Arbeitskreis Wissenschaftsgeschichte
Dieter Segert (MLS)
Schranken und Möglichkeiten der Erkenntnis von Gesellschaft auf Grundlage der marxistischen Geschichtsauffassung dargestellt am Beispiel des „Sozialismusprojekts“
Die Veranstaltung findet im hybriden Format statt. Um die Daten für eine Teilnahme über Zoom zu erhalten, wenden Sie sich bitte an g.hassler@leibnizsozietaet.de.
Abstract
Um die Bedeutung der kritischen Argumente von SED-Reformer verstehen zu können, ist es wichtig, sich zumindest partiell auf die Rekonstruktion des damals dominanten Sinnhorizonts gesellschaftspolitischer Debatten einzulassen. Und dieser Sinnhorizont ist die marxistische Geschichtsauffassung, besonders ihre Deutung von Kapitalismus und Sozialismus. Der hier verwendete Begriff „marxistisch“ hat zumindest zwei unterschiedliche Konnotationen, er bezieht sich auf das authentische Werk von Marx in seiner Zeit oder auf das, was aus ihm im dogmatischen M-L gemacht wurde. Die Erkenntnis der Entwicklungserfordernisse des Staatssozialismus wurde durch den seit Stalin dogmatisierten Marxismus-Leninismus erheblich behindert. Kritischer Marxismus und M-L sind aber auch keine völligen Gegensätze. Erkenntnisförderung und Behinderung lassen sich auch an den Thesen von Marx selbst unterscheiden.
Der Widerspruch zwischen Erkenntnisförderung und -behinderung durch den historischen Materialismus wird an Erkenntnissen des Sozialismusprojektes an der Humboldt-Universität und des Rechtswissenschaftlers Uwe-Jens Heuer hier exemplarisch diskutiert. Die marxistische Geschichtsauffassung lenkte das kritische Nachdenken auf zentrale Defizite der Struktur der sozialistischen Wirtschaft, auf die ausschließliche Eigentumsform, das hoch zentralisierte staatliche Eigentum. Dieses sollte durch eine Vielfalt von Formen des produktiven Eigentums ersetzt werden. Soweit die erkenntnisfördernde Wirkung der Marxschen Thesen. Allerdings war es auch erforderlich, die Begrenztheiten einer verabsolutierten Basis-Überbau-Begrifflichkeit zu überwinden, um den Platz von Recht und Demokratie in einem modernen Sozialismus erkennen zu können.
CV
Dieter Segert (MLS) ist Prof. (i.R.) für Politikwissenschaftliche Osteuropastudien an der Universität Wien. Er studierte Philosophie mit dem Nebenfach Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin und absolvierte eine Aspirantur für Philosophie an der MGU Moskau. Gemeinsam mit Rechtswissenschaftlern legte er in den späten 1980er Jahren Grundlagen für ein akademisches Studium der Politikwissenschaft in der DDR, welches 1989 bis 1990 dann staatlich eingerichtet wurde. Im September 1989 wurde er als Professor an die Sektion Philosophie der Humboldt-Universität berufen, 1993 bekam er den Ruf eine auf fünf Jahre befristete Professur für Vergleichende Politikwissenschaft (Osteuropa) am von ihm mitbegründeten neuen Fachbereich Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität. Nach Gastprofessuren an den Universitäten Bath (1992) und Prag (1998 bis 2001) für Politikwissenschaft wurde er 2005 auf die oben bezeichnete Professur an der Universität Wien berufen, die er bis 2017 wahrnahm. Seine Arbeitsschwerpunkte waren die Analyse osteuropäischer Parteien, des sowjetischen Staatssozialismus und von Transformationen Osteuropas im 20. Jahrhundert, wozu er umfangreich publiziert hat. Außerdem engagierte er sich in der Politischen Bildung in Deutschland und Österreich. Seit einem 2024 veröffentlichten Band zur europäischen Friedensordnung von Helsinki 1975 und Paris 1990 publiziert er mehrfache wissenschaftliche und publizistische Beiträge zu Hindernissen auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden in Europa. Dieter Segert ist seit 2008 Mitglied der Leibniz Sozietät der Wissenschaften zu Berlin und seit 2024 Sekretar ihrer Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften.

