Toon Van Hal (MLS) organisierte internationale wissenschaftsgeschichtliche Tagung in Rom

Vom 16. bis 18. September 2026 fand im Norwegischen Institut in Rom das XXXV. Internationale Kolloquium des Studienkreises Geschichte der Sprachwissenschaft (SGdS, https://www.goto-sgds.eu) statt. Die Tagung wurde vom Mitglied der Leibniz-Sozietät Toon Van Hal in Kooperation mit den Universitäten Tromsø und Oslo ausgerichtet und versammelte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Belgien, Deutschland, China, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Norwegen, Polen und Tschechien, die sich mit historischen, theoretischen und empirischen Perspektiven auf sprachliche Universalität befassten. Eine Nachkonferenzveranstaltung am 19. September ergänzte das Programm.
Das Rahmenthema „Universalität und Universalien in der Geschichte der Sprachwissenschaft“ bot einen breiten Horizont für die Diskussion darüber, wie Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler seit der Antike versucht haben, Gemeinsamkeiten zwischen Sprachen zu bestimmen, zu klassifizieren und theoretisch zu begründen. Die Wahl des Tagungsortes verlieh dem Thema besondere historische Tiefe: Rom steht sowohl für die Wirkmacht des lateinischen Grammatikmodells als universales Bezugssystem als auch für die universalistischen Projekte der Propaganda Fide und der Gesellschaft Jesu, die über Jahrhunderte hinweg die Beschreibung und Systematisierung der Sprachen der Welt beeinflussten.
In den Vorträgen wurde deutlich, dass Universalität in der Geschichte der Sprachwissenschaft kein statisches Konzept ist, sondern ein wandelbares Erkenntnisideal, das sich je nach Epoche, theoretischem Hintergrund und empirischem Material unterschiedlich ausformt. Die Beiträge reichten von Untersuchungen frühneuzeitlicher Klassifikationsversuche über die Analyse allgemeingrammatischer Traditionen bis hin zu empirischen Studien, die die Frage nach universellen Strukturen mit modernen Methoden neu beleuchten. Immer wieder zeigte sich, dass Universalität sowohl als heuristisches Prinzip wie auch als methodischer Rahmen fungierte – sei es in genealogischen Modellen, in philosophischen Sprachtheorien, in typologischen Ansätzen oder in der Grammatikographie verschiedener Sprachräume.
Besondere Aufmerksamkeit galt der Spannung zwischen universalistischen Annahmen und der empirischen Vielfalt der Sprachen. Mehrere Beiträge verdeutlichten, wie die Begegnung mit nicht‑europäischen Sprachstrukturen – etwa polysynthetischen oder tonalen Sprachen – traditionelle Kategorien herausforderte und zu einer Revision universalistischer Modelle führte. Andere Untersuchungen zeigten, wie Grammatiktraditionen und Lehrwerke als transnationale Modelle wirkten und damit selbst zu Trägern universalisierender Praktiken wurden. Auch die Frage nach der Rolle philosophischer Systeme, nach der Bedeutung typologischer Plausibilität und nach der historischen Entwicklung zentraler linguistischer Begriffe wurde intensiv diskutiert.
Das Kolloquium machte insgesamt sichtbar, wie eng die Geschichte der Sprachwissenschaft mit dem Bemühen verknüpft ist, Einheit und Vielfalt der menschlichen Sprache zugleich zu denken. Universalität erscheint dabei nicht als Gegenpol zur sprachlichen Diversität, sondern als deren theoretische Rahmung: als Versuch, die gemeinsamen Grundlagen sprachlicher Ausdrucksfähigkeit zu bestimmen, ohne die historischen, kulturellen und strukturellen Unterschiede zu nivellieren. Die lebhaften Diskussionen und die Vielfalt der Perspektiven zeigten, wie fruchtbar dieser Zugang für die historische Forschung bleibt.
Das SGdS‑Kolloquium in Rom setzte damit die Tradition fort, zentrale Themen der Sprachwissenschaftsgeschichte im internationalen Austausch zu beleuchten und weiterzuentwickeln. Die Leibniz‑Sozietät, deren Mitglieder regelmäßig an diesen Tagungen beteiligt sind, sieht in solchen Veranstaltungen einen wichtigen Beitrag zur Pflege und Weiterentwicklung historischer Sprachforschung.
Das Programm und die Abstracts der Vorträge sind hier zu finden: Tagungen – Studienkreis ‚Geschichte der Sprachwissenschaft‘ (SGdS) — Studienkreis ‚Geschichte der Sprachwissenschaft‘ (SGdS)
