Wissenschaftliche Sitzung des Arbeitskreises „Prinzip Einfachheit“

Am 23. November 2017 führt der Arbeitskreis „Prinzip Einfachheit“ eine öffentliche wissenschaftliche Sitzung durch zum Thema

Einfachheit, Wahrheit und Schönheit

Vortragender: Thomas Naumann (Zeuthen)

Zeit: 10.30 bis 12.30 Uhr

Ort: Balkonsaal

C.V.:
Prof. Naumann ist Teilchenphysiker und arbeitet am größten Forschungsprojekt der Menschheit, dem 27 km langen Large Hadron Collider (LHC) des Europäischen Zentrums für Kernforschung CERN in Genf. Er studierte bis 1975 Physik an der Technischen Universität seiner Heimatstadt. Ab 1975 untersuchte er am Institut für Hochenergiephysik der Akademie der Wissenschaften der DDR in Zeuthen bei Berlin die starken Wechselwirkungen von Elementarteilchen. 1980 wurde er an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert, und seit 1992 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Elektronen-Synchrotrons DESY. Am Elektron-Proton-Speicherring HERA des DESY arbeitete ab 1987 daran, die Struktur des Protons präzise zu messen.
Prof. Naumann ist stellvertretender Leiter des DESY-Standorts in Zeuthen und lehrt seit 2005 als Honorarprofessor an der Universität Leipzig. Seit 2006 ist er Mitglied des ATLAS-Experiments am Large Hadron Collider LHC des CERN. Außerdem betreut er die deutsche Öffentlichkeitsarbeit für CERN und den LHC.
Abstract:
Simplex sigillum veri – Das Einfache ist das Siegel des Wahren, lautet eine Inschrift im Physikhörsaal der Universität Göttingen. Aber sind Einfachheit und Schönheit ein zuverlässiges Kriterium der Wahrheit? Können Vereinfachung, Reduktion und Abstraktion, das Streben nach Eleganz, Effizienz und Minimalität nicht auch den Erkenntnisprozess behindern? Was verbindet Einfachheit mit Symmetrie und Schönheit? Ist Einfachheit der Weg oder das Ziel der Erkenntnis?
Symmetrien sind Ausdruck von Ordnung und Harmonie des Kosmos. Sie liegen vielen Gesetzen der Physik zugrunde. Dennoch beruht unsere Welt auf fundamentalen Asymmetrien: So laufen die Evolution des Universums und des Lebens vorwärts und nicht rückwärts. Unsere Welt besteht aus Materie und nicht aus Antimaterie. Es gibt freie elektrische, aber keine freien magnetischen Ladungen, und eine Symmetriebrechung des Higgs-Feldes erzeugt die Massen der Elementarteilchen.
Einfache Prinzipien können komplizierte Strukturen generieren. So sind die abstrakten Symmetrien der Teilchenphysik Grundlage der über tausend Elementarteilchen, hochkomplexe und wunderschöne fraktale Strukturen beruhen auf einfachsten Formeln. Deshalb werden wir die Dialektik von Symmetrie und Asymmetrie, von Einfachheit und Kompliziertheit, von Elementarem und Komplexem detailliert untersuchen.
Schließlich gehen wir der hochaktuellen Frage nach, ob elementare Begriffe wie Raum und Zeit nicht etwa emergente Phänomene komplexerer Strukturen sind.