Mobilitätspolitik im Koalitionsvergleich 2021–2029: Ziele auf der Überholspur oder nur Standstreifen?
Abstract:
Kernaussage: Weltweit ist Elektromobilität 2026 ein industrieller Mainstream. In Deutschland reicht der technische Hochlauf jedoch noch nicht aus, weil nachhaltige Mobilität mehr verlangt als elektrische Antriebe: weniger privater Pkw-Besitz, mehr ÖPNV, mehr geteilte Nutzung, mehr erneuerbarer Strom und eine konsequente Kreislaufwirtschaft.
Global wächst die Elektromobilität weiter dynamisch. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur wurden 2024 weltweit mehr als 17 Millionen Elektroautos verkauft; für 2025 wurde bereits ein Anteil von mehr als einem Viertel aller Neuwagen erwartet. China bestimmt dabei Kosten, Skalierung und Batterietechnik, Europa folgt unter deutlich höherem Wettbewerbsdruck.
Auch in Europa und Deutschland zeigt sich ein klarer Fortschritt. In der EU lag der BEV-Anteil (Battery Electric Vehicle) 2025 bei 17,4 Prozent, im Januar 2026 bereits bei 19,3 Prozent. In Deutschland waren zum 1. Januar 2026 gut 2,03 Millionen batterieelektrische Pkw zugelassen; zugleich standen Anfang Februar 2026 rund 196.000 öffentliche Ladepunkte zur Verfügung. Damit verbessert sich die technische Basis der Elektromobilität sichtbar.
Trotzdem bleibt der Verkehrssektor klimapolitisch das Sorgenkind. Die aktuellen Projektionsdaten des Umweltbundesamtes zeigen für den Verkehr bis 2030 weiterhin eine deutliche Zielverfehlung. Der Grund liegt nicht nur im Antrieb, sondern in der Struktur: Der motorisierte Individualverkehr dominiert den Alltag weiterhin, besonders im ländlichen Raum. Ein privates Elektroauto ist ökologisch zwar besser als ein Verbrenner, löst aber weder das Problem geringer Auslastung noch den hohen Flächen- und Ressourcenverbrauch des Systems. Das Thema löst aber auch einen Spannungskonflikt zwischen deutscher Industriepolitik, insbesondere in der Automobilindustrie und der Klimapolitik aus.
Die aktuelle Energiekrise infolge des Iran-Krieges verdeutlicht diese Verwundbarkeit zusätzlich. Die Benzinpreise stiegen im März 2026 binnen weniger Tage wieder auf deutlich über 2 Euro je Liter. Das spricht nicht gegen die Verkehrswende, sondern für ihre Beschleunigung. Nachhaltig wird Mobilität jedoch erst dann, wenn Elektrifizierung mit Modal Shift, Carsharing, erneuerbaren Energien, stationärer Zweitnutzung von Fahrzeugbatterien und hochwertigem Recycling kritischer Rohstoffe verbunden wird.
Gerade im ländlichen Raum zeigt das Pilotprojekt FleckoMobil, worauf es praktisch ankommt: Das Fahrzeugkonzept ist technisch überzeugend und energieeffizient, die wirtschaftliche Tragfähigkeit hängt aber an Auslastung, einfacher Nutzung, lokaler Unterstützung und tragfähigen Organisationsstrukturen.
Die Zukunft der Mobilität bis 2035 entscheidet sich deshalb nicht allein an der Batterie, sondern an der Frage, ob Deutschland den Schritt vom privaten Besitzauto zu einem integrierten, geteilten und erneuerbar betriebenen Mobilitätssystem schafft.
Quellenhinweis (Auswahl): IEA Global EV Outlook 2025; ACEA Pkw-Neuzulassungen 2025/Januar 2026; KBA Fahrzeugbestand 1.1.2026; Bundesnetzagentur Ladeinfrastruktur 1.2.2026; Umweltbundesamt Projektionsdaten 2026; ADAC Spritpreisentwicklung März 2026; FleckoMobil-Berichte 2025/2026.
Vita:
Ernst-Peter Jeremias absolvierte nach einer Berufsausbildung mit Abitur bei Bergmann-Borsig/Görlitzer Maschinenbau ein Studium der Kraftwerksanlagen und Energieumwandlung an der Ingenieurhochschule Zittau. Er schloss das Studium zunächst als Hochschulingenieur ab und erwarb 1976 den Abschluss als Diplom-Ingenieur auf dem Gebiet der Kraftwerkstechnik. Von 1976 bis 1980 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Reaktorwärmetechnik am Kernkraftwerk Rheinsberg tätig, anschließend bis 1991 als Gruppenleiter auf diesem Fachgebiet. 1988 promovierte er zum Dr.-Ing. an der Akademie der Wissenschaften der DDR am Kernforschungszentrum Rossendorf auf dem Gebiet Thermodynamik von Druckwasserreaktoren. Von 1991 bis 1994 war er geschäftsführender Gesellschafter der entec Planungsgesellschaft GbR. Von 1994 bis 2018 wirkte er als geschäftsführender Gesellschafter der tetra ingenieure GmbH, einer Planungs- und Beratungsgesellschaft für Energie- und Umwelttechnik sowie Gebäude- und Versorgungstechnik; bis Juni 2023 war er Gesellschafter dieses Unternehmens. Heute ist er als selbstständiger Berater tätig, mit den fachlichen Schwerpunkten Sektorenkopplung, Elektromobilität und integrierte Energiesysteme. Seit 2020 ist er zudem freiberuflicher Dozent bei der Handwerkskammer Potsdam im Themenfeld Elektromobilität und Ladeinfrastruktur. Ernst-Peter Jeremias ist seit 2019 Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. Er ist stellvertretender Sekretar der Klasse für Naturwissenschaften und Technikwissenschaften und mit Dr. Norbert Mertzsch gemeinsam Leiter des Arbeitskreise Energie, Mensch und Zivilisation in der Leibniz Sozietät.
Donnerstag, den 9. April 2026
10:00–12:00 Uhr, Sitzung der Klasse für Naturwissenschaften und Technikwissenschaften
Rathaus Friedrichshagen, Historischer Ratssaal, Bölschestr. 87, 12587 Berlin
Die Sitzung findet als Hybrid-Veranstaltung (Präsenz und Zoom) statt.
Die Zoom-Einwahl erfolgt mit folgendem Link:
https://tu-darmstadt.zoom-x.de/j/67080724974?pwd=jYv65eVoFXV9K1YpM750E1rKbyMqdc.1
Vortrag:
Ernst-Peter Jeremias (MLS)
Mobilitätspolitik im Koalitionsvergleich 2021–2029: Ziele auf der Überholspur oder nur Standstreifen?
Abstract:
Kernaussage: Weltweit ist Elektromobilität 2026 ein industrieller Mainstream. In Deutschland reicht der technische Hochlauf jedoch noch nicht aus, weil nachhaltige Mobilität mehr verlangt als elektrische Antriebe: weniger privater Pkw-Besitz, mehr ÖPNV, mehr geteilte Nutzung, mehr erneuerbarer Strom und eine konsequente Kreislaufwirtschaft.
Global wächst die Elektromobilität weiter dynamisch. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur wurden 2024 weltweit mehr als 17 Millionen Elektroautos verkauft; für 2025 wurde bereits ein Anteil von mehr als einem Viertel aller Neuwagen erwartet. China bestimmt dabei Kosten, Skalierung und Batterietechnik, Europa folgt unter deutlich höherem Wettbewerbsdruck.
Auch in Europa und Deutschland zeigt sich ein klarer Fortschritt. In der EU lag der BEV-Anteil (Battery Electric Vehicle) 2025 bei 17,4 Prozent, im Januar 2026 bereits bei 19,3 Prozent. In Deutschland waren zum 1. Januar 2026 gut 2,03 Millionen batterieelektrische Pkw zugelassen; zugleich standen Anfang Februar 2026 rund 196.000 öffentliche Ladepunkte zur Verfügung. Damit verbessert sich die technische Basis der Elektromobilität sichtbar.
Trotzdem bleibt der Verkehrssektor klimapolitisch das Sorgenkind. Die aktuellen Projektionsdaten des Umweltbundesamtes zeigen für den Verkehr bis 2030 weiterhin eine deutliche Zielverfehlung. Der Grund liegt nicht nur im Antrieb, sondern in der Struktur: Der motorisierte Individualverkehr dominiert den Alltag weiterhin, besonders im ländlichen Raum. Ein privates Elektroauto ist ökologisch zwar besser als ein Verbrenner, löst aber weder das Problem geringer Auslastung noch den hohen Flächen- und Ressourcenverbrauch des Systems. Das Thema löst aber auch einen Spannungskonflikt zwischen deutscher Industriepolitik, insbesondere in der Automobilindustrie und der Klimapolitik aus.
Die aktuelle Energiekrise infolge des Iran-Krieges verdeutlicht diese Verwundbarkeit zusätzlich. Die Benzinpreise stiegen im März 2026 binnen weniger Tage wieder auf deutlich über 2 Euro je Liter. Das spricht nicht gegen die Verkehrswende, sondern für ihre Beschleunigung. Nachhaltig wird Mobilität jedoch erst dann, wenn Elektrifizierung mit Modal Shift, Carsharing, erneuerbaren Energien, stationärer Zweitnutzung von Fahrzeugbatterien und hochwertigem Recycling kritischer Rohstoffe verbunden wird.
Gerade im ländlichen Raum zeigt das Pilotprojekt FleckoMobil, worauf es praktisch ankommt: Das Fahrzeugkonzept ist technisch überzeugend und energieeffizient, die wirtschaftliche Tragfähigkeit hängt aber an Auslastung, einfacher Nutzung, lokaler Unterstützung und tragfähigen Organisationsstrukturen.
Die Zukunft der Mobilität bis 2035 entscheidet sich deshalb nicht allein an der Batterie, sondern an der Frage, ob Deutschland den Schritt vom privaten Besitzauto zu einem integrierten, geteilten und erneuerbar betriebenen Mobilitätssystem schafft.
Quellenhinweis (Auswahl): IEA Global EV Outlook 2025; ACEA Pkw-Neuzulassungen 2025/Januar 2026; KBA Fahrzeugbestand 1.1.2026; Bundesnetzagentur Ladeinfrastruktur 1.2.2026; Umweltbundesamt Projektionsdaten 2026; ADAC Spritpreisentwicklung März 2026; FleckoMobil-Berichte 2025/2026.
Vita:
Ernst-Peter Jeremias absolvierte nach einer Berufsausbildung mit Abitur bei Bergmann-Borsig/Görlitzer Maschinenbau ein Studium der Kraftwerksanlagen und Energieumwandlung an der Ingenieurhochschule Zittau. Er schloss das Studium zunächst als Hochschulingenieur ab und erwarb 1976 den Abschluss als Diplom-Ingenieur auf dem Gebiet der Kraftwerkstechnik. Von 1976 bis 1980 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Reaktorwärmetechnik am Kernkraftwerk Rheinsberg tätig, anschließend bis 1991 als Gruppenleiter auf diesem Fachgebiet. 1988 promovierte er zum Dr.-Ing. an der Akademie der Wissenschaften der DDR am Kernforschungszentrum Rossendorf auf dem Gebiet Thermodynamik von Druckwasserreaktoren. Von 1991 bis 1994 war er geschäftsführender Gesellschafter der entec Planungsgesellschaft GbR. Von 1994 bis 2018 wirkte er als geschäftsführender Gesellschafter der tetra ingenieure GmbH, einer Planungs- und Beratungsgesellschaft für Energie- und Umwelttechnik sowie Gebäude- und Versorgungstechnik; bis Juni 2023 war er Gesellschafter dieses Unternehmens. Heute ist er als selbstständiger Berater tätig, mit den fachlichen Schwerpunkten Sektorenkopplung, Elektromobilität und integrierte Energiesysteme. Seit 2020 ist er zudem freiberuflicher Dozent bei der Handwerkskammer Potsdam im Themenfeld Elektromobilität und Ladeinfrastruktur. Ernst-Peter Jeremias ist seit 2019 Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. Er ist stellvertretender Sekretar der Klasse für Naturwissenschaften und Technikwissenschaften und mit Dr. Norbert Mertzsch gemeinsam Leiter des Arbeitskreise Energie, Mensch und Zivilisation in der Leibniz Sozietät.
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