Die Arktis in der globalisierten Welt; Tagung am 05.10.2017; Bericht

 

Gemeinsame Tagung der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V.,  des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung und des Deutschen Arktisbüro 

Die Arktis in der globalisierten Welt

Die gut besuchte Tagung mit knapp 100 Teilnehmern fand am 5.10.2017 im Hörsaal Haus H des Wissenschaftsparks Albert Einstein auf dem Potsdamer Telegrafenberg statt. In der Begrüßung und Einführung stellten Prof. Dr. Bernhard Diekmann, Leiter des Standortes Potsdam des AWI, das Alfred-Wegener-Institut und seine Forschungsaufgaben und –struktur, Dr. Dietrich Spänkuch (MLS) im Namen des Präsidenten der LS, Prof. Dr. Gerhard Banse, und dessen Sekretars der Klasse Natur- und Technikwissenschaften, Prof. Dr. Lutz-Günther Fleischer, die Leibniz-Sozietät und ihre interdisziplinäre Kompetenz und Dr. Volker Rachold (AWI) das Deutsche Arktisbüro und dessen Aufgaben vor. Anschließend führte Prof. Dr. Klaus Dethloff (MLS, AWI) in die Thematik der Veranstaltung ein, die die Arktis als die Region mit den rapidesten klimatischen Änderungen und die daraus folgenden Veränderungen in Umwelt und Gesellschaft behandelte.

Kartoon: Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Richard Mährlein entnommen den DGS (Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie e.V.) News vom 07.07.2017

Die Tagung konzentrierte sich auf drei Themenkomplexe, und zwar Klima- und Umweltaspekte mit vier Vorträgen (Moderation K. Dethloff), geopolitische Aspekte (Moderation D. Spänkuch) und sozio-ökonomische Aspekte (Moderation V. Rachold) mit jeweils drei Vorträgen. Bewusst wurde auf die klassischen Probleme des Erdmagnetismus und der polaren Hochatmosphäre und deren solaren Einwirkungen verzichtet, die sowohl Schwerpunkte des ersten und zweiten Polarjahrs 1882/1883 bzw. 1932/33 als auch des Internationalen Geophysikalischen Jahres 1957/58 waren.

Im ersten Vortrag Wechselwirkung Arktis und mittlere Breiten diskutierte Dr. Dörthe Handorf (AWI) die Schwächung des Polarwirbels als Folge der arktischen Erwärmung, die zu kräftigerem Meridionalaustausch von Luftmassen mit möglicherweise häufigeren Kaltluftausbrüchen nach Europa und Warmluftadvektion in die Arktis führen kann. Im folgenden Vortrag Änderungen im Meereis zeigte  Dr. Annette Rinke (AWI), dass der Rückgang des Meereises nicht linear erfolgt sondern stark von den vorherrschenden Wetterlagen insbesondere von der Lage des als arktischer Dipol bezeichneten Bodendruckfeldes im Sommer abhängig ist. Prof. Dr. Guido Grosse (AWI) illustrierte im anschließenden Vortrag Änderungen im Permafrost die beträchtliche Temperaturzunahme im Erdboden mit zunehmender Auftautiefe und der daraus resultierenden Bodendynamik, die Abnahme des Permafrostgebiets mit Konsequenzen für den Gasaustausch der Treibhausgase Kohlendioxid und Methan. Im abschließenden Vortrag des ersten Komplexes  Umwelt- und Biodiversitätsänderungen der Arktis betonte Prof. Dr. Antje Boetius (AWI) die besonders starke Empfindlichkeit der arktischen Biosphäre gegenüber schnellen Umweltveränderungen, wie sie gegenwärtig durch Temperaturzunahme, Salinitätsänderung und Verschmutzung des Polarmeeres stattfinden. Felduntersuchungen, die nur im arktischen Sommer durchgeführt werden können, sind extrem teuer und nur durch internationale Kooperation machbar.

Der Themenkomplex geopolitische Aspekte wurde durch den Leiter des Deutschen Arktisbüros Dr. Volker Rachold (AWI) mit dem Vortrag Strukturen und Akteure der Internationalen Polarforschung eingeleitet, in dem er ausgehend von den Organisationsstrukturen der ersten drei Internationalen Polarjahre die gegenwärtige internationale Kooperation der Polarforschung mit den tragenden Säulen des 1990 gegründeten International Arctic Science Committee (IASC) und des 1996 folgenden Arctic Council als auch die dringendsten Forschungsaufgaben erläuterte. In dem anschließenden Vortrag Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Wandel – Der Arktische Rat als zentrales Forum der Arktiskooperation von Dr. Kathrin Stephen (Institute for Advanced Sustainability Studies e.V. (IASS), Potsdam) wurde gezeigt, wie der Arktische Rat auf die veränderten Rahmenbedingungen seit seiner Gründung durch Einführung von Arbeitsgruppen und Task Forces reagierte und welche Herausforderungen in der Zukunft noch von ihm zu bewältigen sind. Der abschließende Vortrag dieses Themenkomplexes Völkerrecht als Ordnungsrahmen der Arktis von Kristina Schönfeldt (Institut für Völkerrecht, Rheinische-Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn) unterstrich die Bedeutung des UN-Seerechtsübereinkommens (SRÜ) von 1982, das auch für das Polarmeer und seine Anrainerstaaten völkerrechtlich bindend ist. Konfliktpotential ergibt sich aus den Absichten der Anrainerstaaten, ihre Wirtschaftszone über die 200 Seemeilenzone auszudehnen.

Der Themenkomplex sozio-ökonomische Aspekte wurde durch den Vortrag Rohstoffe des Präsidenten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) Hannover, Prof. Dr. Ralph Watzel eingeleitet, eine Thematik, die in der Presse wegen der vorhandenen und zu erwartenden Rohstoffvorkommen mehrfach für Schlagzeilen gesorgt hatte. Die Energierohstoffvorkommen liegen jedoch ausschließlich in den Sedimentbecken und die Vorkommen mineralischer Rohstoffe in den Gesteinsregionen. Bei der Ausbeutung dieser Vorkommen ist neben der Wirtschaftlichkeit das Risiko von Unfällen, deren Folgen in der unwirtlichen Umgebung schwer zu beheben sind, zu beachten. Im Vortrag Schifffahrtsrouten von Dr. Jürgen Holfort (Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) Rostock) wurden die zukünftigen Möglichkeiten und potentielle Gefahren der Schifffahrt in den arktischen Gewässern analysiert. Für die Schifffahrt gefährlich sind nicht die großen Eisberge, deren Lokalisation i. A. keine Probleme bereitet, sondern kleine driftende Eisberge und –schollen, die von Satelliten schwer bzw. gar nicht zu orten sind. Den letzten Vortrag der Tagung hielt Prof. Dr. Otto Habeck (Institut für Ethnologie, Universität Hamburg) mit Soziologische Probleme, die nicht nur die indigenen Völker, sondern alle in der Arktis lebenden Menschen betreffen, deren Gesellschaften durch den Klimawandel vor großen Herausforderungen stehen. Die Abwanderung der bildungshungrigeren jungen Frauen (welche Parallelität zu einigen ostdeutschen Regionen (!)) lässt eine Gesellschaft zurück, die durch Drogen- und Alkoholkonsum  gefährdet ist.

Die Tagung fand unter den Teilnehmern großen Anklang, sodass auch schon der Wunsch geäußert wurde, eine ähnliche Veranstaltung in angemessener Zeit noch einmal zu organisieren. Für viele Teilnehmer gestaltete sich die Heimreise durch das Sturmtief Xaxier allerdings zu einer Odyssee.

An den Wänden des Hörsaals sowie im Vorraum waren Pastelle, Skizzen und Fotos des in Kürze in der Edition Lammerhuber erscheinenden Buches Klimaaufzeichnungen von Kerstin Heymach, Manfred Wendisch und Annette Rinke zu bewundern.

Dietrich Spänkuch