Rezension zu Band 37 der Abhandlungen der Leibniz-Sozietät

Peter Hübner:

Rezension zu

Gerhard Banse, Hermann Grimmeiss (Hrsg.): Wissenschaft – Innovation – Technologie; Abhandlungen der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften, Band 37, trafo-Verlag der Wissenschaften, Berlin 2014

Das von der Leibniz-Sozietät vorgelegte Werk kennzeichnet eine „Entwicklungstrilogie“. Der Weg von kreativen Ausgangsideen zu wissenschaftlicher Grundlegung, zu konzeptionellen Ausgestaltungen und zur gesellschaftlichen Integration in konkrete technologische Umsetzung und Anwendung – das ist Grundorientierung dieses Sammelbandes. Die Reichweite geht über den deutschen Rahmen deutlich hinaus und impliziert zeitgemäß europäische Dimensionen. So tritt neben die Grundorientierung eine Neuorientierung mit erweitertem geopolitischem Rahmen. Genau das war auch die Erwartung der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung, die flankierende Projekte zu diesem Themenkreis angeregt und gefördert hatte, so auch dieses.

In drei gut gegliederten Abschnitten wird das komplexe Thema sachgerecht aufgearbeitet. In Form von „Metakommunikation“ werden einzelne Spotlights zu den drei Schwerpunktthemen zusammengetragen. Die Beiträge ergeben in ihrer Gesamtheit einen zutreffenden Überblick zur aktuellen Ausgangslage und deren Entstehung und eröffnen darüber hinaus dezente Hinweise zu Perspektiven und Lösungen. Interdependenzen zwischen Wissen, Gestalten und Anwenden werden überzeugend berücksichtigt. Durchgängig werden soziale Implikationen angesprochen. Das ist auch der eigentliche gegenwärtige „Paradigmenwechsel“, der die Beachtung gesellschaftlicher Bezüge als intervenierende Faktoren zunehmend einfordert. Auch die wichtigen Aspekte von Finanzierung und auftragsgebundener Dienstleistung – vor allem im Drittmittelmarkt – finden ihre Berücksichtigung. Ohne Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie, aber vor allem auch durch staatliche und hoffentlich stattliche Förderung, ist der angestrebte Fortschritt als Grundlage zukünftiger wirtschaftlicher Prosperität nicht zu erreichen. Die Lücken in der Europäischen Kooperation werden dazu durchaus offengelegt. Das ist auch die Zielrichtung für das weitere Vorgehen im Sinne einer notwendigen Steigerung der Effektivität.

Zur Rolle der Wissenschaft geben die fünf ersten Beiträge u.a. kritische Hinweise zu den Hemmnissen, mit denen sich Forschung und Kreativität auseinandersetzen müssen. HERBERT HÖRZ weist hin auf strukturelle Kreativitätsbremsen, die es zu beseitigen oder zu mindern gilt. Diskutiert werden Ziele einer inhaltlichen Neubestimmung des Auftrages der Wissenschaft. Der neue innovative Stellenwert von Wissen in der modernen Gesellschaft ist im Sinne – nicht nur traditioneller Fortführung – eine der Grundfragen für die Zukunftsorientierung von Nachwuchswissenschaftlern.

Realismusvorwürfe an wissenschaftliche Modellierungen diskutiert SIMON JOHANNING. Er setzt sich mit Unterstellungen gegenüber wissenschaftlichen Informationsmodellierungen auseinander und spricht auch allgemeine Imageprobleme gegenüber dem wissenschaftlich tätigen Personenkreis an. Sein Fazit lautet: „Realismusvorwürfe an Modellierung müssen einer differenzierten Betrachtungsweise auf verschiedene Aspekte der Modellierung genügen, um gerechtfertigt zu sein“ (S. 89).

GERHARD BANSE liefert für diese Kritik und Fragestellungen eine multiperspektivische Folie mit seinen Darlegungen zum Komplex der „Technikwissenschaften“. Er definiert sie als Handlungswissenschaften und  sieht sie eingebettet in der Dualität von „Erkenntnis und Gestaltung“. Eine Abgrenzung zu den klassischen Naturwissenschaften ergibt sich vor allem aus dem Konzept der Gestaltung.

Konstruktiv ergänzt wird dieser Beitrag mit einem historischen Rückblick auf den Wandel im Selbstverständnis der Max-Planck-Gesellschaft (HUBERT LAITKO). Ein Beispiel zu industrienaher Forschung aus den 1980er Jahren der DDR beschreibt einerseits den Komplex von Auftragsforschung mit einer beispielhaften Praxisorientierung, lässt aber zugleich Fragezeichen zur Rolle der Wissenschaft in der Gesamtheit gesellschaftlicher Verantwortung aufkommen (DIETMAR LINKE).

Die Ausführungen zu Innovationskonzepten und Innovationsmodellen bilden den zweiten Teil des Sammelbandes. Dabei werden zunächst von KATHARINA HÖLZLE Organisationsfragen thematisiert. Gelungene Kooperation ist auch hier ein Schlüssel zum Erfolg. Die Einbeziehung von externen Partnern stellt erhöhte Anforderungen an Planung und Koordination.

Es werden unterschiedliche Organisationsstrukturen angesprochen und vorgestellt. Auch ein historischer Exkurs von ULRICH BUSCH mit Bezug auf Joseph Alois Schumpeter, einem der „Urväter“ der Innovationstheorie impliziert durchaus auch heute noch aktuelle Aspekte. Die wirtschaftlichen Seiten mit Kreditschöpfung und Preisentwicklung sind unverändert unabweisbare Voraussetzungen für die Realisierung von zukunftsweisenden Vorhaben.

In diesem thematischen Zusammenhang gelingt die Überleitung zu der Frage der Finanzierbarkeit von Forschung und von technischen Innovationen (HEINRICH PARTHEY). Erkennbar ist eine zunehmende Abhängigkeit der Wissenschaft von der Finanzierung durch die Wirtschaft. Neue Komponenten gilt es zu berücksichtigen: Klima- und Umweltprobleme sowie der demographische Wandel und die älter werdende Vorläufergeneration stellen erhebliche Veränderungen der Rahmenbedingungen dar. Die in jüngster Vergangenheit aufgetretenen finanz- bzw. banktechnischen Risiken erzeugen Hemmnisse, die voraussichtlich begrenzende Interventionen notwendig machen.

Folgerichtig schließt sich ein Beitrag von ARMIN GRUNWALD an, der „Verantwortliche Innovation“ thematisiert. Es sind halt auch ethische Dimensionen, die es zu beachten gilt – es zählt nicht nur technische Machbarkeit. Genau auf diesem Trend führt die nächste Darstellung zum neuen Akzent der Sozialen Innovationen (JOHANNA MAIWALD und TOBIAS SCHULZE). Die Hauptthese lautet: Innovationspolitik ist Gesellschaftspolitik. Technikfolgen abzuschätzen – und zwar nicht mehr nur regional, sondern global – ist eine unabweisbare Notwendigkeit der Zukunft. Dazu wird eine Schrittfolge vorgelegt, die mehr Partizipation und Transparenz sicherstellen soll.

In einer Art Zwischenstatement fasst GERHARD BANSE die Vielfalt der Beiträge unter der Frage zusammen: Innovationskulturen – ein neues Konzept? Er sucht damit nach einem integrativen Weg, um die unterschiedlichen Entwicklungstendenzen ggf. zusammenführen zu können. Der Kulturbegriff  hat mit seinen Facetten dazu eine Bandbreite und eine Reichweite, die die Vielzahl der Konzepte und Sichtweisen oberbegrifflich zusammenfassen könnte. Es verbleibt die Erkenntnis: „Das Konzept ‚Innovationskultur‘ ist […] vor allem heuristischer Natur“ (S. 285).

Der dritte Teil „Erkenntnisse und Erfahrungen der multidisziplinären Innovationsforschung und –praxis“ akzentuiert in interdisziplinärer Betrachtung einige wichtige „Seitenaspekte“, die die Wirksamkeit von Innovationen  durchaus bedeutsam mitbestimmen.

Zunächst wird durch HEINZ-JÜRGEN ROTHE und TINA URBACH der „Faktor Mensch“ benannt. Dazu werden psychologische Merkmale von Akteuren analysiert, wie sie sich auf die Umsetzung von innovativen Ideen auswirken. Kreativität und Eigeninitiative sind zunächst menschliche Grundbedingungen für den aktiven Anstoß zu Verbesserungen und Neuerungen. In hierarchisch gegliederten Organisationseinheiten ist die Rolle von Führungskräften von zentraler Bedeutung für Unterstützung oder Hemmung derartiger kreativer Ansätze. Das „Machtmotiv“ und die Güte der sozialen Beziehungen „machen“ dabei die Weichenstellung. Es können dabei Bewertungsverzerrungen auftreten. Solche Mechanismen sollte man kennen, damit man im Rahmen von Metakommunikation deren Auswirkungen überprüfen kann.

Solche sozialpsychologischen Erkenntnisse führen fast zwangsläufig zu dem Sektor Bildung. Es soll ja Teil der Allgemeinbildung sein, Sozialkompetenzen in der Schule zu erlernen und dort auch  zu festigen. BERND MEIER widmet sich diesem Thema mit der Frage, „inwieweit Lerninhalte, Lernarrangements und Lernmethoden als Grundlagen für die Ausprägung von Innovationsbereitschaft schon in der Schule geschaffen werden“ (S. 307). Technische Bildung ist nach seiner Wahrnehmung ein vernachlässigtes Schlüsselelement der Innovationspolitik. Technische Bildung ist im Bildungskanon bisher eher nachrangig bewertet worden und war über das Arbeitslehrekonzept als begrenztes Fach an den Hauptschulen in Anwendung. Der aktuelle Strukturwandel zum zweigliedrigen Schulsystem mit Sekundarschulen und Gymnasien verändert auch die curricularen Vorgaben für die allgemein bildenden Schulen. „Wirtschaft, Arbeitslehre, Technik (WAT)“ wird in mehreren Bundesländern als neue Fachbezeichnung präferiert und erweitert das Bildungskonzept schrittweise in die gewünschte Richtung.

Der anschließende praxisbezogene Beitrag von BENJAMIN APELOJG konkretisiert mögliche Ansätze von Schulen durch Beispiele aus dem Konzept der „entrepreneurship education“. Schülerfirmen sind z. B.  solch ein altersgemäßes pädagogisches Lernarrangement,  um Selbständigkeit, Kreativität, Problemlösungskompetenz und Teamorientierung zu fördern.

Im Fachhochschulbereich sind mit gleicher Zielsetzung komplexere Projekte anwendbar, wie WOLFGANG SCHÜTT zeigt. Dabei werden vor allem auch interdisziplinäre Fragestellungen bearbeitet. Rohstoffarme Regionen sind angewiesen auf die erfolgreiche Entwicklung kreativer Innovationen. Das ist eine unabweisbare Perspektive für Deutschland und die weiteren Mitglieder der Europäischen Union. Die Förderung und Weiterentwicklung der Motivation für neue Ideen ist zwar schon in der frühkindlichen Bildung zu beachten, bedarf aber in der nachschulischen Ausbildung stärkerer Intensität. Der Mangel an Interessenten für Ingenieursberufe ist ein Warnzeichen, das es in Schule und Hochschule stärker zu beachten gilt.

Systematische Entwicklung von Innovationen durch informationstechnische Vernetzung, das ist die angestrebte Wirkung von Web 2.0. Wissen als soziales Produkt entsteht im Austausch und damit im sozialen Verbund. Mit FRANK FUCHS-KITTOWSKI und KLAUS FUCHS-KITTOWSKI geht es um „Web-basierte Anwendungen oder Dienste, die die weitgehend freiwillige und selbstorganisierte, direkte und indirekte Kommunikation und Zusammenarbeit sowie den Aufbau und die Pflege von Beziehungen zwischen Menschen in einem sozialem Kontext unterstützen“ (S. 359). Die Ambivalenz der Wirkungen von informationstechnischen Medien muss stets im Blick bleiben. Positive Wirkungen sind dabei zu verstärken und negative Effekte zu mindern. Ein „social web“ sozial zu gestalten, setzt eine Vertiefung humanistischen Denkens voraus. Diesem Anspruch sind die Netzbetreiber wahrhaftig zu verpflichten.

Die zwei abschließenden Beiträge rekurrieren auf grundlegende Positionen im länderübergreifenden Verbund.

Dass Wissenschaft nicht Selbstzweck ist, gehört zu den Grundeinsichten akademischer Bildung. Ihre Effekte auch unter dem Gesichtspunkt der Dienstleistung zu sehen, erweitert jedoch – wie NORBERT LANGHOFF und BERND JUNGHANS deutlich machen – die Bandbreite der Diskussion und schärft den Blick auf den gesellschaftlichen Nutzen von Forschung. Forschungsstrategien und Wertschöpfung gehören in der Regel zusammen, sonst kommt es zu dramatischen Subventionsverzerrungen. Wirtschaft und Forschung sollten also in engem Verbund verbleiben, um positive Wirkung auch dort zu erreichen, wo die finanzielle Förderung erfolgt ist.

Politische Veränderungen erfordern aber dezente geopolitische Erweiterungen des soeben formulierten Grundsatzes. Das gilt insbesondere für die Europäische Union. Hier ist festzustellen, dass sich bei allem Fortschritt der schrittweisen Verstärkung der Mitgliederzahl noch keine hinreichende Tendenz zur Weiterentwicklung im wirtschaftlichen Konsens abzeichnet. Mitherausgeber HERMANN GRIMMEISS akzentuiert in diesem Sinne die strukturellen Defizite der mangelnden Koordination wirtschaftlicher Konzepte. Eine gemeinsame Währung ersetzt nicht die erforderliche Abstimmung wirtschaftlicher Entwicklungen. Es bestehen Probleme bei der Verbindung der deutschen und der europäischen Forschungsziele. Es wird deshalb von Schwächen des europäischen Forschungsraumes gesprochen. Mögliche Synergieeffekte und die Entwicklung von einer europäischen Forschungsinfrastruktur könnten die Nutzung der gemeinsamen Kapazitäten beschleunigen und würden notwendige Absprachen und auch Priorisierungen  ermöglichen.

In der Zusammenschau kann herausgestellt werden, dass das Buch einen guten Überblick zu den Wechselwirkungen von Wissenschaft, Innovationen und Technologie bietet. Die Nuancen der aktuellen Diskussionen zu diesem komplexen Themenkatalog sind durchweg auffindbar und geben klare Orientierungshinweise. Die Einbeziehung der europäischen Dimension ist erhellend – sollte aber wegen deren besonderen Zukunftsbedeutung mit Fortsetzung der Förderung durch die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung weitergeführt werden.

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