Ehrenkolloquium zum 85. Geburtstag von Wolfgang Eichhorn am 9. April 2015

Für den hauptverantwortlichen Mitbegründer der Leibniz-Sozietät und renommierten deutschen  Geschichtsphilosophen Wolfgang Eichhorn fand am 9. April 2015 anlässlich seines 85. Geburtstags eine Plenarsitzung der Sozietät statt, die dem Wunsch des Jubilars entsprechend weniger die Aura des Feierlichen als vielmehr den Charakter einer wissenschaftlichen  Arbeitsveranstaltung hatte. Das von ihm selber vorgeschlagene Thema, das seine aufklärerische Geschichtsphilosophie resümiert, lautete, „dass Vernunft in der Geschichte sei“.

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In seiner Eröffnungsansprache stellte LS-Präsident Gerhard Banse den Anwesenden den Lebenslauf des Jubilars aus langjähriger Kenntnis, Freundschaft und Zusammenarbeit vor. Er zeichnete sowohl die verschiedenen wissenschaftlichen Qualifikationsstufen Eichhorns als auch seine zahlreichen sozusagen wissenschaftsadministrativen Stationen und Funktionen innerhalb der DDR-Philosophie und in der Akademie der Wissenschaften der DDR nach.

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Präsident Gerhard Banse

Reichte diese Präsentation der Vita von Wolfgang Eichhorn durch Gerhard Banse einerseits weit in die DDR-Vergangenheit der alten Akademie zurück und andererseits hinein in die neue,  offene, gesamtdeutsche Wissenschaftslandschaft, so ergänzte Herbert Wöltge diesen Blick auf den Philosophen in seiner Laudatio durch seine Würdigung der wissenschaftskonzeptiven und wissenschaftsorganisatorischen Leistungen des Leibnizianers Wolfgang Eichhorn.

Wöltge würdigte Eichhorn in einer sehr gelungenen und passenden Formulierung als Initiator und Gestalter der Leibniz-Sozietät und beschrieb dessen Anteil an der Entstehung und dem Fortbestand dieser Gelehrtengesellschaft.

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MLS Herbert Wötge

Eichhorn war laut Wöltge derjenige, der 1992 – nach der widerrechtlichen aber gleichwohl unwiderruflichen Abwicklung der Akademie – mit anderen betroffenen Kollegen die Gründung der Sozietät als privatrechtliche Weiterführung dieser ehrwürdigen Institution in Form eines Vereins projektierte und vorbereitete. Er wurde zum Schatzmeister gewählt und tätigte von 1993 bis 2005 sowohl in dieser Funktion als auch in der des vorerst einzigen Sekretars der Sozietät die laufenden Geschäfte. Er wirkte in zahlreichen Gremien der Führung des Vereins, so im Redaktionskollegium der Sitzungsberichte und im Kuratorium der Stiftung der Freunde der Leibniz-Sozietät aktiv mit. Die neue Architektur der alten Gelehrtensozietät, die zweifellos ein Werk vieler Mitstreiter war, wurde in den Worten des Laudators maßgeblich vor allem durch seine wissenschaftsorganisatorische Kompetenz und seine Bereitschaft, die eigenen Interessen zurückzustellen, realisiert. Er verkörpert Wöltge zufolge in seiner Person ein entscheidendes Stück Geschichte der LS. Ohne sein uneigennütziges starkes Engagement, so der damalige Präsident Samuel-Mitja Rapoport, wäre diese Sozietät nicht geschaffen worden.

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MLS Wolfgang Küttler

Die im engeren Sinn fachwissenschaftliche Vorträge eröffnete Wolfgang Küttlers Beitrag Formation, Revolution und Transformation. Wie ist vernünftige Geschichtsgestaltung möglich? Küttler erinnerte an die Aktualität und die Irrtümer eines 1989 gemeinsam mit Wolfgang Eichhorn verfassten Buches: Dass Vernunft in der Geschichte sei! Mit der Anknüpfung an Hegel  sollte gemäß der marxschen Methode emanzipatorisch-praktischer Veränderung die Rede von den  Möglichkeiten sein, „über die die Menschheit verfügt, um die historischen Prozesse, die sich vor unseren Augen abspielen und die uns faszinieren, aber auch beunruhigen, vernünftig zu gestalten – in einer Welt dauerhaft gesicherten Friedens und sozialen Fortschritts.“ Die Fragestellung ist laut Küttler dringlicher denn je, wenn auch der damalige Bezugsrahmen mit dem Scheitern des gerade noch real existierenden, aber schon erkennbar in der finalen Krise befindlichen „realen Sozialismus“ weggefallen ist.

Wie ist unter den veränderten Bedingungen mehr als 25 Jahre später Vernunft in der Geschichte überhaupt zu denken?  Diese Frage wird laut Küttler im aktuellen Diskurs –auch des LS-Arbeitskreises Transformation –  primär unter dem Thema einer neuartigen Qualität von Transformation diskutiert, wobei sich Konzepte, in denen der Prozess als notwendig über den Kapitalismus hinausgehende Gesellschaftstransformation betrachtet wird, und solche, die darin eine Weiterentwicklung oder ein mehr oder weniger modifiziertes Nachholen des westlichen Modells sehen, gegenüberstehen.  Marx‘ Vorstellung der Geschichte als Entwicklung von Gesellschaftsformationen und von Fortschritt als sozialer Revolution gilt dabei aus je unterschiedlichen Gründen als weitgehend überholt.

Küttler geht bei seinen kritischen Anschlussfragen davon aus, dass Formation (des Kapitalismus) soziale Revolution (sowohl zwischen dessen Stadien und bei Pfadwechseln) und neuartige Gesellschaftsformation unter den Bedingungen der Umwälzung aller Lebensbereiche sich nicht ausschließen, sondern weiterhin als komplementäre Prozesse anzusehen sind. Dabei sei die Frage nach der geschichtlichen Vernunft erstens immer mit realutopischem Überschuss über das Bestehende verbunden, hat also auch einen richtungweisende normativen Aspekt und ist gleichbedeutend mit dem Problem einer nachhaltigen Existenzsicherung der Menschheit als eines Ganzen, in allen ihren Kulturen, kontinentalen und regionalen Unterschieden.

Das setzt zweitens eine kritische Überprüfung dessen voraus, was unter dem Kapitalismus als der sich transformierenden bzw. der zu transformierenden Formation verstanden wird – nicht mehr ein Übergang zur sozialistischen Revolution, sondern eine eigene umfassende Folge von Formierungen und Typen von Gesellschaften, die auf dieser Produktionsweise beruhen.

Drittens wird die aktuelle Weltentwicklung, dass die Existenzprobleme nicht nur, wie überwiegend zu beobachten ist, aus der Sicht der Zentren des entwickelten Kapitalismus, sondern im globalen Vergleich betrachtet. Dabei werden mit dem Transformationsdruck immer mehr die Schranken des globalen Kapitalismus durch dessen destruktive Nutzung der Lösung der vielfältigen Existenzprobleme deutlich.

Die entscheidende Frage, ob und wie vernünftige Gestaltung der globalen Welt möglich ist, lautet für Küttler folglich: Gelingt eine progressive Steuerung oder wird sich der Übergang auf katastrophale Weise in einem verheerenden Zivilisationsbruch vollziehen? Szenarien im letzteren Sinne gibt es genug und werden im aktuellen Diskurs vielfältig untersucht. Existenziell wichtig ist, dass sich die erstere Möglichkeit durchsetzt, was vor dem Hintergrund der realgeschichtlichen Konflikte sowohl in den Zentren als auch in den Peripherien nicht ohne tiefgreifende Veränderungen der bestehenden Verhältnisse möglich ist. Eine in diesem Sinne komplexe Lösung schließt allmähliche Veränderungen und Systembrüche ein, erfordert die Bündelung mikrohistorischer zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen und verlangt breite Bündnisse unterschiedlicher Akteure im regionalen wie globalem Maßstab.

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MLS Helga Schultz

Verband Küttler in seinem Vortrag eine stark selbstkritische Auseinandersetzung mit der marxistischen Geschichtsschreibung und -auffassung in der DDR mit einem skeptisch-vorsichtigen Examen der anstehenden Transformationen der Weltgesellschaft und –kultur, so stellte Helga Schultz in ihrem zeit– und kulturkritischen Bekenntnis zu den Grundpositionen von Wolfgang Eichhorn die Frage nach einer Zukunft, die scheinbar alle humanistischen und aufklärerischen Traditionen zu entsorgen beabsichtigt. Ihr Vortrag über Geschichte und Tradition in postmodernen Zeiten ist eine bitterböse und zugleich tieftraurige Generalabrechung  mit dem Geschichts- und Kulturpessimismus der Postmoderne, die die Perspektivlosigkeit einer bestimmten Gesellschaftsformation allzu vordergründig mit der der Menschheit schlechthin identifiziere. Schultz verweist zu Recht wie auch zuvor Wolfgang Küttler auf die zeittypischen  Katastrophenszenarien  und Endzeitstimmungen sowie auf den bis in die Elementarschulprogramme hinein praktizierten Verlust an Geschichtsbewusstsein und damit der Liquidierung des historischen Gedächtnisses der Menschheit aus dem Bildungskanon, und auf ihren Ersatz durch triviale Popkultur. Vor allem aber erhebt sie Anklage gegen die totale Entwertung eines ganzen halben Jahrtausends menschlicher Hochkulturentwicklung der Moderne durch die Philosophen der Postmoderne, gegen die Liquidierung der Aufklärung, dieser Basis unserer Zivilisation, und des seit der Renaissance kulturell aktiven und im 18. Jahrhundert ausgearbeiteten Erbes der Wissenschaftlichkeit und der wissenschaftlichen Erfassung der Gesellschaft. Dies geschehe zugunsten von Esoterik und banaler Belletristik, wozu auch das Ignorieren der klassische Philosophie und Dichtung, des Idealismus von Kant bis Hegel und der bürgerlichen Kulturentwicklung des 19. Jahrhunderts „im Zeichen dieser Denkrevolution des 18. Jahrhunderts“ gehört. Und nicht als letztes beklagt sie die Leugnung der Idee des wie auch immer widersprüchlich gesehenen Fortschritts mitsamt des Prinzips Hoffnung, der Negierung der Utopie als heuristischen Konstrukts. Und das alles im Zeichen der – doch sehr fragwürdigen – „Selbstoptimierung“ des Individuums und Vernichtung des Rechts auf Genealogie (im Namen  der Mode wie auch als Kalkül, was doch eher die Zerstörung des Individuums als eines Besonderen zur Folge hat, HOD). Aber irgend haftet ihren zwingenden Darlegungen auch das Attribut des Unwiederbringlichen an, zumal alle Kulturverluste wegen der nötigen mehrere Generationen langen Habituierung nur schwer zu reaktivieren sind.

Doch Helga Schulz sieht das Rettende auch, so in der Rückkehr der öffentlichen Diskurses zur sozialen Frage beispielsweise und in der „neuen Euphorie des Teilens“ als der Wiedergeburt der „Solidarität“, sowie im Wiederauffinden anderer verschütteter bereits als verloren gemeldeter  Werte.

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MLS Matthias Middell

Eine Art Wiedergeburt des Ansehens der Aufklärung und der Französischen Revolution von 1789 bezeugt der Beitrag von Matthias Middell (Leipzig) über Neue Diskussionen um die Erklärung der Französischen Revolution. Dazu gehört wohl unbedingt die Rolle von Französischer Revolution als Auslöserin bzw. Geburtshelferin der nationalen Befreiungsrevolutionen in Nordamerika, der Karibik und Südamerika bzw. des neuerlichen Erwachens selbstbewussten antikolonialen Denkens in der tropischen Südhälfte des Planeten. Mit diesem Vortrag wurde natürlich auch die Französische Revolution als epochales weltbedeutendes Geschehen erinnert, das heute wieder zu geschichtsphilosophischer Reflexion herausfordert, auch und gerade im Kontext der Ausführungen von Helga Schultz und Wolfgang Küttler über die sicheren Verluste und möglichen Verheißungen jüngster und kommender Transformationen.

Middell betonte: „Nachdem die Französische Revolution und das vorangegangene Jahrhundert der Aufklärung lange Zeit eine Zentralstellung in den Geschichtserzählungen inne hatten, zeichnete sich in den 1980er Jahren deren Erosion ab. Auf der einen Seite war die Revolution als „Lokomotive der Weltgeschichte“ (Marx) mit einem wachsenden Misstrauen gegenüber einer exzessiven Gewaltbilanz (worin aber auch eine unzulässige, doch bewusste Reduktion der Revolution auf die Endphase des Robespierreschen Terrors der Jakobiner steckt, HOD) sowie mit der Frage konfrontiert, ab wann die revolutionäre Variante der Transformation durch schonendere Reformprozesse abgelöst werden könnte. Auf der anderen Seite stoße die Geschichte vom Ursprung moderner Demokratie und vom folgenden Aufstieg des Westens auf Zweifel im Namen des Postkolonialismus. Das Jahr 1989 erwies sich als Angelpunkt – statt feierlicher Konmemoration verhedderten sich die Fäden teleologischer Narrative weiter in den Beobachtungen einer revolutionären Praxis.
Doch interessanterweise erwiesen sich, so Middell, skeptische Prognosen für das dritte Jahrhundert der Forschungen zur Französischen Revolution als vorzeitiger Abgesang. Die Revolution gewinnt im neuen Kontext einer um sich greifenden Globalgeschichtsdebatte neue Facetten und löst neue Kontroversen aus. In der internationalen Historiographie zur Französischen Revolution setzt sich immer mehr eine Perspektive durch, die den globalen Bezügen mehr Stellenwert einräumt, in erster Linie dem Zusammenhang mit der erfolgreichen Sklavenbefreiung auf St. Domingue, aber auch darüber hinaus mit den Unruhen und gesellschaftlichen Transformationen im gesamten französischen Empire bis hin zum Versuch Napoleons, die angestammte europäische Suprematie wieder herzustellen. Weiterhin spielt der transatlantische Charakter der Revolutionen zwischen 1776 und 1826 eine wachsende Rolle, wobei zwei Deutungen vorherrschen: Während die einen, u.a. David Armitage (Harvard), das Vorbild der Unabhängigkeitserklärung für die Emanzipationen des 19. und 20. Jahrhunderts betonen, stellen andere, wie Pierre Serna (Paris), das Modell des Republikanismus mit seinen politischen und sozialen Partizipationsmöglichkeiten in den Vordergrund. Insgesamt hat sich der Pessimismus mancher Zeitzeugen des Bicentenaire im Jahre 1989, dass nun wohl alles über die Französische Revolution gesagt sei, nicht bewahrheitet, sie ist vielmehr auf neue Weise wieder zu einem Anknüpfungspunkt für politische Diskurse und wissenschaftliche Innovation geworden.

Der Jubilar dankte in seinen abschließenden Worten sehr den Referenten für ihre im Sinne seiner langjährigen Forschungsarbeit liegenden Beiträge. Die baldige Publikation der Materialien ist vorgesehen.

Berichterstatter Prof. Dr. Hans-Otto Dill

MLS Hans-Otto Dill

MLS Hans-Otto Dill

 

Die Veranstaltung wurde wissenschaftlich vorbereitet und in bewährter Souveränität und Qualität geleitet vom Sekretar der Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften Hans-Otto Dill

 

alle Fotos: Prof. Dr. Dietmar Linke

 

 

 

 

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