Gründung des ersten Akademie-Industrie-Komplexes der DDR im Jahr 1976: „Arzneimittelforschung“. Prof. Dr. Erhard Göres, einer der Mitbegründer, verstarb am 27.9.2026

Die Gründung des ersten Akademie-Industrie-Komplexes (AIK) hat eine Vorgeschichte. 1972 zogen die Peptidpharmalogen und Peptidchemiker vom „überfüllten“ Bucher Medizincampus auf das bessere Entwicklungsmöglichkeiten bietende Akademiegelände in Berlin-Friedrichsfelde. Das wurde Basis für das Anfang 1976 gebildete Akademieinstitut für Wirkstoffforschung (IWF) unter dem Direktorat von Prof. Dr. Peter Oehme. Gleichfalls ab 1972 wurden auf dem Akademiegelände Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der pharmazeutischen Industrie “angesiedelt“. Mit der damit verbundenen Erweiterung wurde Anfang 1976 daraus das Institut für pharmakologische Forschung (IPhF) des Kombinates Germed gebildet. Gründungsdirektor wurde Prof. Dr. Erhard Göres, der wie Oehme, gleichfalls aus der pharmakologischen „Jung-Schule“ entstammte (Friedrich Jung 1915-1997). Zuvor war Göres als Professor für Klinische Pharmakologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena tätig. Im März des gleichen Jahres wurden dann im IWF-Speisesaal die Gründungsdokumente für den ersten AIK der DDR unterzeichnet. Unterzeichner waren der Generaldirektor des Kombinates Germed, Werner Hohtanz sowie der damalige Direktor des Forschungszentrums für Molekularbiologie und Medizin und spätere Präsident der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW), Prof. Dr. Werner Scheler.
Im AIK kam dem AdW-Institut die Aufgabe des Innovationsgenerators zu, mit überlappender Teilverantwortung für sich anschließende Schritte für Neuentwicklungen. Das AdW-Institut bearbeitete dabei theoretische und experimentelle Grundlagen biologisch-aktiver Verbindungen, speziell von Peptidwirkstoffen und Herz-Kreislauf-Pharmaka. Das GERMED-Institut führte dann die erforderlichen pharmakologisch-toxikologischen und zum Teil pharmakokinetischen Untersuchungen bis hin zur klinischen Phase I durch.
Der hierfür notwendige Austausch von Ideen und Erfahrungen erfolgte durch die Bildung gemeinsamer Forschungskollektive, Personalaustausch und gemeinsame Studien für prospektive Arbeitsgebiete. Hinzu kamen umfangreiche gemeinsame wissenschaftliche Aktivitäten. Hierzu gehörte beispielsweise die gemeinsam herausgegebene Schriftenreihe „Beiträge zur Wirkstoffforschung“ (ca. 50 Titel) mit zum Teil noch heute relevanten und aktuellen Themen. Die inhaltliche Verantwortung und Chefredaktion für das seinerzeit wichtige Informationsblatt zur Arzneimitteltherapie (medicamentum) lagen beim Industrieinstitut.
Insgesamt zeichnete sich das AIK durch eine lebendige, produktive Atmosphäre mit zahlreichen gemeinsamen Veröffentlichungen und Patenten sowie eine weitreichende Ausstrahlung und Beispielwirkung aus. Detaillierte Angaben finden sich in einigen Übersichtsarbeiten (Oehme 2001, Oehme et al. 2004, Göres/Scheler 2017).
Heute, 50 Jahre nach der Gründung des AIK und seiner beiden Institute kann das Konzept des AIK als tragfähig eingeschätzt werden. Ein begrenzender Faktor lag zweifellos im materiellen Bereich. Die bei der Bildung des AIK zugesagten Investitionen für ein Laborgebäude wurden lediglich in Bruchteilen realisiert. Dadurch konnten die molekularbiologischen Arbeiten nicht wie vorgesehen realisiert werden. Gleiches galt für die unzureichende Modernisierung der apparativen Ausstattung. Hinzu kam das allgemeine Problem, dass die Patentgesetzgebung der DDR nur Verfahrensentwicklungen für Arzneimittel schützte und keine Innovationen. Deshalb fehlte der notwendige Sog von der Industrie zur Grundlagenforschung. Insgesamt ist einzuschätzen, dass das angestrebte Konzept einer Forschungskette kurz vor der politischen Wende in der DDR 1989/90 am „seidenen Faden“ hing (2). Bei aller Richtigkeit des AIK-Konzeptes und trotz der hohen Einsatzbereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätte der AIK damit über kurz oder lang wahrscheinlich nicht fortgesetzt werden können.
Trotz dieser kritischen Situation gelang es beiden AIK-Instituten zukunftsfähig in die Zeit der deutschen Wiedervereinigung zu gehen. Es gelang, das IPhF zu privatisieren und die Arbeit, mit anderen Zielen als Biopharm GmbH weiterzuführen. Dem IWF gab der Wissenschaftsrat 1992 ein positives Evaluierungsergebnis (Wissenschaftsrat 1992). Als Leibniz-Forschungsinstitut für molekulare Pharmakologie (FMP) knüpfte es in einem Neubau auf dem Bucher Medizincampus an die historische Tradition des IWF an und führt bis heute die chemisch-biologische Grundlagenforschung fort. Dabei bleibt jedoch die Forderung, eine noch effektivere Verknüpfung von Grundlagenforschung und Industrieforschung, unter den heutigen Bedingungen, zu erreichen.
Am Ende dieser kurzen Übersicht zum dreifachen Jubiläumsjahr (AIK, IPhF, IWF) steht die traurige Mitteilung, dass der IPhF-Gründungsdirektor und AIK-Mitbegründer Prof. Dr. Erhard Göres am 27. September 2026 nach langer schwerer Krankheit verstorben ist. Seine umfangreichen wissenschaftlichen Kenntnisse, die ausgeprägten Fähigkeiten, Grundlagenforschung und Praxis zu verbinden sowie eine stets faire, kollegiale und freundschaftliche Art des Umgangs miteinander machten ihn zu einer tragenden Säule für die AIK-Gründung und -Leitung und dessen erfolgreiche Arbeit. Dafür gebührt ihm Dank und Anerkennung! Der Autor und seine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen trauern mit Erhard Göres’ Ehefrau Lieselotte Göres und der Familie um einen wertvollen Mitstreiter, Kollegen und Freund.
Peter Oehme (MLS)
Bibliografie
Göres, Erhard/Scheler Werner (2017): Erfahrungen aus dem Akademie-Industrie-Komplex (AIK) Arzneimittelforschung. In: P. Oehme, K. Hauptmann, U. Scheller: Historisches und Aktuelles zur Arzneimittelforschung. Leibniz-Sozietät der Wissenschaften (Kolloquium anl. des 80. Geburtstages von Peter Oehme im Schloss Biesdorf am 12.10.2017), S. 10-12. (online: https://leibnizsozietaet.de/wp-content/uploads/2017/12/Oehme-u.a.-Historisches-und-Aktuelles.pdf [12.10.2026])
Oehme, Peter (2001): Erfahrungen aus einem Akademie-Industrie-Komplex. In: W. Scheler u. a.: Die Berliner Akademie nach 1945-Zeitzeugen berichten. Abhandlungen der Leibniz-Sozietät, Band 6, trafo Verlag, Berlin, 143-149.
Oehme, Peter/Göres, Erhard/Rosenthal, Walter/Ganten, Detlev (2004): Pharmakologische Institutionen Berlin-Buch und Berlin-Friedrichsfelde. In: A. Philippu: Geschichte und Wirken der pharmakologischen, klinisch-pharmakologischen Institute im deutschsprachigen Raum. Absam: Berenkamp-Verlag.
Wissenschaftsrat (1992): Stellungnahmen zu den außeruniversitären Forschungseinrichtungen in der ehemaligen DDR auf dem Gebiet der Biowissenschaften und Medizin. Bonn, 1992, 31-36.