Die Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. trauert um die Biochemikerin Prof. Dr. Gisela Jacobasch, die am 2. Oktober 2026 in Wandlitz verstorben ist

Prof. Dr. sc. nat. Gisela Jacobasch, geb. Kroggel, wurde am 4. Februar 1935 in Danzig geboren, sie starb am 2. Oktober 2026 in Wandlitz im Alter von 91 Jahren.
Die Wirren des II. Weltkrieges führten sie im März 1945 nach Schwerin und 1950 nach Berlin. Hier konnte Sie 1954 im mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig der Pasteuerschule Berlin das Abitur absolvieren. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Medizinstudiums, Fachrichtung Stomatologie, im Jahre 1960 an der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin (Charite) verteidigte sie am Institut für Physiologische und Biologische Chemie unter Leitung von Prof. S. M. Rapoport ihre medizinische Promotionsarbeit, die mit „summa cum laude“ bewertet wurde. Ihre Habilitation erfolgte 1970 an der Biowissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität mit einer Arbeit zum Thema „Regulation des glykolytischen Stoffwechsels roter Blutzellen“.
1970 wurde sie zum o. Dozenten und 1974 zur o. Professorin für Biochemie berufen. Bis zum Jahre 1995 arbeitete sie außerordentlich erfolgreich am Biochemischen Institut der Charité, als akademische Lehrerin für Studenten, Promovenden und Forschungsstudenten, als Leiterin einer Forschungsgruppe und als stellvertretende Institutsdirektorin. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten über die Kontrollenzyme der Glykolyse und des Pentosephosphatweges in roten Blutzellen und das auf der Grundlage dieser experimentellen Daten entwickelte mathematische Modell der Regulation der Glykolyse und des Pentosephosphatweges fanden breite internationale Anerkennung und wurden mit dem Rudolf Virchow-Preis geehrt (1972).
Immer war Sie bestrebt, die Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung zum Nutzen der Patienten einzusetzen, insbesondere zur Diagnostik und Therapie von hämolytischen Anämien infolge angeborenen Enzymdefekten und Malaria-Infektionen. Sie erkannte sehr früh, dass die unterschiedlich schwere Manifestation dieser genetischen Erkrankungen auf eine Vielzahl verschiedener Mutationen zurückzuführen ist. So konnte sie zahlreiche Mutationen erstmals identifizieren. Ihre Untersuchungen trugen dazu bei, die Häufigkeit von Transfusionen und Folgeerkrankungen zu senken und die Lebenserwartung der Patienten zu verlängern.
Nach ihrer Emeritierung im Jahre 1995 wechselte sie zum neu gegründeten Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Dort arbeitete sie bis zum Jahre 2000 sehr erfolgreich als Leiterin der Abteilung „Präventiv-Medizinische Lebensmittelforschung“. Hier konnte sie wichtige Entwicklungen auf dem Gebiet der resistenten Stärke, der Flavonoide und des Microbioms vorantreiben.
Gisela Jacobasch förderte durch ihre Arbeit in verschiedenen gesellschaftlichen Gremien die kritische wissenschaftliche Diskussion. Sie war Mitglied der Biowissenschaftlichen Fakultät und Mitglied des Wissenschaftlichen Rates der Humboldt-Universität (1968-1971), Vorsitzende der Kommission Forschung der Medizinischen Fakultät Charité (1974-1990), Mitglied der Gruppe Biologie des Forschungsrates der DDR (1982-1990) und Mitglied des Präsidiums der Gesellschaft für experimentelle Medizin und des Koordinierungsrates der Medizinisch-wissenschaftlichen Gesellschaften der DDR (1983-1990). Im vereinigten Deutschland wirkte Gisela Jacobasch als Mitglied des Konzils und als stellvertretende Vorsitzende der zentralen Personal-Struktur-Kommission der Humboldt-Universität (1990-92) und als Mitglied der Struktur- und Berufungskommission an der Universität Potsdam (1993). Von 1989-1994 war Gisela Jacobasch Mitglied der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität, ihr oblag die Leitung der Promotionskommission für Naturwissenschaftler im Bereich Medizin (Charité).
Gisela Jacobasch wurde im Jahr 1997 zum Mitglied der Leibniz-Sozietät gewählt. Durch ihre langjährige Tätigkeit im erweiterten Präsidium, ihre Vorträge und ihre aktive Mitwirkung in den Klassen- und Plenarsitzungen trug sie wesentlich zum wissenschaftlichen Meinungsstreit in der Sozietät bei. Das betraf biologische und medizinische Fragen, aber auch allgemeine gesellschaftliche Probleme wie den Schutz der Natur. Mit ihrer Arbeit und ihrem Engagement zu den Ursachen und Folgen des Bienensterbens half sie mit, schädliche Eingriffe des Menschen in die Natur zu reduzieren.
Ihre wissenschaftlichen Leistungen schlagen sich nieder in etwa 240 wissenschaftlichen Publikationen, sieben Patenten sowie fünf Monographien, Büchern oder Buchbeiträgen in Handbüchern.
Mit Hochachtung und Dank werden wir Gisela Jacobasch in Erinnerung behalten.
Johann Gross