Nekrolog auf unser Ehrenmitglied Georg Katzer

                                                                Foto: http://georgkatzer.jimdo.com/

Die Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. trauert um ihr  Ehrenmitglied,

den Komponisten
Professor Georg Katzer

der am  07. Mai 2019 im Alter von 84 Jahren verstorben ist.

Georg Katzer wurde  am 10. Januar 1931 als Sohn eines Konditors in Habelschwerdt, Schlesien (heute Bystrzyca Kłodzka) geboren und legte sein Abitur an der Internatsschule Schloss Wendgräben in Sachsen-Anhalt ab. 1953 bis 1959 studierte er Klavier, Musiktheorie und Komposition bei Rudolf Wagner-Regeny und Ruth Zechlin in Berlin und bei Karel Janáček an der Akademie der Musischen Künste in Prag. Danach war er von 1961 bis 1963 Meisterschüler von Hanns Eisler, Ruth Zechlin und Leo Spies an der Deutschen Akademie der Künste Berlin.

Er war dann als freischaffender Komponist und Musiker tätig, so von 1966 bis 1967 als Musikdramaturg im Erich-Weinert-Ensemble der NVA der DDR. 1978 wurde Georg Katzer zum Mitglied der Akademie der Künste gewählt und 1987 zum Professor ernannt. Er ist Mitglied der Akademie für Elektroakustische Musik in Bourges, Frankreich, sowie der Freien Akademie Leipzig. Er war Gastprofessor an der Michigan State University, USA, und Ehrengast der Villa Massimo, Rom. Kompositionspreise und Auszeichnungen erhielt er in der DDR, in der Schweiz, in Frankreich, in den USA und mehrfach in der BRD. Im Frühjahr 1990 wurde er zum Präsidenten der Musikrates der DDR gewählt. Nach der Vereinigung Deutschlands gehörte er bis 2001 dem Präsidium des Deutschen Musikrates an, der ihn zum Ehrenmitglied ernannte.

Georg Katzer fühlte sich zutiefst als Musiker und allem Klingenden zugetan.   Seine Wissbegier, seine Phantasie und seine Weitsicht kannten keine Grenzen.

Er war für alles Neue in der Musik offen, zudem sehr experimentierfreudig, ließ sich von kreativ möglichen Verbindungen von Musik und Errungenschaften der Technik bis hin zu den Naturwissenschaften faszinieren und zum Nachdenken bringen. Gesellschaftliche Bezüge, aktuelle politische Probleme oder geschichtliche Vorgänge waren ihm Anregung zu  musikalisch-künstlerischer Umsetzung, nicht platt aktualisierend, sondern reflektiert, in einer bedeutsamen Sprachlichkeit, mit der er sich seinen Hörern mitteilte. Repäsentativ in diesem Zusammenhang sind seine Werke „Medea in Korith“, nach Christa Wolf, oder „Antigone und die Stadt“, uraufgeführt 1989.

Georg Katzer war ein begnadeter, innovativer  Kombinator eines – auch technische –  Töne erzeugenden Instrumentariums.  Noch in den 1970er-Jahren beeindruckte ihn das Spektrum potentieller elektronischer Klangerzeugung, und als deren Wegbereiter in der DDR gründete Katzer 1982 das der Sektion Musik der Akademie der Künste angegliederte Studio für Elektroakustische Musik, dessen künstlerischer Leiter er bis 2005 war. Eine ganze Generation junger Komponisten dankt ihm daraufhin den Zugang zur elektronischen Musik: Helmut Zapf, Ralf Hoyer, Helmut Oehring, Lutz Glandien.

Georg Katzers kompositorisches Werk – Opern, Ballette, Orchesterwerke, Kammermusik, Solokonzerte, Vokalkompositionen, Puppenspiele und elektronische Musik – beeindruckt durch Zahl, Fülle und Vielgestaltigkeit des Geschaffenen. Als Komponist war er äußerst breit aufgestellt, konnte einerseits mit einem vitalem musikantischen Temperament aufwarten, hatte Lust am Virtuos-Spielerischen und der Erkundung differenzierter klanglicher Kombinationen. Andererseits gab es da sein Bedürfnis, dies Lustvoll-Spielerische formal zu disziplinieren, es mit Expressivität aufzuladen und der Musik eine spezifische Sprachlichkeit zu verleihen. Dabei ging es ihm stets um die wie auch immer zu definierende Kommunikation mit dem Hörer, um die – schon zu DDR-Zeiten – kommunikativen Chancen einer modernen Musik. Viele und gerade jüngere Komponisten eifern ihm darin nach, suchen und verlangen nach einer neuen Rezeptionsfähigkeit für ihre musikalischen Werke. Bei europäischen Tourneen spielte er zusammen mit Johannes Bauer, Wolfgang Fuchs, Paul Lytten, Radu Malfatti, Phil Minton, Ernst-Ludwig Petrowski oder Phil Wachsman.

Seine multimediale szenische Aktion „L’homme machine“ (Der Maschinenmensch)“, frei nach La Mettrie für Musiker und Darsteller, Projektionen und Videoeinspielungen sowie Live-Elektronik, wurde im Jahr 2000 in der Musikakademie Rheinsberg, einem Kooperationspartner der Leibniz-Sozietät, uraufgeführt. 2015 stellte er sie mit dem einführenden Monolog, vorgetragen durch den Kontrabassisten Martin Bauer, dem Plenum der Sozietät vor. Ergänzend äußerte sich Katzer über das Verhältnis Mensch-Maschine-Computer in seinem kompositorischen Schaffen und dessen Rezeption heute. Im gleichen Jahr wurde Georg Katzer zum Ehrenmitglied der Leibniz-Sozietät gewählt.

Einer von Georg Katzers Kernsätzen lautet: „In der Musik müssen wir ganz ehrlich sein.“ Diesen Leitspruch hatte er von seinem Lehrer Hanns Eisler übernommen, und dieser ethische Vorsatz ist bisweilen gnadenlos und schwer zu ertragen, insbesondere, wenn er sich gegen das eigene Tun richtet. In dieser Hinsicht war Georg Katzer selbst sein wohl härtester Kritiker.

Unsere Sozietät wird diesem extraordinären Musiker und wichtigsten Komponisten der DDR lange ein ehrendes Andenken bewahren.

Armin Jähne