeritierten Professorin der Universität Toulouse, Françoise Knopper, gewürdigt, welche auf Germanistik, Kulturwissenschaften, Reiseliteratur und Aufklärung spezialisiert ist. Sie verwies auf die erfolgreiche Tätigkeit von Kollegin Röseberg als Mittlerin zwischen den Kulturen Deutschlands und Frankreichs, die von Frankreich durch die Verleihung des Ordens „Palmes Académiques“ in der Offiziersklasse gewürdigt wurde. Die Laudatorin arbeitet mit der Geehrten in der deutsch-französischen Zeitschrift „Symposium Culture@Kultur“ zusammen. Françoise Kopper würdigte die wissenschaftliche Arbeit von Kollegin Röseberg, welche nach Studium, Promotion und Habilitation auf dem Gebiet der Romanistik als Professorin an den Universitäten Chemnitz und dann Halle-Wittenberg arbeitete. Sie strukturierte ihren Vortrag nach drei Schwerpunkten der wissenschaftlichen Arbeit von Dorothee Röseberg: Interkulturalität, eingeschlossen die Förderung interdisziplinärer Kooperation, ihren Einsatz für die Anerkennung der akademischen Disziplin Kulturwissenschaft in beiden Ländern sowie die Kooperation mit französischen Wissenschaftlern in der Analyse der Geschichte der DDR und deren kultureller Beziehungen mit Frankreich. Als Verdienst auf dem drittgenannten Gebiet hob die Laudatorin u.a. die Studien zu den Wirkungen der aus dem Exil in Frankreich nach 1945 in die DDR Zurückgekehrten. Die Spuren dieser Beziehung wurden auch im Film „Amour fou im Kalten Krieg“ gewürdigt, der 2025 bei Arte gezeigt wurde. Röseberg, so die Laudatorin, ist in deutsch-französischen Netzwerken sehr aktiv, so in binationalen Studiengängen oder als Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Deutsch-Französischen-Hochschule.

Christoph Vatter bei seinem Vortrag (Foto: D.Segert)

In seinem wissenschaftlichen Vortrag behandelte Christoph Vatter (Universität Jena) das Thema „Das ‚franco-allemand‘ revisited“, wobei er die Beiträge von Dorothee Röseberg dazu würdigte. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich, werden nicht nur durch Institutionen wie zwischenstaatliche Verträge, sondern auch durch soziale Imaginationen, sowie Narrative, gestaltet. Als Beispiele nannte er die aus Sportereignissen in den nationalen Medien produzierten Narrative über den jeweils Anderen. Sein Vortrag war in die folgenden Abschnitte gegliedert: Zum Begriff des „franco-allemand“, soziales Imaginieren in ihm, über den Platz von Imagination in der interkulturellen Wirtschaftskommunikation sowie Herausforderungen und Perspektiven. Der wissenschaftliche Begriff der Imagination, der von Cornelius Castoriadis etabliert wurde, verweist auf den kulturellen Hintergrund des Funktionierens wie der Probleme von gesellschaftlichen Institutionen. Dabei unterstrich der Redner, das im – die deutsch-französischen Beziehungen prägenden – „Versöhnungsnarrativ“ durchaus vorhandene reale Konflikte in den Beziehungen beider Gesellschaften ausgeblendet werden. Zum Schluss kam er auf Krisen des „franco-allemand“, in den französisch-deutschen Beziehungen, zu sprechen, so auf die sinkende Attraktivität des Lernens der jeweils anderen Sprache bei Jugendlichen beider Staaten, die Wiederbelebung des Nationalismus in den an Gewicht gewinnenden rechtspopulistischen Parteien sowie die Herausforderungen durch die neue geopolitische Lage, deren Herausforderungen keineswegs schon bewältigt werden. Kulturelle Übersetzungstätigkeit bleibe eine wichtige Aufgabe.

Ulrich Busch antwortet auf die Laudatio (Foto: D. Segert)

In der abschließenden Runde des Ehrenkolloquiums kamen nun die Geehrten selbst zu Wort, alphabetisch gereiht, zuerst also Ulrich Busch. Er betonte in seinen Ausführungen die gemeinsamen Wurzeln der Begriffe „Ökonomie/Wirtschaft“ und „Kultur“ in der Wirtschaftspraxis früher Gesellschaften. Schließlich habe sich im Kapitalismus die Dominanz der Wirtschaft über die Kultur herausgebildet, was sich auch in Begrifflichkeiten wie „Kunstmarkt“ zeige. In der kulturellen Sphäre könne nur verbraucht werden, was vorher wirtschaftlich erarbeitet worden sei. Der Einfluss der Kultur auf die Wirtschaft lasse sich zwar nicht leugnen, aber sie sei dem Markt unterworfen, Kunst und Künstler müssten sich an einem Markt, dem Kunstmarkt, behaupten.

Dorothee Röseberg antwortete nicht direkt auf diese Ausführungen, sondern formulierte in ihrem Vortrag Thesen über die Besonderheit der Kulturwissenschaft, womit sie gleichzeitig deren Stärken und ihren Beitrag zur Entwicklung von Gesellschaften hervorhob. Kulturwissenschaft sei „Grenzgängerwissenschaft“, kulturelles Übersetzen leiste einen wichtigen Beitrag zum Überschreiten von Grenzen zwischen Kulturen, Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Wissensräumen und Disziplinen. Sie erlaube Passagen, wobei die Begegnungen stattfinden ohne die Differenz und das Fremde zu ignorieren.

Dorothee Röseberg antwortet auf die Laudatio (Foto: D. Segert)

Schließlich erläuterte die Referentin kulturwissenschaftliche Konzepte zum Umgang mit Differenz und Fremdheit, als Verstehen und Übersetzung, wobei das alles in einem sozialen Prozess stattfinde, in dem durch Interessen und Machtungleichgewichte ein Ringen um Deutungshoheit vor sich gehe. Letztlich könne so ein „Dritter Raum“ entstehen, in dem Neues aus der Kommunikation über die Differenz erwächst.

Die Präsidentin ergriff zum Schluss noch das Wort und betonte die Bedeutung einer gleichrangigen Kommunikation zwischen den beiden Disziplinen, der Wirtschaftswissenschaft und der Kulturwissenschaft, in der Leibniz Sozietät.

Der Nachmittag klang bei einem Empfang im Ratssaal aus, in dem die Anwesenden, es waren fast 40 Personen, sich bei Wein und Brötchen miteinander und mit den Geehrten über ihre Eindrücke und Reflexionen austauschen konnten.

Dieter Segert