Bericht zum 5. Rohstoff-Kolloquium der Leibniz-Sozietät
„Rohstoffe und Energiebereitstellung: Innovative Ansätze und Strategien für eine gesicherte und zukunftsfähige Energieversorgung“

(Foto: Wolfgang Methling)
Am 18. März 2026 veranstaltete die Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin ihr 5. Rohstoffkolloquium. Thema in diesem Jahr war „Rohstoffe und Energiebereitstellung: Innovative Ansätze und Strategien für eine gesicherte und zukunftsfähige Energieversorgung“. Das Kolloquium stellte die Fortsetzung der in den Jahren 2022 bis 2025 durchgeführten Veranstaltungen „Kritische Rohstoffe, Gewinnung bis Entsorgung: Die Geowissenschaften als Problemlöser“ (Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät Band 154/2022), „Kritische Rohstoffe: Auswirkungen wachsender geo- und klimapolitischer Herausforderungen auf die Rohstoffversorgung Deutschlands und Europas“ (Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät Band 159/2023), „Kritische Rohstoffe – große Bedeutung und geringes öffentliches Bewusstsein – was ist zu tun?“ (Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät Band 163/2024) und „Das neue europäische Gesetz zu kritischen Rohstoffen – The Critical Raw Materials Act: Herausforderungen und Maßnahmen“ (Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät 166/2025) dar. Das Kolloquium wurde gemeinsam von den beiden Arbeitskreisen der Leibniz-Sozietät „GeoMUWA“ (Geo-, Montan-, Umwelt-, Astrowissenschaften) sowie „Energie, Mensch und Zivilisation“ durchgeführt.
Im CEDIO Konferenzzentrum Berlin (Storkower Bogen) begrüßte der Vizepräsident der Leibniz-Sozietät Wolfgang Methling die Anwesenden des Kolloquiums, die in Präsenz und per Zoomübertragung teilnahmen. In seiner Eröffnung verwies Wolfgang Methling auf den engen Zusammenhang der Themen „Rohstoffe“ und „Energie“, die im Kolloquium mit 10 Vorträgen behandelt werden sollten. Er stellte fest, dass Rohstoffe, darunter kritische Rohstoffe, essentiell für eine sichere, nachhaltige und zukunftsfähige Energieversorgung in Deutschland und der Welt sind und dass die Leibniz-Sozietät durch ihre Expertise und ihre interdisziplinäre Forschung einen Beitrag zu den notwendigen Veränderungsprozessen auf diesem Gebiet leisten kann.
Er eröffnete das Kolloquium, indem er sich bei allen Referentinnen und Referenten des Kolloquiums sowie bei den an der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung beteiligten Kollegen der Leibniz-Sozietät bedankte.
Nach der Eröffnung folgten im Verlauf des Kolloquiums die Fachvorträge, die von Reinhard O. Greiling (MLS) und Gerhard Pfaff (MLS) moderiert wurden. Die Beiträge umfassten folgende Themen:
Christoph Hilgers (Karlsruher Institut für Technologie, MLS): Rohstoff- und Energiebereitstellung – Strategien im geopolitischen Kontext
Christoph Hilgers führte aus, dass der Energie- und Rohstoffbedarf Deutschlands, der drittgrößten Wirtschaftsnation der Welt, auch in Zukunft nur durch Importe gedeckt werden kann, zu der ressourceneffiziente Kreislaufsysteme beitragen können. Soziale, technologische, ökonomische, ökologische, legale, (geo)politische, ethische und geologische Faktoren (kurz STEEL-PEG) stellen jedoch im internationalen Wettbewerb zunehmend größere Anforderungen an resiliente Lieferketten. Das bislang nicht gelöste deutsche Trilemma bezahlbarer, verlässlicher und umweltverträglicher Energieversorgung und die zunehmend ausgelagerte Rohstoff- und Materialversorgung stellen energie- und materialintensive (und gleichzeitig strategische) Branchen aufgrund hoher Kosten und Lieferengpässen vor Herausforderungen.
An ausgewählten Beispielen zeigte der Vortrag auf, wie Lieferketten durch Import- und Marktkonzentrationen, durch Geopolitik mit Handelskonflikten, politischen Instabilitäten und Kriegen, durch Handelspolitik mit Zöllen, Handelsbeschränkungen oder Handelsabkommen sowie durch Unfälle, Naturkatastrophen oder Streiks disruptiv beeinträchtigt werden. Christoph Hilgers stellte in seinen Ausführungen abschließend fest, dass Versorgungssicherheit durch Agilität, Anpassungsfähigkeit und Abstimmung der Stakeholder dann robust und nachhaltig gestaltet werden kann, wenn strategische Rohstoffe und strategische Branchen nicht nur hinsichtlich gesellschaftspolitischer Planziele, sondern auch bei disruptiven Ereignissen resilient bleiben.
Christina Labusch (REMONDIS): Thermische Verwertung als Baustein einer nachhaltigen Abfallwirtschaft
Christina Labusch stellte eingangs ihres Vortrags zunächst dar, dass die EU-Abfallrahmenrichtlinie und das Kreislaufwirtschaftsgesetz die Abfallhierarchie festlegen. Dementsprechend sind zunächst Abfälle zu vermeiden, Ressourcen wiederzuverwenden, bevor sie vor allem stofflich recycelt und (energetisch) verwertet werden. Im unteren Ende der Abfallhierarchie ist schließlich die Beseitigung angesiedelt. Seit 2005 besteht in Deutschland im Unterschied zu anderen europäischen Ländern ein Deponierungsverbot für heizwertreiche Abfälle. Um deren Deponierung zu verhindern, rückte in den vergangenen 20 Jahren zunehmend die energetische Verwertung von Abfällen in den Fokus einer nachhaltigen Abfallwirtschaft. REMONDIS betreibt weltweit unter Anderem 21 Thermische Abfallbehandlungsanlagen sowie 10 Ersatzbrennstoffproduktionsanlagen.
Der Vortrag gab einen Einblick in die energetische Verwertung von Abfällen bei REMONDIS und zeigte, wie wertvolle Ressourcen geschont werden, weil Reststoffe oft nicht mehr stofflich recycelt werden können. An ausgewählten Beispielen wurden die Erzeugung von Fernwärme und Strom für Kommunen und Haushalte sowie die Bedeutung für die Dekarbonisierung des Wärmenetzes bis 2045 beleuchtet.
In einem weiteren Teil des Vortrags ging Christina Labusch auf die Abtrennung von Metallen für das Recycling in Thermischen Abfallbehandlungsanlagen, den Einsatz von stabilisierten Schlacken als Recyclingbaustoffe und auf die Ausschleusung von Schadstoffen aus dem Kreislauf ein. Die starke Verringerung der Deponierung von Siedlungsabfällen in Deutschland ist das Ergebnis eines konsequenten Zusammenspiels von Recycling, Vorbehandlung und thermischer Verwertung.
Axel Wenke (Neptune Energy Berlin): Altmark Lithium Extraction: Project ALE
Das Projekt Altmark Lithium Extraction (Project ALE), so führte Axel Wenke aus, nutzt das Altmark-Gasfeld in Sachsen-Anhalt, Deutschland, für die Gewinnung von Lithium aus geothermischen Solen neu. Das Altmark-Feld ist das zweitgrößte Onshore-Gasfeld innerhalb der EU mit einer kumulierten Förderung von mehr als 213 Mrd. Sm3 seit 1969. Reservoir ist das permische Rotliegend, welches neben Gas auch Solen mit erhöhten Lithiumgehalten enthält. Nach Jahrzehnten der Erdgasförderung wird nun die Sole als untertägige Ressourcenbasis für eine heimische Lithiumversorgung neu entwickelt. Die mittlere Lithiumkonzentration in der Sole unterhalb des Gas-Wasser-Kontakts liegt im Mittel bei 440 mg/l, lokal bis 640 mg/l.
Ein erster Anlauf zur Erschließung der Lithiumressource in der Altmark erfolgte bereits in den 1980er-Jahren, wurde jedoch kurz vor Inbetriebnahme einer ersten Demonstrationsanlage aus wirtschaftlichen und politischen Gründen eingestellt. Die systematische Neuentwicklung des Feldes begann 2022. 2024 erhielt das Projekt das erste bergbaurechtliche Bewilligungsfeld zur Förderung von Lithium aus Solen in Deutschland, die Bewilligung Jeetze-L. Das Projekt verfolgt eine phasenweise Entwicklungsstrategie, die auf bestehenden Bohrungen, Infrastrukturen und Untergrundkenntnissen aufbaut und neue Erkundungs- und Erschließungsaktivitäten sowie den Einsatz von direkter Lithium Extraktion (Direct Lithium Extraction, DLE) kombiniert. Mehrere Pilotanlagen vor Ort haben bereits die Herstellung von batteriegeeignetem Lithiumcarbonat demonstriert. Eine Demonstrationsanlage im größeren Maßstab ist für 2028 geplant, die kommerzielle Produktion soll 2030 beginnen. Gegenwärtig ist im Endausbau eine Produktion von ca. 24.000 t LCE (Lithium Carbonate Equivalent) geplant, die Größe der Ressource lässt jedoch eine deutlich höhere Skalierung zu.
Neben den geologischen und extraktionstechnischen Herausforderungen wird es wichtig sein, den Aufbau einer Wertschöpfungskette in der Postextraktion unterstützend mit aufzubauen, um eine regional naheliegende Abnahme zu gewährleisten. Hier bietet der nord- bis mitteldeutsche Raum hervorragende Bedingungen, speziell an den Chemieparkstandorten Bitterfeld-Wolfen und Lausitz, bei Batterie- und Autoproduzenten in Brandenburg und Niedersachsen, sowie Chemikalienvertriebe im Hamburger Raum. Für die Region ist des Projekt ALE eine große Möglichkeit für eine zukünftige Wertschöpfung mit neuen Arbeitsplätzen im nachhaltigen Sektor.
Sebastian Hasenstab-Riedel (Freie Universität Berlin): Reaktiv-Ionische Flüssigkeiten für eine nachhaltige Nutzung von Ressourcen
Sebastian Hasenstab-Riedel stellte zu Beginn seiner Ausführungen fest, dass die immer wichtiger werdende nachhaltige Nutzung von Ressourcen innovative chemische Ansätze erfordert, die eine hohe Reaktivität, Sicherheit und Energieeffizienz miteinander verbinden. Reaktiv-Ionische Flüssigkeiten (Reactive Ionic Liquids, RILs) stellen eine neuartige und vielseitige Stoffklasse dar, die all diese Anforderungen erfüllen kann.
In seinem Vortrag präsentierte Sebastian Hasenstab-Riedel neue Ansätze, die auf der Verwendung von reaktiv-Ionischen Flüssigkeiten basieren. Diese Ansätze adressieren industrielle Verfahren, die für die Herstellung von Basischemikalien von Relevanz sind. Sie ermöglichen die Nutzung von Biomasse und leisten einen Beitrag zur indirekten Stromspeicherung. Somit kann diese Stoffklasse einen signifikanten Beitrag zur erforderlichen Transformation der chemischen Industrie sowie zur Sektorenkopplung Chemie/Energie leisten.
Ernst-Peter Jeremias, Norbert Mertzsch, Gerhard Pfaff (alle MLS): Klimaschutz in Deutschland scheitert nicht an Physik, Technik oder Rohstoffen, sondern an politischer Inkonsistenz
Zentrale Aussage des Vortrags der drei Autoren war, dass Klimaschutz in Deutschland nicht an Physik, Technik oder Rohstoffen scheitert, sondern vor allem an politischer Inkonsistenz. Der Klimawandel ist keine Frage politischer Meinungen, sondern eine naturwissenschaftlich gut belegte Tatsache, auch Folge steigender Treibhausgasemissionen. Internationale Klimaziele und nationale Klimaschutzgesetze sind daher notwendige Reaktionen auf physikalische Prozesse, zeitverzögerte Wirkungen und absehbare Risiken für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Klimaschutz ist damit untrennbar mit Energie-, Industrie- und Ressourcenpolitik verbunden.
Aus wissenschaftlicher Sicht gilt die Kombination aus dem Ausbau erneuerbarer Energien und der Elektrifizierung von Wärme, Mobilität und Industrie als effizientester derzeit verfügbarer Pfad zur Emissionsminderung. Wind- und Solarenergie zeichnen sich durch sinkende Kosten, hohe Skalierbarkeit und geringe Umweltwirkungen im Betrieb aus. Im Stromsektor wurden in Deutschland deutliche Fortschritte erzielt. Gleichzeitig bestehen strukturelle Defizite bei Netzen, Speichern und der Flexibilisierung des Energiesystems, die den Übergang in die Endverbrauchssektoren erheblich bremsen.
Im Verkehrssektor ist die Evidenz eindeutig: Batterieelektrische Antriebe sind dem Verbrennungsmotor hinsichtlich Energieeffizienz und Emissionsminderung deutlich überlegen. Ihr Hochlauf wird jedoch bislang noch durch politische Unsicherheiten, volatile Förderbedingungen und infrastrukturelle Ungleichgewichte gehemmt. Zudem reicht ein reiner Austausch von Antriebstechnologien nicht aus; erforderlich sind integrierte und intelligente Mobilitätskonzepte.
Der Vortrag zeigte auf, dass die Ressourcenfrage zunehmend in den Fokus rückt. Die Energiewende ist zugleich eine Rohstoffwende. Kritische Materialien sind unverzichtbar, jedoch grundlegend von fossilen Energieträgern zu unterscheiden: Sie werden nicht verbraucht, sondern in technischen Systemen gebunden und sind prinzipiell recycelbar. Die Ausführungen zeigten deutlich: Klimaschutz ist technologisch machbar und ökonomisch sinnvoll. Die größten Risiken liegen nicht im Mangel an Technologien oder Rohstoffen, sondern in fehlender Konsistenz, Verlässlichkeit und Geschwindigkeit politischer Entscheidungen.
Melike Yildirim Ayyildiz, Jasemin A. Ölmez, Christoph Hilgers (Karlsruher Institut für Technologie): Meeting the Critical Raw Materials Act mining targets: A probability analysis for strategic rare earth elements
Die Europäische Union strebt an, ihre Abhängigkeit von kritischen und strategischen Rohstoffen zu verringern, die für Technologien im Bereich der sauberen Energie und für Verteidigungsanwendungen unerlässlich sind. Der Vortrag zeigte, davon abgeleitet, auf, dass mit dem Gesetz über kritische Rohstoffe (CRMA) Richtwerte festgelegt wurden, bis 2030 mindestens 10% des jährlichen Bedarfs der EU an strategischen Rohstoffen durch den heimischen Bergbau zu decken. Die in den Ausführungen vorgestellte Studie bewertete die Machbarkeit der Erreichung dieses Richtwerts für strategische Seltenerdelemente, die für Technologien wie Elektrofahrzeuge und Windkraftanlagen benötigt werden. Für die Lagerstätte Norra Kärr in Schweden wurde eine probabilistische Bewertung unter Verwendung einer Monte-Carlo-Simulation durchgeführt, um die Wahrscheinlichkeit der Erreichung des 10-Prozent-Benchmarks zu analysieren. Angesichts der Unsicherheiten bei der Erreichung der geplanten Fördermenge und des geplanten Gehalts folgte die Analyse den PERC-Berichtsstandards und wendete eine Unsicherheit von ±50% an, was dem Stand der Vorstudie des Projekts entspricht. Da das Ergebnis von zukünftigen Nachfrageprognosen abhängt, wurden Literaturdaten zu strategischen Seltenen Erden für Szenarien mit niedriger und hoher Nachfrage sowie von der EU veröffentlichte Daten zur zukünftigen Nachfrage nach Seltenen Erden als Eingabeparameter für die Simulation verwendet. Die vorgestellten Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Erfüllung des CRMA-Benchmarks bei dem ursprünglich geplanten Produktionsstart in ausgewählten Szenarien sowohl mit geringer als auch mit hoher Nachfrage machbar wäre, während dies laut EU-Daten wahrscheinlich nicht machbar ist. Allerdings ist die Projektentwicklung verzögert und damit eine Erreichung des Benchmarks unwahrscheinlich. Darüber hinaus untersuchte die Studie Diversifizierungsstrategien, die von Industrienationen – darunter die Vereinigten Staaten, Japan, Südkorea, Australien und die EU – verfolgt werden, und analysierte die Zeiträume, die für den Aufbau von Lieferketten vom Bergbau bis zur Produktion schwerer Seltener Erden erforderlich sind, veranschaulicht anhand einer Fallstudie zur Partnerschaft zwischen Japan und Australien.
Carlo Burkhardt (Hochschule Pforzheim): Recycling von Seltene-Erden-Magneten
Carlo Burkhardt führte in seinem Vortrag aus, dass die Einrichtung einer Kreislaufwirtschaft für Seltene Erden (SE) in Europa aus ökologischen, sozialen und governance-bezogenen Gründen (ESG) sowie zur Minderung des Risikos von Lieferkettenunterbrechungen von entscheidender Bedeutung ist. Die Gewinnung und Verarbeitung von Seltenen Erden ist mit starken Umweltbelastungen verbunden, darunter mit erheblichen CO2-Emissionen und der Zerstörung von Lebensräumen. Durch das Recycling und die Wiederverwendung dieser kritischen Materialien kann Europa Umweltschäden reduzieren, einen Beitrag zu den Klimazielen leisten und Initiativen zur sozialen Verantwortung unterstützen. Die Sicherheit der Lieferkette ist ein dringendes Anliegen, da Europa nach wie vor in hohem Maße von Importen aus Regionen mit geopolitischen Spannungen abhängig ist, insbesondere von China, das den größten Teil der Seltenerdproduktion kontrolliert. Diese Abhängigkeit setzt Schlüsselindustrien wie die Automobilindustrie, die Elektronikindustrie und die Branche der erneuerbaren Energien erheblichen Risiken aus. Das Gesetz über kritische Rohstoffe (CRMA) betont die strategische Bedeutung der Sicherung von Rohstoffen durch nachhaltige und kreislaufwirtschaftliche Lösungen. Eine Kreislaufwirtschaft entspricht den Zielen des CRMA, indem sie die Importabhängigkeit verringert, technologische Innovationen fördert und die industrielle Wettbewerbsfähigkeit und ökologische Nachhaltigkeit Europas sicherstellt.
Die Einrichtung einer Kreislaufwirtschaft für Seltenerd-Permanentmagnete in Europa steht jedoch vor mehreren Herausforderungen: Ein großes Hindernis ist die Komplexität der Recyclingprozesse, da Seltenerdmagnete oft tief in elektronischen Geräten eingebettet sind, was die Trennung schwierig und kostspielig macht. Darüber hinaus behindert die begrenzte Verfügbarkeit von Sammel- und Recyclinginfrastrukturen eine effiziente Materialrückgewinnung. Technologische Einschränkungen und uneinheitliche Abfallklassifizierungsstandards in den europäischen Ländern erschweren die Bemühungen zusätzlich.
Um diese Herausforderungen zu bewältigen, sind koordinierte Lösungen und Investitionen in fortschrittliche Recyclingtechnologien sowie die Schaffung eines harmonisierten Rechtsrahmens zur Standardisierung der Sammlung und Verarbeitung von Abfall erforderlich. Der Vortrag stellte die neuesten Entwicklungen bei den Recyclingtechnologien entlang der gesamten Wertschöpfungskette vor und untersuchte, wie eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Industrie, Wissenschaft und Regierungen dazu beitragen kann, Innovationen voranzutreiben und bewährte Verfahren auszutauschen.
Axel Müller (MLS): Siliziumproduktion für Photovoltaik in Deutschland
Das natürliche Mineral Quarz (SiO2) ist der Hauptrohstoff für die Herstellung von Wafern für die Solarzellenproduktion über die Zwischenprodukte Rohsilizium, Polysilizium und monokristallines Solarsilizium. In Deutschland war die Siliziumhütte der RW Silicium GmbH in Pocking (Niederbayern) in Betrieb, der einzige Rohsiliziumproduzent in Deutschland mit einem Weltmarktanteil im Jahr 2023 von 1,4%. Das Werk schloss am 31. Dezember 2025, und alle 110 Beschäftigten wurden gekündigt. Als Gründe für die Schließung werden hohe Strompreise, eine rückläufige Nachfrage im Zuge der deutschen Industriekrise sowie starker Preisdruck durch preisgünstiges Silizium, insbesondere aus China, genannt. Damit ist die Basis der Wertschöpfungskette für die Siliziumwaferproduktion in Deutschland entfallen, und 100% des Rohsiliziums für die Solarzellenherstellung in Deutschland müssen importiert werden. Das steht im Kontrast dazu, dass Deutschland beim Ausbau der Photovoltaik in Europa führend ist: Anfang 2025 waren über 100 Gigawatt (GW) installiert, die mit bis zu 18% zur gesamten inländischen Stromproduktion beitragen. Axel Müller beleuchtete in seinem Vortrag die Situation bei den Siliziumrohstoffimporten und die damit verbundenen Importabhängigkeiten sowie die daraus resultierenden Konsequenzen für die Wertschöpfungskette der Solarzellen- und Solarenergieproduktion in Deutschland.
Axel Müller (MLS): Uranwissenschaft im Wandel – Exploration, Gewinnung und Perspektiven
Die EU ist in hohem Maße auf Uran für die Kernenergieproduktion angewiesen, die etwa 25% des Stroms innerhalb der Wirtschaftsunion liefert. Derzeit betreiben 12 der 27 EU‑Mitgliedstaaten, Belgien, Bulgarien, Tschechien, Finnland, Frankreich, Ungarn, die Niederlande, Rumänien, die Slowakei, Slowenien, Spanien und Schweden, Kernkraftwerke. Einige dieser Länder produzieren nicht nur nuklearen Strom, sondern exportieren ihn auch in ihre Nachbarländer. Uran sieht sich jedoch wachsenden Risiken in der Lieferkette gegenüber: Die EU ist stark abhängig von Importen von Roh-Uran aus Kasachstan, Russland und Australien sowie von Russland für die Urananreicherung und die Herstellung von Brennstäben. Diese Abhängigkeiten und die generell sich verschärfende geopolitische Situation haben seit 2020 zu einem starken Anstieg des Uranpreises beigetragen. Deutschland hat seine Kernkraftwerke im Jahr 2023 stillgelegt. Obwohl Deutschland eine Schwerpunktversorgung mit erneuerbarer Energie anstrebt, ist es insbesondere bei geringer Wind‑ und Solarenergieproduktion oder hoher Nachfrage unter anderem auf ausländische Kernenergie angewiesen. Importe aus Frankreich, Belgien, der Tschechischen Republik, der Schweiz und Schweden machen bis zu 2% des gesamten Strombedarfs aus. Damit sind selbst Länder wie Deutschland, die keine Kernkraftwerke mehr betreiben, vom Import nuklearer Energie abhängig und von den damit verbundenen Uranbereitstellungs- und Lieferrisiken betroffen. Im Vortrag gab Axel Müller ein Überblick über die Aktivitäten und Akteure in der Uranerkundung-, gewinnung und -anreicherung. Außerdem werden die Risiken entlang der Lieferkette analysiert und die aktuellen sowie zukünftigen Auswirkungen auf die Nuklearenergieproduktion in Europa und weltweit erörtert.
Sebastian Tappe (TU Bergakademie Freiberg): Muss sich klassische Lagerstättenlehre an aktuelle Rohstofftrends anpassen?
Sebastian Tappe verwies zu Beginn seines Vortrags auf die tiefgreifenden Zäsuren, die aktuell die internationale Staatengemeinschaft erschüttern. Unsichere Zeiten und militärische Konflikte haben allerdings seit jeher Rohstofftrends geprägt. Hinzu kommt im 21. Jahrhundert die Erkenntnis, dass die Menschheit es lernen muss, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen und der Erderwärmung entgegenzuwirken. Letzteres benötigt gesicherte und zukunftsfähige Rohstoffketten, um eine Grüne Energiewende zu erreichen (Klimaneutralität bis 2045).
Hochschullehrern kommt in solch oft düster anmutenden Zeiten eine besondere Verantwortung zu. Es gilt neue Generationen von Forschern, Denkern und Entrepreneuren auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten – wenn das überhaupt möglich ist. Dabei ist klassische Lehre unabkömmlich, muss aber mehr denn je Raum schaffen für neue Ideen und Konzepte. Das relativ starre Korsett einer deutschen Universität macht es den Hochschullehrern nicht immer einfach, schnell auf Änderungen in der Gesellschaft zu reagieren. Mit seinem Vortrag zeigte Sebastian Tappe, wie sich klassische Lagerstättenlehre und aktuelle Rohstofftrends flexibel in einem Format zusammenführen lassen, das die heutige Jugend hoffentlich für die Herausforderungen der Zukunft begeistern kann.
Den 10 Vorträgen schlossen sich jeweils interessante und intensiv geführte Diskussionen an.
Es ist vorgesehen, die Vorträge im Laufe des Jahres 2026 in einem Band der „Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften“ zu publizieren. (https://leibnizsozietaet.de/publikationen/sitzungsberichte/). Die Bände 154, 159, 163 und 166 zu den Vorgängerveranstaltungen in den Jahren 2022 bis 2025 sind ebenfalls unter dieser Adresse zu erhalten.
Gerhard Pfaff, Christoph Hilgers, Reinhard O. Greiling, Axel Müller