Arbeitskreis Wissenschaftsgeschichte
Vortrag von Dietmar Linke (MLS)
Hans-Dieter Sill (MLS)
Abstract
Mit dieser Frage beginnt das 1. Kapitel im 1. Buch der Wissenschaft der Logik von Hegel, wobei für ihn die Philosophie die Wissenschaft ist. Die Darlegungen zu seinen Grundbegriffen Sein, Nichts und Werden, die unter anderem zu dem Satz führen: „Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe“, stoßen oft auf großes Unverständnis. Der Vortrag bietet eine weiterführende Lösung des Problems an, bei dem Erkenntnisse von Aristoteles und die axiomatische Methode nach Hilbert eine wesentliche Rolle spielen. Im Vortrag werden weiterhin Ausblicke gegeben, wie nach der axiomatischen Grundlegung der Philosophie der Aufbau eines konsistenten, minimalen und allgemein verständlichen Systems philosophischer Grundbegriffe und Methoden erfolgen kann. Es werden unter anderem Explikationen folgender Begriffe umrissen, die für alle Wissenschaften, insbesondere auch für Naturwissenschaften von Bedeutung sind: Merkmal, Veränderung, Vorgang, Entwicklung und Gegensatz, sowie auf die zentrale wissenschaftliche Methode der Untrennbarkeit von Gegensätzen eingegangen. Dieser Ansatz eröffnet eine neue philosophische Richtung, die ich Neue Philosophie nenne.
CV
Hans-Dieter Sill ist Professor für Didaktik des Mathematikunterrichts an der Universität Rostock und seit 2016 im Ruhestand. Nach seinem 1973 abgeschlossenen Studium als Diplom-Lehrer für Mathematik und Physik promovierte er 1976 im Fach Mathematik an der Pädagogischen Hochschule in Güstrow und war dort nach seiner Habilitation im Jahre 1987 als Dozent für Methodik des Mathematikunterrichts tätig. 1993 wurde er an die Universität Rostock berufen. Er führte theoretische und empirische Forschungen auf unterschiedlichen Gebieten der Mathematikdidaktik durch, insbesondere zu theoretischen Grundfragen des Lernens von Mathematik, zur Entwicklung von Curricula, zur Durchführung von Leistungserhebungen, zum Arbeiten mit Aufgaben, zur Gestaltung einer nachhaltigen Lehrerfortbildung sowie zu Fragen des Stochastikunterrichts. Er ist Herausgeber eines Unterrichtswerkes Mathematik für die Sekundarstufe I, Autor eines Lehrbuches zur Mathematikdidaktik sowie von Lehrbüchern zur Didaktik des Stochastikunterrichts in der Primarstufe und der Sekundarstufe I. 2026 publizierte er eine umfangreiche Schrift zu philosophischen Grundbegriffen.
Es besteht auch die Möglichkeit einer Teilnahme über Zoom. Die Daten erhalten Sie in der Rundmail an die Mitglieder oder Sie schreiben eine E-Mail an g.hassler@leibnizsozietaet.de
Die Veranstaltung findet im hybriden Format statt. Um die Daten für eine Teilnahme über Zoom zu erhalten, wenden Sie sich bitte an g.hassler@leibnizsozietaet.de.
Abstract
Um die Bedeutung der kritischen Argumente von SED-Reformer verstehen zu können, ist es wichtig, sich zumindest partiell auf die Rekonstruktion des damals dominanten Sinnhorizonts gesellschaftspolitischer Debatten einzulassen. Und dieser Sinnhorizont ist die marxistische Geschichtsauffassung, besonders ihre Deutung von Kapitalismus und Sozialismus. Der hier verwendete Begriff „marxistisch“ hat zumindest zwei unterschiedliche Konnotationen, er bezieht sich auf das authentische Werk von Marx in seiner Zeit oder auf das, was aus ihm im dogmatischen M-L gemacht wurde. Die Erkenntnis der Entwicklungserfordernisse des Staatssozialismus wurde durch den seit Stalin dogmatisierten Marxismus-Leninismus erheblich behindert. Kritischer Marxismus und M-L sind aber auch keine völligen Gegensätze. Erkenntnisförderung und Behinderung lassen sich auch an den Thesen von Marx selbst unterscheiden.
Der Widerspruch zwischen Erkenntnisförderung und -behinderung durch den historischen Materialismus wird an Erkenntnissen des Sozialismusprojektes an der Humboldt-Universität und des Rechtswissenschaftlers Uwe-Jens Heuer hier exemplarisch diskutiert. Die marxistische Geschichtsauffassung lenkte das kritische Nachdenken auf zentrale Defizite der Struktur der sozialistischen Wirtschaft, auf die ausschließliche Eigentumsform, das hoch zentralisierte staatliche Eigentum. Dieses sollte durch eine Vielfalt von Formen des produktiven Eigentums ersetzt werden. Soweit die erkenntnisfördernde Wirkung der Marxschen Thesen. Allerdings war es auch erforderlich, die Begrenztheiten einer verabsolutierten Basis-Überbau-Begrifflichkeit zu überwinden, um den Platz von Recht und Demokratie in einem modernen Sozialismus erkennen zu können.
CV
Dieter Segert (MLS) ist Prof. (i.R.) für Politikwissenschaftliche Osteuropastudien an der Universität Wien. Er studierte Philosophie mit dem Nebenfach Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin und absolvierte eine Aspirantur für Philosophie an der MGU Moskau. Gemeinsam mit Rechtswissenschaftlern legte er in den späten 1980er Jahren Grundlagen für ein akademisches Studium der Politikwissenschaft in der DDR, welches 1989 bis 1990 dann staatlich eingerichtet wurde. Im September 1989 wurde er als Professor an die Sektion Philosophie der Humboldt-Universität berufen, 1993 bekam er den Ruf eine auf fünf Jahre befristete Professur für Vergleichende Politikwissenschaft (Osteuropa) am von ihm mitbegründeten neuen Fachbereich Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität. Nach Gastprofessuren an den Universitäten Bath (1992) und Prag (1998 bis 2001) für Politikwissenschaft wurde er 2005 auf die oben bezeichnete Professur an der Universität Wien berufen, die er bis 2017 wahrnahm. Seine Arbeitsschwerpunkte waren die Analyse osteuropäischer Parteien, des sowjetischen Staatssozialismus und von Transformationen Osteuropas im 20. Jahrhundert, wozu er umfangreich publiziert hat. Außerdem engagierte er sich in der Politischen Bildung in Deutschland und Österreich. Seit einem 2024 veröffentlichten Band zur europäischen Friedensordnung von Helsinki 1975 und Paris 1990 publiziert er mehrfache wissenschaftliche und publizistische Beiträge zu Hindernissen auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden in Europa. Dieter Segert ist seit 2008 Mitglied der Leibniz Sozietät der Wissenschaften zu Berlin und war von 2024 bis 2026 Sekretar ihrer Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften.
Die Veranstaltung findet im hybriden Format statt. Um die Zoom-Daten zu erhalten, schreiben Sie bitte eine E-Mail an g.hassler@leibnizsozietaet.de.
Dmitri I. Mendeleev (1834–1907) hat die Existenz mehrerer damals unbekannter Elemente erfolgreich vorhergesagt – darunter Gallium, Scandium und Germanium. Diese Elemente wurden teilweise noch zu seinen Lebzeiten entdeckt, was zu einer Überbewertung seines Beitrags bei der Aufstellung des Periodensystems führte. Auch Lothar Meyer (1830–1895) hatte Lücken im Periodensystem markiert, hielt sich aber im Gegensatz zu Mendeleev bei der Vorhersage konkreter Eigenschaften zurück. Oft wird angenommen, dass Mendeleevs Vorhersagen gezielte Suchaktionen nach diesen Elementen auslösten. Tatsächlich gab es jedoch keine speziell auf die Suche nach den vorausgesagten Elementen ausgerichteten Forschungen. In diesem Vortrag wird insbesondere der Entdeckungsprozess von Germanium beschrieben, auch im Vergleich zu Gallium und Scandium. Clemens Winkler (1838–1904), der das Germanium vor 140 Jahren entdeckte, interessierte sich in erster Linie für die Zusammensetzung des neuen Minerals Argyrodit, das in der Nähe von Freiberg gefunden wurde. Nach der Mitteilung über das Auffinden des neuen Elements akzeptierte Mendeleev es nicht als Eka-Silicium. Meyers und von Richters Briefe zeigen, dass sie den Zusammenhang zwischen Germanium und Eka-Silicium erkannten. Eine genaue Bestimmung des Atomgewichts von Germanium überzeugte Mendeleev schließlich. Später würdigte er Winkler als einen derjenigen, die das Periodensystem durch ihre Entdeckung bestätigt hatten.et
CV
Gisela Boeck erhielt ihr Diplom in Chemie 1977 von der Universität Rostock. Von 1977 bis 1981 promovierte sie im Rahmen einer Aspirantur an den Universitäten Rostock und Leipzig. Von 1981 bis 2020 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Chemie der Universität Rostock. In dieser Zeit lehrte und forschte sie auf verschiedenen Gebieten der Chemie, so in der physikalischen und der organischen Chemie sowie in der Methodik des Chemieunterrichtes. Zu ihren weiteren wissenschaftlichen Aktivitäten gehörten die Initiierung des bundesweiten Netzwerkes „Chemie für Mediziner“, die Leitung des Arbeitskreises „Rostocker Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte“, die Tätigkeit als Beisitzende und Vorsitzende in der Fachgruppe „Geschichte der Chemie“ der Gesellschaft Deutscher Chemiker sowie als Deputierte dieser Gesellschaft bei der Working Party on the History of Chemistry der European Association for Chemistry and Molecular Science. Während ihrer Tätigkeiten an der Universität Rostock und bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker hat Gisela Boeck eine Vielzahl von Vorträgen, Kolloquien und Tagungen organisiert. Sie war Mitglied verschiedener Prüfungs- und Berufungskommissionen. Für ihre ausgezeichnete Lehrtätigkeit erhielt sie mehrere Preise. Seit 2021 ist sie Visiting Professor an der Riga Technical University. Sie hat die Ergebnisse ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit in weit mehr als 100 Publikationen in Lehrbüchern und Fachzeitschriften veröffentlicht. Wesentliche Gebiete ihrer Publikationstätigkeit betrafen die Bereiche Quantenchemie, Chemie in der Schule und im Medizinstudium sowie Wissenschaftsgeschichte.
Abstract
Der Beitrag zeichnet die weitgehend vergessene Biografie des Chemikers und Wissenschaftsorganisators Hans Heinrich Franck nach, der in der Berliner Wissenschaftslandschaft der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine herausragende, aber heute kaum gewürdigte Rolle spielte. Francks Beiträge zur technischen Chemie, Normung und industriellen Forschung sowie seine Verfolgung im Nationalsozialismus, in dessen Folge er wegen „jüdischer Versippung“ aus allen Ämtern entfernt wurde werden behandelt . Nach 1945 engagierte sich Franck maßgeblich beim Wiederaufbau der Berliner Hochschulen, führte das „Humanistische Studium“ ein und wirkte als Brückenbauer zwischen Ost und West, obwohl er aufgrund seiner Entscheidung für den sozialistischen Weg in West-Berlin zunehmend unter Druck geriet. Es wird hervorgehoben, dass Franck trotz politischer Spannungen konsequent für wissenschaftliche Kooperation und gesellschaftliche Verständigung eintrat und sein Haus in Pankow zu einem Treffpunkt regimekritischer Intellektueller wurde, die mit der offiziellen Politik der DDR ihre Schwierigkeiten hatten . Gerd Kley plädiert dafür, Francks Wirken neu zu würdigen und ihn als bedeutende Persönlichkeit der Berliner Nachkriegszeit in Wissenschaft, Kultur und Politik sichtbar zu machen
CV
Dr. Gerd Kley wurde am 23. Januar 1943 in Mühlhausen geboren und wuchs in Kammerforst auf. Von 1962 bis 1967 studierte Gerd Kley Physik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Nachdem er die ersten Berufsjahre an der Akademie für Landwirtschaftswissenschaften in Müncheberg und am Zentralinstitut für Physikalische Chemie in Berlin absolvierte, promovierte er 1974 zum Doktor der Physik und war danach in mehreren leitenden Funktionen an der Berliner Akademie und in Instituten tätig. Seit seiner Jugend befasst sich Dr. Gerd Kley mit geschichtlichen bzw. kunstgeschichtlichen Fragestellungen seiner Thüringer Heimat und später seiner brandenburgischen Wahlheimat. Dr. Gerd Kley hat sich als promovierter Physiker beruflich mit Werkstoffforschung und mit Umwelttechniken befasst. Sein privates Interesse gilt Persönlichkeiten aus seiner Thüringer Heimat und dem Künstlerkreis um den Maler Adolf Rettelbusch, zu dessen Freunden Morgenstern gehörte. Zudem stehen Brandenburger Lokalgeschichte und deren Protagonisten im Fokus seiner Arbeiten. Neben einer Dokumentation über seine Abteilung in der Akademie der Wissenschaften von 1949 bis 1991 erschien von ihm eine Biografie des Architekten Friedrich August Stüler.
Hans-Christoph Hobohm Arbeitskreise, Wissenschaftsgeschichte Haßler.G, Schippan.M
Grundlegende Studien zur Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte: Georgij Plechanov – Sidney Hook – Ian Kershaw
Im Rahmen des Arbeitskreises Wissenschaftsgeschichte widmete sich Michael Schippan am 20. Oktober 2025 einem Thema, das in der historischen Forschung lange marginalisiert wurde: der Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte. Sein Vortrag spannte einen Bogen von marxistischer Theorie über pragmatische Philosophie bis hin zur modernen Geschichtsschreibung und Medienkritik. Im Zentrum standen drei Denker, deren Werke unterschiedliche Perspektiven auf die Bedeutung individueller Akteure im historischen Prozess eröffnen: Georgij Plechanov, Sidney Hook und Ian Kershaw. WEITER
Ulrich Busch (MLS)
Zum interdisziplinären Gebrauch und Transfer von Begriffen am Beispiel der Ökonomie
Die Veranstaltung findet im hybriden Formst statt. Für den Erhalt der Zoom-Daten richten Sie bitte eine Mail an g.hassler@leibnizsozietaet.de
Abstract:
Der Vortrag thematisiert die disziplinäre Einordnung und die historische Entwicklung der Ökonomie/Ökonomik. Dabei wird auf die enge Beziehung zwischen den Wirtschafts- und den Sozial- sowie Rechtswissenschaften hingewiesen. Ein ökonomisches Denken gibt es, seitdem es Wirtschaft gibt, also seit der ersten Zeitenwende im Neolithikum. Dieses war jedoch vorwissenschaftlich und mythologisch geprägt. Im Mittelalter gewannen Philosophie und Theologie Einfluss auf das ökonomische Denken und Vokabular. Mit der zweiten Zeitenwende, der kopernikanischen, bildete sich im Verlaufe des 16./17. Jh. die kapitalistische Produktionsweise heraus. Mit ihr formte sich die Ökonomie erstmals als eigenständige Wissenschaftsdisziplin. Die ersten Ökonomen aber waren Kaufleute, also Praktiker des Geldverdienens. Methodik, Denkstil und Terminologie wurden aus anderen Disziplinen transferiert; die Mathematik wurde zur „Sprache“ der Ökonomie und die aus der Mythologie, Theologie und Metaphysik stammenden Paradigmen, Normative und Termini wurden eliminiert. Im 19./20. Jh. wurde die Ökonomie zur dominanten Disziplin. Mithin wurden ihre Logik, Methodik und Begrifflichkeit für Politik und Gesellschaft bestimmend. Dies hat Konsequenzen für die „große Erzählung“ der Zeitgeschichte, das Denken (auch anderer Disziplinen) und die Alltagssprache, wie sich an ausgewählten Beispielen belegen lässt.
Ulrich Busch studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin Finanzökonomie, wurde 1976 zum Dr. oec. promoviert und habilitierte sich 1984 auf dem Gebiet der Finanzwissenschaft. 1987 wurde er zum ord. Dozenten für Politische Ökonomie berufen. Nach 1990 wirkte er aktiv an der Umstrukturierung der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität mit. Bis zum Eintritt in den Ruhestand war er als Dozent und Leiter wissenschaftlicher Projekte an der Humboldt-Universität, der Technischen Universität Berlin sowie an anderen Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie im privaten Bankwesen tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Geldtheorie, Transformation sowie ökonomische Aspekte der deutschen Vereinigung.
Die Sitzung findet als Hybrid-Veranstaltung (Präsenz und Zoom) statt.
Michael Schippan (MLS)
Grundlegende Studien zur Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte. Georgij Plechanov – Sidney Hook – Ian Kershaw
Während seit der zweiten Hälfte des 20. Jh. verstärkt Strukturen, Prozesse und soziale Gruppen untersucht wurden, gibt es über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte nur sehr wenige verallgemeinernde Studien. Waren zuvor die „großen Männer der Geschichte“ verherrlicht oder „Weltenverheerer“ verdammt worden, versuchte man im 20. Jh. Führungspersönlichkeiten als beliebig „austauschbar“ oder – im marxistischen Denken – als „machtausübende Vertreter der herrschenden Klasse“ hinzustellen. Der 34 Jahre im Exil lebende Sozialist Georgij Plechanov (1856-1918) ließ 1898 in einem in Russland legal erscheinenden Organ eine Artikelfolge „O roli ličnosti v istorii“ („Über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte“) erscheinen, die nach 1945 vor allem von der Sowjetischen Besatzungszone in Massenauflagen herausgegeben wurde. Jedoch ist dieses Werk bisher noch nicht hinsichtlich der Argumentationsweise und der Quellen analysiert worden. Plechanov kritisierte einerseits die Geringschätzung historischer Persönlichkeiten. Andererseits forderte er, die historischen Umstände für deren Erscheinen als entscheidend anzusehen, und geht dabei deterministisch vom Wirken „historischer Gesetze“ aus, ohne diese konkret zu benennen. Der US-amerikanische Sozialphilosoph Sidney Hook (1902-1989), einer der Begründer des Pragmatismus, zunächst Bewunderer Lenins und dann Neokonservativer unter Ronald Reagan, wies in „The Hero in History“ (1943, deutsch: „Der Held der Geschichte“, 1951) auf das Aufkommen bisher beispiellos diktatorisch regierender Gewaltherrscher (Mussolini, Hitler, Stalin) nach dem Oktoberputsch von 1917 in Russland hin. Außer Politikern und Feldherrn hätten sich immer mehr auch Wissenschaftler, Künstler und Sportler ihren Ruhm als herausragende Persönlichkeiten erworben. Der als Hitler-Biograph bekannt gewordene britische Historiker Ian Kershaw (*1943) stellte unlängst in seiner Monographie „Persönlichkeit und Macht“ (2022) „Erbauer und Zerstörer des modernen Europa“ im 20. Jahrhundert einander gegenüber. Abschließend soll auf die in letzter Zeit gestiegene Bedeutung des Internets und der sozialen Medien hingewiesen werden, mit deren Hilfe markante Personen nunmehr massenhaft als kurzlebige „Medienstars“ konstruiert werden. Es wird gefragt, ob jetzt das endgültige Aus für die „charismatische Persönlichkeit“ (Max Weber) in einer Zeit eingeläutet worden ist, in der vielfach nur noch innerhalb abgeschlossener Gemeinschaften („Echokammern“, „Blasen“) kommuniziert wird.
CV
Der Osteuropa- und Frühneuzeithistoriker Michael Schippan (*1955) studierte in Berlin und Moskau, unterrichtete an der Humboldt-Universität und der Freien Universität zu Berlin. Er veröffentlichte Studien zur Geschichte Russlands und der deutsch-russischen Beziehungen, Monographien zu den Reformen Zar Peters I.(1996) und seinen Reisen durch deutsche Territorien 1697-1717 (St. Petersburg 2021) sowie zur Aufklärung in Russland (2012). Nach seiner Aufnahme in die Leibniz-Sozietät 2020 erschienen eine von ihm herausgegebene Gedenkschrift für Erhard Hexelschneider (2022) sowie Ehrengaben für Ingrid Kästner (2023) und Peter Hoffmann (2025).
Hans-Christoph Hobohm Arbeitskreise, Wissenschaftsgeschichte Haßler.G, Höxtermann.E, Neumann.H, Wischer.I
Am 17. Februar 2025 fand ein Treffen des Arbeitskreises Wissenschaftsgeschichte im Beratungsraum der Firma GEFEG AM Storkower Bogen statt, auf dem zwei Vorträge gehalten wurden.

Prof. Dr. Hans Neumann (Universität Münster) sprach zur Altorientalistik in der DDR. Ihre institutionellen und wissenschaftspolitischen Rahmenbedingungen im Spannungsfeld von Kontinuität und Wandel.
Altorientalistik in der DDR war ein Sammelbegriff, der verschiedene orientalistische Spezialdisziplinen vereint. Iranistik, Turkologie, Indologie, Sinologie, Tibetologie und Japanologie beschäftigen sich mit den sprachlichen und kulturellen Hinterlassenschaften und Gegebenheiten der entsprechenden Regionen (Iran, Zentralasien, Süd- und Südostasien, China, Japan) ohne historisch-zeitliche Begrenzung. Der Gegenstand dieser Fächer erstreckt sich per definitionem vom Altertum bis in die Moderne. Bei den Forschungen zu den frühen Gesellschaften des mittleren und fernen Ostens handelt es sich um Spezialisierungen bzw. Subdisziplinen im Rahmen der genannten Fächer. Bei der Ägyptologie, der Sudanarchäologie und den Keilschriftwissenschaften sowie der Vorderasia-tischen Archäologie (jeweils mit ihren Spezialisierungen) handelt es sich um Fächer, deren Gegenstand zeitlich auf das Altertum begrenzt ist. WEITER
Der Arbeitskreis Wissenschaftsgeschichte lädt alle Interessierten zu einem Vortrag ein:
Die Veranstaltung findet hybrid statt. In Präsenz: Historischer Ratssaal, Rathaus Friedrichshagen, außerdem online.
Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, Arbeitskreis Wissenschaftsgeschichte
Treffen am 10. April 2025, Historischer Ratssaal, Rathaus Friedrichshagen
Die Vorträge des letzten Arbeitskreistreffens am 17. Februar zur Geschichte der Altorientalistik und der Historischen Englischen Linguistik in der DDR kennzeichneten ein spezifisches, stadiales und regionales Muster wissenschaftlicher Richtungen und Institute. Das legte den Vergleich mit der Situation in den Naturwissenschaften nahe und veranlasste den Autor, seine Ansichten zur Entwicklung der Biologie an den Universitäten der DDR vorzustellen.
Abstract
Auch in den Biowissenschaften gab es in der DDR ein bezeichnendes geografisches Muster wissenschaftlicher Zweige und Einrichtungen. Diese eigenartige, differenzierte Verteilung der Ressourcen und Disziplinen galt nach dem Beitritt der DDR zur BRD als ideologie- und fremdbestimmt und verschwand in kurzer Zeit. Doch das Profil der ostdeutschen Biologie war weniger das Ergebnis zentraler Pläne und Weichenstellungen als vielmehr Ausdruck einer erstaunlich stabilen Interessenlage wissenschaftlicher Schulen, die in den Nachkriegsjahren eher zufällig entstanden waren und sich im Wandel der politischen Verhältnisse und im Wechsel der Generationen behaupteten.
Der Autor hat sich seit 1997 wiederholt dazu geäußert und umfassende Übersichtsarbeiten, aber auch beispielhafte Fallstudien zu ausgewählten Instituten und Biologen verfasst. Der Vortrag basiert auf diesen ausführlichen Darstellungen, auf die im Einzelnen verwiesen wird.
CV
Ekkehard Höxtermann wurde 1953 in Sondershausen (Thüringen) geboren und studierte ab 1973 an der Humboldt-Universität zu Berlin Biologie. Hier wurde er 1985 im Bereich Allgemeine Botanik promoviert. Seit 1990 am Institut für Biochemie der Universität Köln tätig, habilitierte er sich 1994 in Jena für das Fach Geschichte der Naturwissenschaften. Von 1994 bis 2013 lehrte er Geschichte der Biologie, der Biochemie und der Pharmazie in Jena, Berlin und Göttingen, ab 2003 als außerplanmäßiger Professor für Geschichte der Naturwissenschaften der FU Berlin. 2007 eröffnete er im Verlag Natur+Text in Rangsdorf ein biologiehistorisches Programm. Nach experimentellen Arbeiten zur Photosynthese grüner Pflanzen verfolgt er – außerhalb der üblichen institutionalisierten Bahnen – ureigene, biologiehistorische Forschungsziele, insbesondere zur Geschichte der Botanik, der Biologischen Chemie und der Biologie in Ostdeutschland. 2016 wurde er Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.
Hans-Christoph Hobohm Neumann.H, Wischer.I
Beratungsraum der Fa. GEFEG im Storkower Bogen, Storkower Straße 207, 9. Etage, 10369 Berlin
Bitte klingeln, Tür wird dann geöffnet. Für Nutzer eines Pkw besteht direkter Zugang von der Tiefgarage.
Zugang auch über Zoom.
Ausgehend von den Nachkriegsverhältnissen in der Sowjetischen Besatzungszone (1945–1949) wird unter Berücksichtigung der jeweiligen spezifischen institutionellen und wissenschafts-politischen Rahmenbedingungen, unter denen in der DDR die Wissenschaften von Gesellschaft, Kultur und Sprachen des Alten Orients im Hochschulbereich und außeruniversitär betrieben worden sind, ausschnittsweise versucht, die Entwicklung der DDR-Altorientalistik insbesondere an den Universitäten Berlin, Leipzig, Jena und Halle/S. und an der Akademie der Wissen schaften von 1949 bis 1989 sowohl unter dem Gesichtspunkt der Weiterführung bestehender Traditionen als auch mit Blick auf gesellschaftshistorisch wie auch personell begründete Kontinuitätsbrüche vor allem in den 1960/70er Jahren nachzuzeichnen und wissenschaftsgeschichtlich zu analysieren.
Geboren 9.5.1953 in Erfurt; 1971–1975 Studium der Orientalischen Archäologie und Philologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; 1980 Promotion; 1975–1991 wiss. Mitarbeiter und Forschungsgruppenleiter am Bereich Alter Orient des ZI für Alte Geschichte und Archäologie der AdW (bis 1990 der DDR) Berlin; 1992–1999 wiss. Mitarbeiter an den Universitäten Berlin (FU) und Heidelberg; 1998 Habilitation für das Fach Altorientalische Philologie an der FU Berlin; 1999–2020 Professor (C4) für Altorientalische Philologie und Direktor des Instituts für Altorientalistik und Vorderasiatische Archäologie der Universität Münster
2003–2009 Vorsitzender und 2009–2012 stellv. Vorsitzender der Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG); 2003–2015 Mitglied des Board of the International Association for Assyriology
Forschungsschwerpunkte: Sumerische und akkadische Keilschrifttexte des alten Mesopotamien vornehmlich aus dem 3. und frühen 2. Jt. v. Chr.; Wirtschafts-, Rechts- und Sozialgeschichte des Alten Vorderasien; Geschichte der Assyriologie/Altorientalistik in Deutschland im ausgehenden 19. und frühen 20. Jh. und in der DDR
Die englische historische Linguistik hat in Deutschland und im deutschsprachigen Kulturraum eine reiche Geschichte. Sie wurde von zwei unterschiedlichen, aber konvergierenden Forschungsfeldern geprägt, die beide im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts an deutschen Universitäten ihre Blütezeit hatten: die englische Philologie, vor allem die Mediävistik, und die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft. In meinem Vortrag geht es zunächst darum, wie diese beiden Forschungsrichtungen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zusammengewachsen sind. Daran anschließend wird gezeigt, wie sich im 20. Jahrhundert in Ost und West ein Wandel in der Ausrichtung der englischen historischen Linguistik vollzog, und es werden Gründe für den stetigen Rückgang dieser Disziplin mit einem Blick auf mögliche zukünftige Entwicklungen diskutiert.
Ilse Wischer, geboren 1959 in Stendal, ist außerplanmäßige Professorin für Englische Linguistik an der Universität Potsdam (seit April 2024 im Ruhestand). Sie studierte Englisch und Russisch an der ehemaligen Pädagogischen Hochschule Potsdam (seit 1991 Universität Potsdam), wurde dort 1986 promoviert und 1996 habilitiert. Seither hat sie an den Universitäten Potsdam, Düsseldorf, Oldenburg und der FU Berlin gelehrt. Ihre Forschungsinteressen liegen vorwiegend auf dem Gebiet der Englischen Historischen Linguistik, und hier insbesondere im Bereich der Grammatikalisierungsstudien. Ihre Publikationen behandeln syntaktische und semantische Aspekte der Nominalphrase, sowie verschiedene Themen des Sprachwandels in der Geschichte des Englischen. Sie hat unter anderem zusammen mit Gabriele Diewald (Universität Hannover) den Band New Reflections on Grammaticalization (2002), und zusammen mit Daniela Kolbe-Hanna (Universität Trier) den Fokus-Band der ANGLISTIK ANGLISTIK: Focus on English Linguistics: Varieties Meet Histories (2021) herausgegeben.
Hans-Christoph Hobohm Linke.D, Schiller.W
16 Uhr (nach dem Plenum)
Rathaus Friedrichshagen, Historischer Ratssaal, Bölschestr. 87, 12587 Berlin
Wolfgang Schiller und Dietmar Linke:
Von Keramovitronen zu LTCC-Multilayer-Modulen. 50 Jahre Keramik-Forschung in Berlin in zwei deutlich verschiedenen Wirtschafts- und Forschungssystemen
Name des Arbeitskreises
Wissenschaftsgeschichte
Gründung
Der Arbeitskreis Wissenschaftsgeschichte wurde am 11. April 2024 im Anschluss an die Jahrestagung der Leibniz-Sozietät zum Thema Kant und die Rezeption der Aufklärung gegründet. An der Gründungsversammlung im Historischen Ratssaal des Alten Rathauses Friedrichshagen nahmen 17 Mitglieder und Gäste der Leibniz-Sozietät teil.
Sprecher
Gerda Haßler (gerda.hassler@uni-potsdam.de) und Ekkehard Höxtermann (e.hoextermann@web.de)
Gegenstand und Aufgaben
Der Arbeitskreis Wissenschaftsgeschichte ist ein für alle Mitglieder offenes Forum mit breitem Themenspektrum ohne fachliche oder chronologische Eingrenzung. Zentrales Anliegen des Arbeitskreises ist es, die vielfältigen wissenschaftshistorischen Aktivitäten und Interessen der in der Sozietät vereinten Fachvertreter zusammenzuführen, den Austausch und verbindende Vorhaben und Veröffentlichungen anzuregen.
Arbeitsweise
Das erste Treffen des Kreises fand am 13. Juni 2024 statt und galt der Besprechung effektiver Arbeitsformen und dem Austausch über eigene wissenschaftshistorische Aktivitäten und persönliche Erwartungen und Interessen der Teilnehmer. Es wurde vereinbart, die Zusammenarbeit regulär auf Hybridveranstaltungen zu gründen und bis zu sechs Termine pro Sitzungszyklus der Leibniz-Sozietät einzuplanen. Die Zusammenkünfte werden variabel als eigenständige Treffen, aber auch im Anschluss an Plenarsitzungen stattfinden.
Eine Umfrage unter den Mitwirkenden führte aus dem Stand zu elf Themenvorschlägen, die zur Grundlage eines Jahresprogramms mit Vorträgen im Arbeitskreis, aber auch in Klassen- und Plenarsitzungen werden.
Erste Schritte und nächste Vorhaben
Das erste Thema „Der Kontext im Fokus“ wurde am 21. Oktober 2024 behandelt, als Gerda Haßler ihr neues Buch zur Geschichte des Kontextbegriffs vorstellte. Zudem berichten die Kollegen Wolfgang Schiller und Dietmar Linke – in Würdigung ihres akademischen Lehrers Lothar Kolditz zum 95. Geburtstag – nach dem Plenum am 12. Dezember 2024 über „50 Jahre Keramik-Forschung in Berlin in zwei deutlich verschiedenen Wirtschafts- und Forschungssystemen“. Der Vortrag wird in Leibniz-Online veröffentlicht.
Außerdem bereitet der Arbeitskreis die Jahrestagung 2025 vor, die am 22. Mai 2025 zum Thema „Aktuelle Entwicklungen in der Debatte um die Entstehung, den Wandel und die Veraltung von Konzepten und Methoden in Wissenschaft und Forschung“ stattfinden wird.
Ergebnisse
Publikationen im Jahr 2024: WEITER