Vortrag und Debatte zum Vortrag mit Dieter Segert (MLS) und Gerhard Pfaff (MLS)
Prof. Dr. Hans-Peter Krüger (Universität Potsdam) Intellektuelle Aufgaben in der fragmentierten Öffentlichkeit
In geschichtlichen Herausforderungen gerät das demokratische Gemeinwesen in eine Relation der Unbestimmtheit zu seiner Zukunft. Damit wächst das Bedürfnis der StaatsbürgerInnen, in der Öffentlichkeit Orientierung erlangen zu können, sowohl durch spezielle Expertisen als auch durch soziokulturell integrative Vorschläge. Die intellektuelle Tätigkeit bezieht sich auf die integrative Aufgabe im Umgang mit der Unbestimmtheit im Ganzen, die spezielle Expertise auf die wahrscheinlichen Szenarien im Umgang mit bestimmbaren Aspekten und Bedingungen der jeweiligen Herausforderung, z. B. einer Pandemie, indirekten oder direkten Kriegsbeteiligung.
Das alte Modell von der nationalstaatlichen Öffentlichkeit in Gestalt der öffentlich-rechtlichen Medien und weniger privater Leitmedien des Qualitätsjournalismus ist in Auflösung. Es beinhaltete auch „Gegen-Öffentlichkeiten“ (A. Kluge u.a.), deren gesellschaftliche Bedeutung aber in den neoliberalen Deregulierungen und in den „Spaltungen der Linken“ (R. Rorty) untergegangen ist. Die im Generationenwechsel eingetretene „Fragmentierung“ der Öffentlichkeit (Habermas) korrespondiert mit den Spaltungen in den westlichen Bevölkerungen und wird durch die oligopolistische Digitalisierung potenziert. Die Skandallogik des Entweder-Oder, es gebe nichts Drittes, ist profitabel, für Kulturkämpfe verwertbar und zugleich im Neuen Kalten Krieg nutzbar.
Umso wichtiger ist es, spezielle Expertisen und intellektuelle Vorschläge in die verbliebenen und neu entstehenden Fragmente für eine künftige Neuvernetzung von Öffentlichkeit einzubringen, um Manipulation, Propaganda und Verschwörungserzählungen wenigstens im Kleinen entgegenzuwirken. Wer dies nach bestem Wissen und Gewissen tut, wird inzwischen mit Anfeindungen und Benachteiligungen rechnen müssen, aber eine moderne Demokratie ist ohne wissenschaftliche Beratung und legitime Integration ihrer öffentlichen Untersuchungsprozesse nicht lebensfähig (J. Dewey). Sie kippt ohne diese in eine Autokratie oder gar in eine Diktatur um.
Vita:
Krüger, Hans-Peter, Philosophie-Studium (mit Ergänzungsfach Psychologie) an der Humboldt-Universität zu Berlin 1972-1976, Promotion dort über den jungen Hegel 1980. 1981-1990 Mitarbeiter am Institut für Theorie, Geschichte und Organisation der Wissenschaft der DDR-Akademie der Wissenschaften, dort 1987 Habilitation zur „Kritik der kommunikativen Vernunft“. 1991-1995 Mitarbeiter der Max Planck-Fördergesellschaft im Bereich Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie mit Forschungssemestern in Pittsburgh, Berkeley, Chicago, New York. 1996-2020 ordentlicher Professor für Praktische Philosophie am Institut für Philosophie der Universität Potsdam, Leiter der Max Planck Forschungsgruppe „Wissenschaftskulturen im Kommunikationsprozess“ (1996-2000), Potsdamer Sprecher des DFG Graduiertenkollegs „Lebensformen und Lebenswissen“ (2009-2011), Gastprofessuren in Kraków (2002), Minsk (2003), Wien (2003) und Uppsala (2005/6). Schwerpunkte: Sozialphilosophien der öffentlichen Kommunikation, Philosophische Anthropologien, klassische und Neo-Pragmatismen, Philosophien der Geschichte. Monographien: Homo absconditus. Helmuth Plessners Philosophische Anthropologie im Vergleich, De Gruyter 2019. Heroismus und Arbeit in der Entstehung der Hegelschen Philosophie, De Gruyter 2014. Gehirn, Verhalten und Zeit. Philosophische Anthropologie als Forschungsrahmen, Akademie 2010. Philosophische Anthropologie als Lebenspolitik. Deutsch-jüdische und pragmatistische Moderne-Kritik, Akademie 2009. Zwischen Lachen und Weinen. 2 Bde., Akademie 1999/2001. Kritik der kommunikativen Vernunft, Akademie Verlag 1990.
Plenum der Leibniz-Sozietät
Rathaus Friedrichshagen, Historischer Ratssaal, Bölschestr. 87, 12587 Berlin.
Die Sitzung findet als Hybrid-Veranstaltung (Präsenz und Zoom) statt.
Der Zoom-Link ist folgender:
https://us06web.zoom.us/j/89087093680?pwd=9i2hbboNsjz06JnUpy61z5bXQJ5M8R.1
Meeting-ID: 890 8709 3680 – Kenncode 260582
Vortrag und Debatte zum Vortrag mit Dieter Segert (MLS) und Gerhard Pfaff (MLS)
Prof. Dr. Hans-Peter Krüger (Universität Potsdam)
Intellektuelle Aufgaben in der fragmentierten Öffentlichkeit
In geschichtlichen Herausforderungen gerät das demokratische Gemeinwesen in eine Relation der Unbestimmtheit zu seiner Zukunft. Damit wächst das Bedürfnis der StaatsbürgerInnen, in der Öffentlichkeit Orientierung erlangen zu können, sowohl durch spezielle Expertisen als auch durch soziokulturell integrative Vorschläge. Die intellektuelle Tätigkeit bezieht sich auf die integrative Aufgabe im Umgang mit der Unbestimmtheit im Ganzen, die spezielle Expertise auf die wahrscheinlichen Szenarien im Umgang mit bestimmbaren Aspekten und Bedingungen der jeweiligen Herausforderung, z. B. einer Pandemie, indirekten oder direkten Kriegsbeteiligung.
Das alte Modell von der nationalstaatlichen Öffentlichkeit in Gestalt der öffentlich-rechtlichen Medien und weniger privater Leitmedien des Qualitätsjournalismus ist in Auflösung. Es beinhaltete auch „Gegen-Öffentlichkeiten“ (A. Kluge u.a.), deren gesellschaftliche Bedeutung aber in den neoliberalen Deregulierungen und in den „Spaltungen der Linken“ (R. Rorty) untergegangen ist. Die im Generationenwechsel eingetretene „Fragmentierung“ der Öffentlichkeit (Habermas) korrespondiert mit den Spaltungen in den westlichen Bevölkerungen und wird durch die oligopolistische Digitalisierung potenziert. Die Skandallogik des Entweder-Oder, es gebe nichts Drittes, ist profitabel, für Kulturkämpfe verwertbar und zugleich im Neuen Kalten Krieg nutzbar.
Umso wichtiger ist es, spezielle Expertisen und intellektuelle Vorschläge in die verbliebenen und neu entstehenden Fragmente für eine künftige Neuvernetzung von Öffentlichkeit einzubringen, um Manipulation, Propaganda und Verschwörungserzählungen wenigstens im Kleinen entgegenzuwirken. Wer dies nach bestem Wissen und Gewissen tut, wird inzwischen mit Anfeindungen und Benachteiligungen rechnen müssen, aber eine moderne Demokratie ist ohne wissenschaftliche Beratung und legitime Integration ihrer öffentlichen Untersuchungsprozesse nicht lebensfähig (J. Dewey). Sie kippt ohne diese in eine Autokratie oder gar in eine Diktatur um.
Vita:
Krüger, Hans-Peter, Philosophie-Studium (mit Ergänzungsfach Psychologie) an der Humboldt-Universität zu Berlin 1972-1976, Promotion dort über den jungen Hegel 1980. 1981-1990 Mitarbeiter am Institut für Theorie, Geschichte und Organisation der Wissenschaft der DDR-Akademie der Wissenschaften, dort 1987 Habilitation zur „Kritik der kommunikativen Vernunft“. 1991-1995 Mitarbeiter der Max Planck-Fördergesellschaft im Bereich Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie mit Forschungssemestern in Pittsburgh, Berkeley, Chicago, New York. 1996-2020 ordentlicher Professor für Praktische Philosophie am Institut für Philosophie der Universität Potsdam, Leiter der Max Planck Forschungsgruppe „Wissenschaftskulturen im Kommunikationsprozess“ (1996-2000), Potsdamer Sprecher des DFG Graduiertenkollegs „Lebensformen und Lebenswissen“ (2009-2011), Gastprofessuren in Kraków (2002), Minsk (2003), Wien (2003) und Uppsala (2005/6). Schwerpunkte: Sozialphilosophien der öffentlichen Kommunikation, Philosophische Anthropologien, klassische und Neo-Pragmatismen, Philosophien der Geschichte. Monographien: Homo absconditus. Helmuth Plessners Philosophische Anthropologie im Vergleich, De Gruyter 2019. Heroismus und Arbeit in der Entstehung der Hegelschen Philosophie, De Gruyter 2014. Gehirn, Verhalten und Zeit. Philosophische Anthropologie als Forschungsrahmen, Akademie 2010. Philosophische Anthropologie als Lebenspolitik. Deutsch-jüdische und pragmatistische Moderne-Kritik, Akademie 2009. Zwischen Lachen und Weinen. 2 Bde., Akademie 1999/2001. Kritik der kommunikativen Vernunft, Akademie Verlag 1990.
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