Nekrolog auf unser Mitglied Doz. Dr.sc. Detlef Nakath

Doz. Dr.sc.phil. Detlef Nakath (10.11.1949-03.10.2021) (Photo: Rosa-Luxemburg-Stiftung)

Die Leibniz-Sozietät der Wissenschaften trauert um ihr Mitglied, den Historiker Doz. Dr.sc. Detlef Nakath, der am 3. Oktober 2021 im Alter von 71 Jahren verstorben ist.

In Berlin im Jahr der doppelten Staatsgründung zweier deutscher Republiken geboren, durchlief Detlef Nakath den gewöhnlichen Weg eines Wissenschaftlers in der DDR. Nach Abitur, Wehrdienst und Geschichtsstudium an der Berlin Humboldt-Universität promovierte und habilitierte er sich später zu Themen der deutsch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen. Er arbeitete sich gründlich in die Situation der beiden deutschen Staaten in ihrem Systemkonflikt, aber auch in ihrer Zusammenarbeit ein. Als Hochschuldozent und in Zeiten des staatlichen Umbruchs als gewählter stellvertretender Institutsdirektor suchte er einen differenzierten Umgang mit der deutschen Geschichte und nach dem Platz für die Erfahrungen DDR-sozialisierter Historikerinnen und Historiker. Unter den neuen Machtverhältnissen blieb für ihn kein Platz in der akademischen Landschaft und er musste die Universität 1994 verlassen.

Im Unterschied zu manchen Kolleginnen und Kollegen war Detlef Nakath aber von der Vorstellung durchdrungen, seine Forschung fortzusetzen, die wissenschaftlichen, politischen und Lebenserfahrungen als DDR-Wissenschaftler weiterzugeben und für eine bewusste, kritische und differenzierte Auseinandersetzung mit der untergegangenen DDR und dem nun gesamtdeutschen Staat zu nutzen. Er war einer der Vorreiter der Etablierung einer Zweiten Wissenschaftslandschaft im nun vereinten Deutschland, in der politischen Bildung und wissenschaftlichen Forschung, die jenseits des neuen Zeitgeistes gefragt und gefördert waren. Als Mitarbeiter der Berliner “Hellen Panke” e.V., seit 2006 als Geschäftsführer der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg (bis 2014) und als Mitglied des Vorstandes der bundesweiten Rosa-Luxemburg-Stiftung (bis 2019), aber auch als Mitglied der Leibniz-Sozietät engagierte er sich für eine differenzierte und fundierte Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Geschichte.

Detlef Nakath hat wesentlichen Anteil an einer Zeitgeschichtsschreibung, die sich den Konflikten und Chancen der späten DDR und des Prozesses zuwendet, der zur deutschen Einheit führte. Er verband gründliches Archivstudium, teilweise in erst zu erschließenden Beständen, mit der Auseinandersetzung mit Zeitzeugen. Auf dieser Basis legte er In den 1990er Jahren gemeinsam mit Historikern und Historikerinnen umfangreiche Dokumentationen zur Geschichte der DDR insbesondere in ihren beiden letzten Jahrzehnten, den Beziehungen zur Sowjetunion und zu den vielfältigen Kontakten mit der BRD vor (ab 1993). Gleichzeitig hat er sehr genau das Schicksal der einst mächtigen SED in ihrer Schlussphase untersucht, so den entscheidenden Außerordentlichen Parteitag der SED/PDS im Dezember 1989 (1999) und erst jüngst das Schicksal der Spitzenfunktionäre der SED, die sich Anfang 1990 gegenüber ihren Genossen zu verantworten hatten (2020). Zu den bleibenden Leistungen Detlef Nakaths als Forscher und Wissenschaftsorganisator gehören seine Beiträge zur Herausgabe von drei gewichtigen Handbüchern zur SED (1997), zu den Parteien und Massenorganisationen der DDR (2002) und eine umfangreiches “Handbuch zur Deutschen  Zeitgeschichte  1945-2000” (2006). Nebenher liefen die Arbeiten an vielen Konferenzen, so die Potsdamer Kolloquien zur deutsch-deutschen Außenpolitik (seit 1997) oder die Mitarbeit an den “heften zur ddr-geschichte” der „Hellen Panke“ RLS Berlin.

Gerade der verbindende Blick Detlef Nakaths auf die gemeinsame, wechselvolle und wechselseitige Geschichte der beiden Deutschländer, das intensive Bemühen, Wissenschaftler und Politiker mit DDR- wie BRD-Biografie, aber auch ausländische Fachkollegen in die Diskussion einzubeziehen wird künftig fehlen. Mir und sicher manch anderem auch der Freund, Diskussionspartner und verlässliche Organisator eines Wissenschaftslebens außerhalb der dominierenden akademischen Strukturen.

Dr. Stefan Bollinger, MLS