Bericht vom Februar-Plenum

Prof. Dr. Raiko Krauß (MLS) während seines Vortrags auf dem Plenum der Leibniz-Sozietät am 12.2.2026 (Foto: Gerhard Pfaff)

Bericht zum Vortrag von Prof. Dr. Raiko Krauß „Der ambivalente Umgang mit historisch gewachsenen anthropologischen Sammlungen in Zeiten der post-kolonialen Debatte“ 

Die Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin veranstaltete ihre öffentliche Februar-Plenarveranstaltung am 12.02.2026 zum Thema „Der ambivalente Umgang mit historisch gewachsenen anthropologischen Sammlungen in Zeiten der post-kolonialen Debatte“.

Referent hierzu war Prof. Dr. Raiko Krauß (MLS), einer der prominentesten Vertreter des Gebietes Prähistorische Archäologie. Die Veranstaltung fand im Ratssaal des Historischen Rathauses Berlin-Friedrichshagen statt. Sie wurde zeitgleich per Zoom übertragen.

Gerda Haßler, die Präsidentin der Leibniz-Sozietät, begrüßte die Teilnehmenden und stellte den Referenten vor. Raiko Krauß studierte von 1994 bis 2000 Ur- und Frühgeschichte und Klassische Archäologie an der Humboldt Universität zu Berlin und an der Freien Universität Berlin. 2004 schloss er seine Promotion in Prähistorischer Archäologie mit dem Thema „Die prähistorische Besiedlung am Unterlauf der Jantra“ an der Freien Universität Berlin ab. Danach forschte er am Deutschen Archäologischen Institut in Berlin sowie am Institut für Prähistorische Archäologie der Freien Universität Berlin. Seit 2008 ist er am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Eberhard Karls Universität Tübingen tätig. 2015 erfolgte die Habilitation an dieser Universität mit der Arbeit „Dynamik der Neolithisierung in Südosteuropa. Der Beginn von Ackerbau, Viehzucht und sesshafter Lebensweise“ sowie die Zuerkennung der Venia Legendi für das Fach „Ur- und Frühgeschichte“. Seit 2018 ist er außerplanmäßiger Professor für Mittel- und Südosteuropäische Ur- und Frühgeschichte in Tübingen. Raiko Krauß ist Vorsitzender der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU), Vize-Präsident der Deutsch-Bulgarischen Gesellschaft, Korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts und seit 2023 Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

Der Umgang mit menschlichen Überresten ist, wie Raiko Krauß einleitend anmerkte, emotional aufgeladen. Wahrscheinlich war das schon immer so. Die Gründe dafür liegen in der Natur des Menschen, der zur Empathie fähig ist und über ein Bewusstsein für seinen Körper und Jenseitsvorstellungen verfügt. Man kann allerdings feststellen, dass Menschen weniger emotional reagieren, wenn es sich um sehr alte Skelettreste aus archäologischen Zusammenhängen handelt. Im Rahmen der postkolonialen Debatte sind menschliche Überreste der große Streitpunkt, gelten sie doch als Zeugnisse der Aneignung über fremde Körper, über den Tod der Personen hinaus. Die Aufteilung der Welt unter einigen wenigen europäischen Mächten im Zuge der Großen Geographischen Entdeckungen resultierte in einer Ausbeutung der in Besitz genommenen Länder und Unterwerfung der Bevölkerung, vielfach bis zu deren vollständiger Vernichtung. Die Inbesitznahme der Welt durch die Europäer war die Voraussetzung für die Entstehung von anthropologischen Sammlungen mit Skeletten vom gesamten Globus. Insofern rücken heutzutage auch die Gründe für das Zustandekommen von anthropologischen Sammlungen, welche in den allermeisten Fällen ein wissenschaftliches Interesse war, in den Vordergrund. Im Frühjahr 2025 konnte die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte zu einer internationalen Konferenz einladen, auf der der zukünftige Umgang mit menschlichen Überresten aus historisch gewachsenen Sammlungen thematisiert wurde („The Scientific Potential of Anthropological Collections“). Ausgangspunkt der Tagung war die historische Lehrsammlung menschlicher Schädel und Skelette des Berliner Arztes Rudolf Virchow (1821–1902).  Im Vortrag wurden die wichtigsten Ergebnisse dieser Veranstaltung vorgestellt. Gleichzeitig wurde ein fundierter Einblick in die Problematik anthropologischer Sammlungen gegeben.

Die Publikation der Beiträge der Konferenz soll im Laufe des Jahres 2026 als Sonderband der Mitteilungen der BGAEU erfolgen.

Das Interesse der Teilnehmenden an den Ausführungen von Raiko Krauß war sehr groß, was auch die nachfolgende intensive Diskussion bestätigte. Es ist vorgesehen, den Inhalt des Vortrags in einem Artikel in Leibniz Online zu publizieren.

Gerhard Pfaff