Raumfahrthistorisches Kolloquium 2015 in Berlin: Bericht

Am 31. Oktober 2015 hat in Berlin-Treptow das alljährliche Raumfahrthistorische Kolloquium stattgefunden. Die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR) präsentierte in Kooperation mit der Archenhold-Sternwarte und der Leibniz-Sozietät zu Berlin ein vielfältiges Vortragsprogramm in den Räumen der Sternwarte.

Blick in den Kleinen Saal der Archenhold-Sternwarte während der Veranstaltung; Foto: Gritzner/Bonn

Blick in den Kleinen Saal der Archenhold-Sternwarte während der Veranstaltung; Foto: Both/Berlin

Das Kolloquium begann mit einem Nachruf von Prof. Dr. Dieter B. Herrmann. Darin gedachte er dem verstorbenen Dr. Fritz Gelhar (1937-2015), einem der ursprünglichen Organisatoren des Events, das schon 1980 zum ersten Mal veranstaltet wurde. Als Experte für die Werke des Raumfahrtpioniers Konstantin E. Ziolkowski nahm er oft selbst mit Vorträgen daran teil und veröffentlichte 1996 ein raumfahrtphilosophisches Buch.

Wolfgang Lepschies stellte im Anschluss den neu gegründeten DGLR-Fachausschuss R3.5 „Raumfahrt und Philosophie“ vor. Es wurde eine erste Arbeitsgruppe gegründet, die sich mit Techniken erfinderischer Problemlösung mittels Algorithmen und dialektischen Methoden des technischen Handelns befasst. Weitere Interessenten sind willkommen.

Dr. Wolfgang Both aus Berlin begann die Vortragsreihe mit einem Beitrag zu „Willy Ley – Berliner, Raketenpionier, Raumfahrthistoriker“. Willy Ley (1906-1969) studierte in Berlin und Königsberg und war Buchhalter in Berlin. Nebenbei schrieb er für verschiedene Zeitungen Artikel über Raketen und Raumfahrt. 1929 schuf Ley den Science-Fiction-Roman „Die Starfield Company“, der aber durch die Insolvenz des Verlages nicht erschien. Erst 2011, lange nach seinem Ableben, wurde der Roman veröffentlicht. Ley war in engem Kontakt mit Raketenforschern wie Hermann Oberth, Wernher von Braun und war Berater von Fritz Lang für dessen Film „Die Frau im Mond“. Als die Nazis anordneten, nicht mehr öffentlich über Raketentechnik zu berichten, wanderte Ley 1935 in die USA aus. Dort war er an Raketenentwicklungen („Postraketen“) beteiligt und veröffentlichte mehrere Bücher. Später arbeitete er zusammen mit Wernher von Braun an Presse-Themen zur Raumfahrt.

Auf Boths Beitrag folgte Michael Tilgner aus Hamburg mit einem Vortrag über „Goebbels Raketenbann“. Tilgner ging der Frage nach, ob es tatsächlich eine offizielle Anordnung der Nazis gab, nicht mehr über Raketenthemen zu berichten. Die Literatur liefert dazu unterschiedliche Aussagen. Das Militär drängte schon 1930 auf Geheimhaltung. Ab Oktober 1933 folgte diese Anordnung auch vom Heereswaffenamt und dem Propagandaministerium. Diese Regelungen wurden der Presse aber nur mündlich mitgeteilt. Trotz Verbot hoben viele Pressevertreter ihre Mitschriften auf, sodass rund 15.000 Anweisungen ausgewertet werden konnten. Nur drei davon befassten sich laut Tilgner mit Raketentechnik. Dort war zu erfahren, dass 1934 Pressevertretern mitgeteilt wurde, dass bei Berichten über Raketenflugzeuge „größte Vorsicht geboten ist“. Es bestand also kein konkretes Verbot über Raketen zu schreiben, aber eine interpretierbare Warnung. Dementsprechend wurde in Deutschland kaum mehr über dieses Thema berichtet.

Dr. Peter Habison aus Wien stellte mit seinem Vortrag „Österreichs Weg in die Raumfahrt“ eine Gesamtschau der österreichischen Raumfahrtaktivitäten nach dem zweiten Weltkrieg dar. Begonnen hatten diese mit einer Kooperation des neutralen Österreichs mit der Sowjetunion auf dem Gebiet der Atmosphärenforschung mittels Höhenforschungsraketen. Grundlage für den Vortrag war das ESA-Programm „Oral History of Space“, bei der zahlreiche Zeitzeugen interviewt wurden. Habison war an diesem Programm beteiligt und zeigte im Vortrag anhand von acht Persönlichkeiten den österreichischen Weg ins All auf.

Dr. Marie-Luise Heuser aus Braunschweig trug das Thema „Von der philosophischen Idee zur Realisierung – die Raumfahrtpioniere der Weimarer Republik“ vor. Heuser gab einen Überblick über die vielfältigen philosophischen Ansichten von Platon, Aristoteles, Giordano Bruno, Friedrich W. J. Schelling bis hin zu Max Valier zur Möglichkeit der Raumfahrt. Giordano Bruno hatte sein Spätwerk „De Immenso“ 1591 in Helmstedt bei Braunschweig geschrieben, bevor er 1600 in Rom als Ketzer verbrannt wurde.

Dr. Dierk Spreen aus Berlin schloss das Programm mit seinem Vortrag „Raumfahrt – eine atopische Moderne“. Er stellte dar, wie sich Raumfahrtpionier Ziolkowski aber auch Science-Fiction-Autoren das menschliche Leben in Raumstationen und die Besiedlung des Weltalls mittels Automaten und Habitaten vorstellen. Dabei ging er auf die Fragestellung ein, ob der Mensch sich nicht sogar dem Weltraum anpassen kann und soll – Stichwort: Cyborg. In Raumstationen wird das atopische Denken am umgekehrten Verhältnis von Natur zu Technik deutlich – die Natur ist in einer sie schützenden technischen Welt enthalten.

Mit rund 50 Teilnehmern war die Veranstaltung wie auch sonst sehr gut besucht. Das Publikum, darunter auch das DGLR-Ehrenmitglied und Kosmonaut Dr. Sigmund Jähn, nahm die Vorträge interessiert auf. Die zahlreichen Fragen des Publikums wurden von den Referenten beantwortet und gemeinsam diskutiert. Das nächste Raumfahrthistorische Kolloquium soll am 29. Oktober 2016 stattfinden.

Buchhinweise zur Veranstaltung:
Fischer, Joachim/Spreen, Dierk (2014): Soziologie der Weltraumfahrt. transcript Verlag, Bielefeld.
Gelhar, Fritz (1996): Wie der Mensch seinen Kosmos schuf. Aufbau-Verlag, Berlin.
Habison, Peter (2014): Weltraum-Land Österreich. Pioniere der Raumfahrt erzählen., Seifert Verlag, Wien.
Ley, Willy (2011): Die Starfield Company. Shayol Verlag, Berlin.

Dr.-Ing. Christian Gritzner

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