Sitzung der Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften zum „Umgang mit Unbestimmtheit“: Kurzbericht

Unbestimmtheit und Risiko als wissenschaftliche Kategorien: Vortrag von Gerhard Banse in der Klasse für Sozial- und Geisteswissenschaften 

„Über den Umgang mit Unbestimmtheit“ – so lautete der durch seine Unbestimmtheit geheimnisvoll-esoterisch anmutende, zur Verwechslung mit der Heisenbergschen Unschärferelation verführende und in seinem für eine wissenschaftliche Arbeit reichlich ungewohnt klingenden Titel des Vortrags, den Gerhard Banse, Technikphilosoph und Präsident der Leibniz-Sozietät, in der Novembersitzung der Klasse für Sozial- und  Geisteswissenschaften der LS hielt. Der Referent, der seine Darlegungen durch zahlreiches bildhaftes Anschauungsmaterial graphisch-visuell unterlegte, kennzeichnete „Unbestimmtheit“ als zentralen Topos der Reflexion über die „Lebenswelt“, welcher die Unsicherheit in der Erkenntnis der Ursache-Wirkung-Relation bei menschlichen Handlungen (und sonstigen natürlichen und zufälligen, konsekutiven oder kontingenten Ereignissen) charakterisiert.

Doch nicht dem Phänomen „Unbestimmtheit“ als solchem, sondern dem Problem des Risikos bzw. des Risikohandelns als methodischem Prinzip, also als bewusstem, einkalkuliertem Inkaufnehmen der Möglichkeit des Misslingens eines medikamentösen Behandlung oder einer chirurgischen Operation, einer Handels- oder Finanztransaktion, also Phänomenen, welchen die Ungewissheit der intendierten Erfolgschancen sozusagen inhärent ist, galt diese Untersuchung, wobei Banse auch den Begriff Risikowissen ins Spiel brachte. Den historischen Beginn des Unbestimmtheits- bzw. Risikoproblembewusstseins situierte er in die Anfänge des spätmittelalterlichen mediterranen Handels und der Versicherung der Ladungen gegen Verlust auf dem risikoreichen Warentransport per See.

In seiner Problemsicht und den von ihm angeführten Beispielen wurde ein hoher Grad von Interdisziplinarität merkbar, die die Grenzen nicht nur zwischen den Spezialdisziplinen, sondern auch zwischen den in die beiden Sozietätsklassen gespaltenen Superdisziplinen Naturwissenschaften und Technikwissenschaften sowie Sozial- und Geisteswissenschaften durchbrach, kurz sich als ein methodisches Prinzip von großer inter- und transdisziplinärer Mächtigkeit herausstellte.

Risiko wie Unbestimmtheit finden, folgt man Banse, ihr Hauptanwendungsgebiet in der wissenschaftlichen Prognostik in die Zukunft hinein, von den Wahrscheinlichkeiten und Häufigkeiten des Eintritts oder Ausbleibens von gemutmaßten künftigen Ereignissen – vom täglichen Wetterbericht über politische Entscheidungen und ideologische Optionen von Individuen und Klassen von Individuen bis zu kosmischen und terrestrischen Katastrophen und zum casus belli, dem Kriegsfall bzw. dessen Verhinderung : alle diese Phänomene unterliegen einer auf Kenntnis oder Unwissen beruhenden Wahrscheinlichkeitsrechnung. Dabei wäre laut Banse die monosemantische Reduktion auf Eindeutigkeit kurzschlüssig, ermöglichte aber auch andererseits eine Idealisierung und damit „einen rationalen Zugriff auf Situationen unvollständiger Information“, was deren Beherrschbarkeit durch die Anwendung von „Risikowissen“ ermöglicht.

Diese hochinteressanten, alle Wissenschaften herausfordernden, mit großer begrifflich-logischer Klarheit dargebotenen Ausführungen des Referenten, an deren Ende eine ganze Reihe Anwesender die Finger bereits zu Wortmeldungen erhoben hatten, konnte leider – infolge eines Zwischenfalls, der notwendigen medizinischen Behandlung eines Anwesenden und der dafür notwendigen Räumung des Saales –  nicht so breit und interdisziplinär diskutiert werden, wie sie es verdient hätte. Die beigegebenen graphischen Folien mit ihren Legenden mögen jedoch ex post dazu anregen, die ausgefallene Diskussion in der Internetzeitung der Leibniz-Sozietät schriftlich weiterzuführen bzw. nachzuholen.

Hans-Otto Dill, Klassensekretar  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.