Arbeitskreis “Allgemeine Technologie”: Jahresrückblick 2014

Die Tätigkeit des Arbeitskreises Allgemeine Technologie (AK AT) war im Jahr 2014 auf folgende zwei Aktivitäten konzentriert:

  1. Fertigstellung der Publikation „Beiträge zur Allgemeinen Technologie“ (herausgegeben von Gerhard Banse und Ernst-Otto Reher);
  2.  Vorbereitung und Durchführung des Symposiums „Technologiewandel in der Wissensgesellschaft – qualitative und quantitative Veränderungen –“.

(1) Das Konzept von Johann Beckmann (1739-1811) zur Allgemeinen Technologie ist ein sehr anspruchsvolles und komplexes Programm. Es zeugt vom Weitblick des Autors, eine Allgemeine Technologie als Wissenschaftsdisziplin gestalten und nutzbar für Ausbildung und Anwendung machen zu wollen. Die Beckmannsche „Allgemeine Technologie“ beinhaltete Darstellungen zu Rohstoffen, zur Herstellung und zu Waren. Damit wurde schon damals deut­lich gemacht, dass Allgemeine Technologie ein überaus interdisziplinäres Objekt darstellt. Die Zeit war jedoch noch nicht reif für ihre Ausgestaltung durch ihn selbst und mögliche Mitstreiter. Verschiedene Autoren haben nun in den zurückliegenden etwa 50 Jahren versucht, das Beckmannsche Programm der Allgemeinen Technologie auf der Grundlage ihrer Fachkompetenz und ihrer erkenntnisleitenden Interessen auszugestalten und den gegenwärti­gen Zustand der (Allgemeinen) Technologie darzustellen, vor allem aus Kenntnissen spezialisierter Technologien und der Differenzierung umfassenderer technikbezogener Konzeptionen – auch, um einen solchen Verallgemeinerungsgrad der (Allgemeinen) Technologie zu schaffen, den sich Beckmann vorgestellt haben könnte. Leider waren diese Weiterentwicklungen und Ausgestaltungen des Beckmannschen Konzepts vorrangig (nur) für die Ausbildung ausgewählter Berufsgruppen vorgesehen, die von diesen Schriften angespro­chen wurden und davon profitierten, z.B. Polytechnik-/Technikkunde-Lehrer, Warenkundler, Ökonomen (Wirtschaftsingenieure), Soziologen, Philosophen. Es waren alles Gruppen, die zu den „Technologiebegleitern“ (Sozial- und Geisteswissenschaftler) gehörten, die im Wesentli­chen konkretisiertes Orientierungswissen benötigen, und keine „Technologieschöpfer“ (Tech­nik- und Naturwissenschaftler) waren, für die es um verallgemeinertes technologisches Fachwissen geht bzw. gehen sollte. Die Beiträge in diesem Band verstehen sich indes als Beiträge von Technologieschöpfern für Technologieschöpfer. Sie beziehen sich auf den gesamten Lebenszyklus von Technologien unter Beachtung natur-, technik-, sozial- und geisteswissenschaftlicher Komponenten. Der Band versteht sich nicht als „Gesamtdarstel­lung“, sondern eher als ein weiteres Fragment zur „Allgemeinen Technologie“, das jedoch anregen soll, dieses interdisziplinäre Vorhaben weiterzuführen.

Die Publikation, erschienen als Band 36 der „Abhandlungen der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften“ (trafo Wissenschaftsverlag, Berlin 2014, 446 S.), enthält folgende Beiträge:
–      Gerhard Banse, Ernst-Otto Reher: Einführung
–      Wolfgang Fratzscher: Gedanken zur Allgemeinen Technologie
–      Klaus Hartmann: Technologien – Elemente der Produktionssphäre
–      Ernst-Otto Reher: Methoden zur Gestaltung von Technologien
–      Klaus Fuchs-Kittowski, Christian Stary: Methoden zur Gestaltung sozio-technischer Informationssysteme
–      Dietrich Balzer, Paul Thierse: Überwachung und Steuerung technologischer Prozesse und Systeme
–      Horst Goldhahn, Jens-Peter Majschak: Bestimmung, Entwicklung und Betrieb von Verarbeitungsmaschinen und –anlagen
–      Günter Spur: Entwicklungsphasen der Produktionstechnik
–      Norbert Mertzsch: Außerbetriebnahme und Rückbau von Technologien
–      Gerhard Öhlmann: Technologien des 21. Jahrhunderts.

(2) Das bereits sechste Symposium des AK, das sich wiederum Grundfragen der Allgemeinen Technologie zuwandte, fand am 10. Oktober 2014 in Berlin-Adlershof statt. Daran nahmen 28 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und dem Ausland (Deutschland, Österreich, Vietnam) teil. Das Symposium wurde wie immer in Kooperation mit dem Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse des Karlsruher Instituts für Technologie (früher: Forschungszentrums Karlsruhe in der Helmholtz-Gemeinschaft) durchgeführt.

Der AK AT, gegründet am 12. Oktober 2001, hatte bereits folgende Symposien zur Allgemei­nen Technologie durchgeführt:
–      Allgemeine Technologie – Vergangenheit und Gegenwart (2001);
–      Fortschritte bei der Herausbildung der Allgemeinen Technologie (2004);
–      Allgemeine Technologie – verallgemeinertes Fachwissen und konkretisiertes Orientierungswissen zur Technologie (2007);
–      Ambivalenzen von Technologien – Chancen, Gefahren, Missbrauch (2010);
–      Technik – Sicherheit – Techniksicherheit (2012).

Das 6. Symposium wandte sich nun technikbezogenen Veränderungen beim Übergang zur sogenannten Wissensgesellschaft zu. Spätestens, seitdem Mitte der 1990er Jahre der Produktionsfaktor Wissen neben die herkömmlichen Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit gestellt und dem Wissen damit eine neue, gewissermaßen industrielle Bedeutung zugeschrie­ben wurde, ist der erklärende Charakter des Begriffes Wissensgesellschaft, der eigentlich schon seit den 1960er Jahren im Gebrauch ist, begründet worden und hat seine Karriere auch im politischen Bereich genommen. Zu beachten dabei ist jedoch: Die Wissensgesellschaft als solche hat es als „Ergänzung“ der Industriegesellschaft schon lange gegeben. Allerdings gilt auch, dass Zusammenhänge, die schon früher da waren, aber nur begrenzte Relevanz besaßen, jetzt in einem neuen Licht gesehen werden, weil sich deren Stellenwert im realen Gesamtzusammenhang des gesellschaftlichen Lebensprozesses gewandelt und erhöht hat. Der sich gegenwärtig vollziehende Umbau der Gesellschaft von der Industrie- zur Wissensgesell­schaft lässt sich nicht allein auf technologische und ökonomische Aspekte reduzieren – weder bei der Erklärung der Ursachen noch bei der Folgenabschätzung. Es wird davon ausgegangen, dass dieser Prozess alle Bereiche der Gesellschaft erfassen und erheblich verändern wird, er betrifft Politik, Recht, Wissenschaft, Bildung, Handel, Arbeits- und Lebensweise, Freizeit- und Kommunikations-verhalten, die Bürgerrechte und den Datenschutz gleichermaßen. Infolgedessen impliziert dieser Wandel mit globaler Dimension auch soziale und kulturelle Veränderungen bzw. ist auf solche angewiesen. Diese Interdependenzen zwischen Tech­nik/Technologie, Individuum, Kultur, Gesellschaft, Politik, Recht und „Umwelt“ gilt es gene­rell und in konkreten Teilbereichen aufzudecken, da aktiver Handlungs- und Gestaltungsbe­darf offensichtlich ist.

Durch das Symposium wurden wesentliche (qualitative und/oder quantitative) Merkmale des Technologiewandels der Gegenwart in ihren Beziehungen zur Wissensgesellschaft herausgearbeitet. Das betrifft sowohl globale Menschheitsprobleme (Ernährung, Gesundheit, Klima, Energiewechsel, Bildung, Kommunikation u.a.) als auch konkrete Vorgangs- und/oder Produkttechnologien. Diese Bestandsaufnahmen führten zu Einsichten in Einflüsse und Wechselwirkungen der oben genannten Wohlstandsvoraussetzungen, aus denen wiederum Zukunftsprioritäten abgeleitet wurden.

Im Rahmen des Symposiums wurden folgende Vorträge gehalten:

–      Gerhard Banse, Ernst-Otto Reher: Technologiewandel in der Wissensgesellschaft – qualitative und quantitative Veränderungen
–      Christian Kohlert: Traditionelle Kalandertechnologie für High-Tech-Produkte
–      Wolfgang Fratzscher: Energietechnik und Energiewende
–      Norbert Mertzsch, Ernst-Peter Jeremias: Entwicklungstendenzen in der Wärmeversor­gung
–      Dieter Seeliger: Über einige qualitative und quantitative Fortschritte bei der praktischen Nutzung von Nanotechnologie in der Energieumwandlung
–      Horst Goldhahn, Jens-Peter Majschak: Hocheffiziente Maschinensysteme für die individualisierte Massenproduktion
–      Peter Schwarz: Technologiewandel und Nachhaltigkeit beim Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft
–      Johannes Briesovsky: Technologische Prozessintensivierung durch resonante Pulsationen
–      Hans-Joachim Laabs: Ist der 3D-Drucker die „Dampfmaschine“ der digitalen Revolution oder eine überschätzte Innovation?
–      Hermann Grimmeiss: Die Verbindung von Wissenschaft und Gesellschaft – eine Voraussetzung zur Lösung des Europäischen Paradoxons I: Sicht des Wissenschaftlers
–      Bernd Junghans: Die Verbindung von Wissenschaft und Gesellschaft – eine Vorausset­zung zur Lösung des Europäischen Paradoxons II: Sicht des Unternehmers

Das Symposium verdeutlichte, wie sich die Technologie-Evolution, die durch folgende Hauptmerkmale bzw. –tendenzen gekennzeichnet ist, in der Wissensgesellschaft vollzieht:
–      Fortschreitende Miniaturisierung bei gleichzeitiger Internationalisierung und Globalisie­rung;
–      steigende Komplexität der technischen Systeme und ihrer Wechselwirkungen mit der „Umwelt“;
–      zunehmende Durchdringung der technischen Systeme mit Informations- und Kommunikationstechnologie;
–      „Verschränkungen“ von Biologischem und Technischem;
–      rasche Entwicklung und umfassende Nutzung der Kommunikationstechnologien in allen gesellschaftlichen Sphären.

Es ist vorgesehen, die Ergebnisse des Symposiums, das finanziell von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert worden war, im Jahre 2015 in den „Sitzungsberichten der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften“ zu veröffentlichen.

Gerhard Banse, Ernst-Otto Reher

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