März-Workshop des AK Gesellschaftsanalyse: Bericht

Arbeitskreis „Gesellschaftsanalyse“:

Bericht zum Workshop „Postwachstumspolitiken. Wege zur wachstumsunabhängigen Gesellschaft“ am 24. März 2017.

Trotz einer erforderlichen Terminverlegung war dieser Workshop mit seinen fünfzehn Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht nur gut besucht; es kam vor allem auch zu sehr intensiven und lebendigen Debatten. Denn das Thema hatte bzw. hat es im doppelten Sinn in sich: Einmal in dem einer Perspektive „Postwachstumsgesellschaft“. Und dann in dem einer Frage nach notwendigen und möglichen Politiken für eine solche Gesellschaft und eine darauf leitende Transformation.

Einleitend ging Frank Adler ausführlich auf Ziel und auch auf zentrale Positionen aus dem von ihm und Ulrich Schachtschneider konzipierten und herausgegebenen Buch, welches das Thema für den Workshop gesetzt hatte, ein. Und obgleich damit der Schwerpunkt eindeutig auf die zweite Frage gelegt war, nämlich die einer praktischen Politik, wurde die Diskussion doch weitgehend von der ersten dominiert: Zu grundlegend sind die Voraussetzungen einer Perspektive „Postwachstumsgesellschaft“. Und es sind auch, trotz verschiedener Debatten, noch einige Missverständnisse aber auch kritische Einwände oder/und produktive Anregungen. Das geht von der Frage, ob angesichts Bevölkerungswachstums auf (Wirtschafts-)Wachstum verzichtet werden kann, zu der nach einer erforderlichen Unterscheidung von Entwicklung und Wachstum bis zum grundlegenden kritischen Anspruch einer Modernekritik, die eben nicht nur den kapitalistischen Wachstumsmotor trifft. Adlers Begründung war eher differenziert und vom Bemühen getragen, das Zerrbild von Postwachstum als „verzichtsethischem Öko-Fanatismus“ zu korrigieren (also z.B.: den Geltungsbereich von marktförmig-wertökonomischen Imperativen einhegen, nicht beseitigen), in der Diskussion wurde dem nur zum Teil gefolgt.

Während es hier durchaus einige Anregungen aber auch bekannte und offene Kontroversen gab, wurde die Frage nach den wirklich möglichen Übergängen und dafür erforderlichen Politiken zu einem sehr anregenden Diskussionsblock, zumal das von Frank Adler vorgestellte Buch hierzu selbst sehr unterschiedliche Facetten bietet. Was sind die tragfähigen Konzepte, beispielsweise Investitionsprogramme für den Übergang? An welchen der in vorliegenden, z.T. kontroversen Diskursen angebotenen Narrativen kann sich ein solcher orientieren? Was braucht ein erforderlicher kultureller Umbau, der den Menschen aus permanenter Manipulation im Wachstumswahn lösen kann?

Eines der wichtigsten Argumente, die der Referent immer wieder in die Waagschale legen konnte, war bzw. ist die wirklich beeindruckende Vielfalt von praktischen Bewegungen mit durchaus unterschiedlichen inhaltlichen Orientierungen und auch politischen Vorstellungen und Ansprüchen. Das schließt Vorbehalte gegenüber dem Konzept von Postwachstumspolitiken selbst ein, insofern dieses in einzelnen Beiträgen als zu stark autoritär oder elitär wahrgenommen wird. Diese Vorbehalte in den Kontext der Publikation aufgenommen und so einer anregenden wie kritischen Reflexion zugänglich gemacht zu haben, ist ein unbedingter Vorzug der Publikation und war eben auch Anregung für die Debatte auf dem Workshop.

Ein tiefer gesellschaftlicher Umbau ist nötig,  denn die Folgen bisheriger Wachstumslogik sind nicht zu bändigen. Hierin wurde ein übergreifender Konsens im Arbeitskreis zu Transformationskonzept und Transformationsanspruch bestätigt. Die Frage nach dem Stellenwert der „Postwachstumsperspektive“ bleibt in einer nach wie vor produktiven Kontroverse, zumal sie sich eben mit praktischen Bewegungen verbindet. Dass diese als „Bewegung von unten“ und als Diffusionsprozess nicht ausreichen, ist einer der überzeugenden Ansatzpunkte für das präsentierte Konzept von Postwachstumspolitiken. Dass damit zugleich ein Dilemma benannt ist – denn auch „von oben“ geht es nicht allein –, wurde keinesfalls verschwiegen. Ein interessanter Vorschlag im vorgestellten Konzept besteht deshalb in einzuschlagenden Umwegen, die quasi eher indirekte Schritte zu einem anzustrebenden Übergang darstellen könnten. Dafür wurden Ermöglichungsbedingungen identifiziert und konkrete Reformpolitiken formuliert (etwa hinsichtlich des Ausbaus öffentlicher Infrastruktur, von Erwerbsarbeitszeitreduzierungen oder eine Ausweitung von Demokratie). Letztlich sollen die Hürden der Postwachstumsakzeptanz für „Normalbürger“ gesenkt werden.

Dies alles sind mögliche Beispiele, das Konzept hat viele originelle Elemente. Eine überzeugende Lösung steht sicher noch aus (wenn es denn jemals eine gibt). Es ist ein Vorteil des Buches, dies nicht zu ignorieren und eben eher einer Vielfalt Raum zu geben, als dem stringenten „Dach“. Für den Arbeitskreis kann dies im notwendig anhaltenden Bemühen zur Qualifizierung einer zeitgemäßen Transformationsperspektive nur stimulierend sein. Auf das Buch (siehe dazu auch die Einladung zum Workshop) ist darüber hinaus ausdrücklich aufmerksam zu machen.

Der Arbeitskreis trifft sich zur nächsten thematischen Sitzung am 23. Juni. Thema und Einladung folgen in der ersten Maihälfte.

Für weitere Informationen: Michael Thomas (thomas@biss-online.de)

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