Nekrolog auf unser Mitglied Prof. Dr. Klaus Steinitz

Am 7. Oktober 2026, wenige Tage vor Vollendung seines 94. Lebensjahres, ist Klaus Steinitz in Berlin verstorben. Mit ihm verliert die Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. ein prominentes, vielseitig interessiertes und außerordentlich engagiertes Mitglied.
Klaus Steinitz wurde am 12. November 1932 in Berlin als erstes Kind einer deutsch-jüdischen Familie geboren. Der Vater, Wolfgang Steinitz, war ein bekannter Philologe und Ethnologe, die Mutter Hausfrau. Beide Eltern waren engagierte Kommunisten. Die Familie emigrierte 1934 in die UdSSR, 1937 dann nach Schweden, wo der Vater bis 1945 eine Professur erhielt. 1946 kehrte die Familie zurück nach Berlin, wo Wolfgang Steinitz in den 1950er Jahren eine politische und wissenschaftliche Karriere als ZK-Mitglied der SED, Hochschullehrer und Forscher, bis zum Vizepräsidenten der Akademie der Wissenschaften, durchlief. Die Familie Steinitz gehörte zur intellektuellen Nomenklatura der DDR.
Klaus Steinitz besuchte in Berlin die Oberschule und legte 1951 das Abitur ab. Mit 16 Jahren trat er der SED bei. Von 1951 bis 1956 absolvierte er an der Hochschule für Ökonomie ein wirtschaftswissenschaftliches Studium. Anschließend war er weiter als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule tätig. 1959 wurde er mit einer Arbeit über Die Stellung der Eisenmetallurgie im Reproduktionsprozess der sozialistischen Volkswirtschaft zum Dr. rer. oec. promoviert. Von 1960 bis 1963 war er Dozent für Politische Ökonomie des Sozialismus. 1963 habilitierte er sich an der Karl-Marx-Universität Leipzig zum Thema Die Faktoren des Wachstums der sozialistischen Produktion und ihre Wirkung in der Industrie der DDR. Im Anschluss nahm er eine Tätigkeit am Ökonomischen Forschungsinstitut der Staatlichen Plankommission der DDR auf. Bis 1971 war er Leiter der Abteilung Prognose, dann Leiter der Hauptabteilung Wissenschaft und Bildung. Im Zuge der Dritten Hochschulreform wurde er 1969 zum Professor für Volkswirtschaftsplanung an der Hochschule für Ökonomie ernannt. 1976 wurde ihm der Vaterländische Verdienstorden der DDR in Bronze verliehen. Klaus war mit Dr. Nadine Steinitz, der Tochter von Jeanne und Kurt Stern, zwei ebenfalls bis 1946 im Exil gelebten deutsch-jüdischen Kommunisten und Intellektuellen verheiratet.
Nach Beendigung seiner Tätigkeit in der Staatlichen Plankommission war Klaus Steinitz von 1980 bis 1989 stellvertretender Direktor des Zentralinstituts für Wirtschaftswissenschaften der Akademie der Wissenschaften der DDR. 1988 erhielt er den Nationalpreis der DDR III. Klasse. 1989 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR gewählt.
In der Zeit des Umbruchs 1989/90 blieb Klaus Steinitz seiner politischen Überzeugung treu. Weder verließ er die Partei noch engagierte er sich in einer Bürgerrechtsbewegung. Bei der ersten freien Wahl in der DDR im März 1990 wurde er für die inzwischen zur Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) umbenannte SED als Abgeordneter in die Volkskammer gewählt, der er bis zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 angehört hat. Anschließend war er einer der 144 Volkskammerabgeordneten, die für die Zeit bis zur gesamtdeutschen Bundestagswahl im Dezember 1990 im Deutschen Bundestag saßen. Bis 1993 war er Mitglied des Parteivorstandes und des Präsidiums der PDS. Er beriet Gregor Gysi und Hans Modrow in Wirtschaftsfragen und war ein gern gesehener Referent auf Tagungen und Parteikonferenzen, aber auch auf politischen Bildungsveranstaltungen etwa der Ortsvereine oder des Seniorenclubs der PDS bzw. der Partei Die Linke.
Infolge der Abwicklung der Akademie der Wissenschaften der DDR ereilte ihn 1993, wie andere Akademiker, Funktionäre, Intellektuelle und Werktätige in der DDR auch, das Schicksal dauerhafter Arbeitslosigkeit. Er wurde in den Vorruhestand und schließlich vorzeitig in die Rente geschickt. Die Beendigung seiner beruflichen Tätigkeit und institutionellen Anbindung bedeutete jedoch keineswegs das Ende seiner politischen und wissenschaftlichen Betätigung, wobei hierzu anzumerken ist, dass er zwischen beiden Aspekten, zwischen der Wissenschaft einerseits und der Politik andererseits, nie einen Trennstrich gezogen hat. Im Zweifelsfall galt für ihn das Primat der Politik, welche er sich wissenschaftlich fundiert wünschte, was freilich nicht immer aufging. Kurz gesagt: Er ließ sich von dem politischen Umbruch nicht unterkriegen, sondern betrachtete die seit 1990 gründlich veränderten politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse vielmehr als Herausforderung, der es zu trotzen galt. Am Marxismus und seiner politischen Überzeugung hielt er unbeirrt fest, egal was im Lande passierte und was um ihn herum diskutiert wurde. Hiervon zeugen seine Publikationen aus den 1990er und 2000er Jahren, seine Reden und Statements, die Funktionen und Ehrenämter, die er in dieser Zeit innehatte sowie die Vielzahl von Gesprächen, Diskussionen und persönlichen Begegnungen, auf welche seine Kollegen und Mitstreiter, Gleichgesinnte wie Andersdenkende, alte wie junge Menschen heute zurückblicken können. Bei all den Aktivitäten fand er noch genügend Zeit, ausgedehnte und lange Radtouren durch Deutschland zu unternehmen, sich mit Werken der bildenden Kunst zu beschäftigen und dem Familienleben zu widmen, in Berlin-Pankow, wo sein Haus steht, in Kloster auf Hiddensee, wo die Familie ein Anwesen besaß oder beim Ski-Laufen in der Schweiz.
Klaus Steinitz war seit deren Gründung im Jahr 1993 Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. Er hat durch zahlreiche Beiträge im Plenum und in der Klasse Geistes- und Sozialwissenschaften dazu beigetragen, die Debatten zu bereichern und durch seine genaue Kenntnis und Innenansicht der DDR mitunter auch diese zu qualifizieren. Insbesondere, wenn es um Fragen der Planwirtschaft in der DDR ging, war er ein kompetenter und streitbarer Diskutant, der mit Sachkenntnis und exakten Daten aufwarten konnte. Von 1991 bis 2009 war er Leiter der Arbeitsgruppe Wirtschaftspolitik beim Partivorstand der PDS bzw. der Linkspartei, von 1991 bis zuletzt war er Mitglied der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (Memorandum) und von 2005 bis 2011 Vorsitzender und dann Mitglied des Kuratoriums des Vereins „Helle Panke“.
Inhaltlich hatte sich Klaus Steinitz nach 1990 insbesondere mit Fragen der Deutschen Einheit und der Transformation Ostdeutschlands und Osteuropas beschäftigt. Ein wichtiges Thema war für ihn das Scheitern des Staatssozialismus als Gesellschaftsordnung. Er hat bis zuletzt versucht, die Erosion und das schließliche Ende des sozialistischen Experiments historisch zu begreifen und ökonomisch wie politisch zu erklären. Sein Bemühen, die Chancen für eine gegenüber dem Kapitalismus bzw. Neoliberalismus alternative Gesellschaftsentwicklung auszuloten, hat nie nachgelassen. Bis ins hohe Alter war er ein konsequenter Verfechter der kommunistischen Idee von der Möglichkeit einer besseren Gesellschaft. Mit seinem Tod verlieren wir einen beharrlichen Streiter für eine linke Politik und eine sich am Gemeinwohl orientierende Wirtschaftsordnung. Was bleiben wird, das sind seine Bücher: Joachim Bischoff/Klaus Steinitz. „Bevor alles zusammenbricht …“, Hamburg 1993: VSA; Klaus Steinitz: Chancen für eine alternative Entwicklung, Hamburg 2005: VSA; Heinz Dieterich/Hans Modrow/Klaus Steinitz: Sozialismus im 21. Jahrhundert, Berlin 2007: Homilius; Klaus Steinitz: Das Scheitern des Realsozialismus, Hamburg 2007: VSA; Ulrich Busch/Wolfgang Kühn/Klaus Steinitz: Entwicklung und Schrumpfung in Ostdeutschland: Hamburg 2009: VSA; Klaus Steinitz/Dieter Walter: Plan-Markt-Demokratie, Prognose und langfristige Planung in der DDR – Schlussfolgerungen für morgen, Hamburg: VSA; Klaus Steinitz: Zukunftsfähiger Sozialismus im 21. Jahrhundert, Hamburg 2018: VSA.
Vor allem aber bleibt die Erinnerung an ihn als einen konsequenten Planwirtschaftler, einem unbeirrt am Marxismus, am Sozialismus und am positiven Erbe der DDR festhaltenden Wissenschaftler und vielfältig engagiertem Leibnizianer. – Er wird uns fehlen.
Ulrich Busch