13. Sitzung des Arbeitskreises „Prinzip Einfachheit“; Bericht

Der Arbeitskreis „Prinzip Einfachheit“ führte am 27. Oktober 2016 seine 13. öffentliche wissenschaftliche Sitzung durch zum Thema: “Einfachheit in der Pädagogik, insbesondere in der Didaktik“

Die Sprecherin des Arbeitskreises Erdmute Sommerfeld eröffnete die Sitzung und stellte den Referenten vor.

Der Vortragende Franz Prüß (MLS) beschreibt den Inhalt seines Vortrages wie folgt:

„Bei der Bildung und Erziehung handelt es sich um ein komplexes und kompliziertes Prozessgeschehen. Viele Wirkfaktoren und Operationen der Prozessbeteiligten spielen dabei eine Rolle, die nur über vereinfachende Modellvorstellungen kommunizierbar gemacht werden können.
Dementsprechend hat es in der Vergangenheit in der Entwicklung der Pädagogik und ihren Teildisziplinen viele Versuche gegeben, diese Komplexität zu erfassen und begründete Komplexitätsreduktionen vorzunehmen. So sind für die Planung, Gestaltung und Reflexion von Unterricht diverse Konzepte entwickelt und didaktische Modelle entworfen worden. Das geschah aus bildungstheoretischer, lehr-lern-theoretischer und auch aus kommunikationstheoretischer Sicht. Im Unterschied zu den Fachdidaktiken, zur pädagogisch-psychologisch orientierten Professions- und Professionalisierungsforschung und zur pädagogisch-psychologischen Lehr-Lernforschung muss die Allgemeine Didaktik bezüglich des Unterrichts die zentrale Disziplin sein, die die Gesamtheit der didaktischen Fragestellungen in ihrer Komplexität in den Blick nimmt und diese als transdisziplinäre Wissenschaft in Kooperation mit ihren Bezugswissenschaften und zugleich auch eigenständig untersucht. In der Vergangenheit wurden auf der Grundlage verschiedener wissenschaftstheoretischer Positionen Modelle entwickelt, die aber zumeist die Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit von Unterrichtsprozessen nicht adäquat erfassen konnten. Die Allgemeine Didaktik muss auf der Grundlage einer entwickelten Allgemeinen Pädagogik diesen – auch methodologisch bedeutsamen – Referenzrahmen zur Verfügung stellen bzw. lehrbar machen.
Der Vortragende ist nach Auswertung vielfältiger wissenschaftlicher Erkenntnisse und der Analyse existierender didaktischer Modelle der Auffassung, dass eine strukturelle und funktionale Betrachtung pädagogischer Prozesse eine adäquate Abbildung ihrer Komplexität ermöglicht, die Vorschläge zur Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen begründet. Dazu ist erforderlich:

  • Wesen und Inhalt, Struktur und Funktionen der Erziehung in gesellschaftlichen Reproduktions- und individuellen Entwicklungsprozessen zu bestimmen, um zu klaren Vorstellungen von Pädagogik zu gelangen;
  • die Struktur- und Funktionselemente von Erziehung bzw. Unterricht zu definieren sowie durch transdisziplinäre Forschungen die einzelnen Struktur und Funktionselemente theoretisch zu bestimmen und konkret-historisch zu beschreiben;
  • die gesetzmäßigen Relationen zwischen den Struktur- und Funktionselementen aufzudecken, um unter Nutzung der statistischen Gesetzeskonzeption und gültiger Zielvorstellungen pädagogische Prinzipien und Regeln formulieren zu können. Sie sind das Fundament für Handlungsorientierungen, die pädagogischen Prozessen Zielstrebigkeit und Systematik verleihen, indem sie helfen, ein optimales Bedingungsgefüge und Aktivitätsniveau für Persönlichkeitsentwicklung zu schaffen.

Das Kategoriensystem, das die Struktur- und Funktionselemente der Erziehung bzw. des Unterrichts widerspiegelt, sowie die Prinzipien zur Gestaltung effektiver Strukturen und zur optimalen Realisierung der Funktionen bilden das Grundgerüst der Pädagogik und ihrer Disziplinen in wissenschaftlich begründeter Einfachheit.
Die Nutzung des Prinzips der Einfachheit für die Entwicklung der erziehungswissenschaftlichen Disziplinen ist zu unterscheiden von didaktischen Vereinfachungen wissenschaftlicher Erkenntnissysteme im Interesse des Prinzips der Fasslichkeit des Unterrichtsinhalts, das die Überwindung von Schwierigkeiten durch die Schüler mit einschließt. Die Erarbeitung didaktischer Vereinfachungen gehört zu den wesentlichen Aufgaben der Fachdidaktiken.“

An der lebhaften und interessanten Diskussion beteiligten sich von den 19 Anwesenden 9, teilweise mit mehrmaligen Wortmeldungen. Dem Referenten wurde für seine umfassende Problemdarstellung, seine kritische Analyse der Situation im Bildungswesen der BRD mit der Länderhoheit für die Bildungspolitik, belegt mit Beispielen, und seine konstruktiven Vorschläge zur Problemlösung gedankt. Seine Forderung nach stärkerer Berücksichtigung der Allgemeinen Didaktik mit ihren Gesetzen und Prinzipien in der Lehrer-Ausbildung wurde unterstützt, da sie für Planung und Gestaltung des Unterrichts allgemeine pädagogische Anforderungen begründet. Insofern ist sie Rahmentheorie für die spezifischen Didaktiken der Fächer.

Die Feststellung, dass Einfachheit mit der Wesenserkenntnis durch die Formulierung von Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien verbunden ist, wurde mit dem Hinweis verbunden, dass Prinzipien als Einheit von Aussage und Wert in der Physik sich in der Pädagogik noch durch den Aufforderungscharakter auszeichnen. Ergänzende Bemerkungen und Fragen bezogen sich auf das Verhältnis von Bildung und Erziehung.  Denkbar wäre ein umfassender Bildungsbegriff, der Wissensvermittlung, Herausbildung von Kompetenzen, Stärkung des Selbstbewusstseins und der Selbsttätigkeit der Lernenden, die Fähigkeit zur Entscheidung in Verantwortung und damit Charakterbildung umfasst. Am konkreten Beispiel wurde verdeutlicht, dass die didaktische Hilfe für die Unterrichtsgestaltung verbessert werden müsste.

Dass der Vortragende zu Beginn seines Vortrags die Begriffe „Komplexität“, „Kompliziertheit“ und „Einfachheit“, von „System“ und „Element“, sowie die Struktur von Gesetzmäßigkeiten in ihren Aspekten aus Sicht der Pädagogik charakterisiert hatte, war eine wichtige Grundlage für das Verständnis und die Diskussion.  Entsprechend bisherigen Debatten im Arbeitskreis um dialektische  Beziehungen zwischen Komplexität und Elementarität, Kompliziertheit und Einfachheit ging es deshalb um die Nutzung bisheriger Erkenntnisse – z.B. auch aus Philosophie, Psychologie oder Technikwissenschaft – in der Pädagogik, im Zusammenhang mit den Verhältnissen von Erzieher und Zögling, Individuum und Gruppe, Information und Definition. Ausgehend von dem im Vortrag betrachteten Schwerpunkt „Kenntnis von Gesetzmäßigkeiten von Lehr-Lern-Prozessen als Voraussetzung für eine optimale Gestaltung dieser Prozesse“ wurde dabei an Bedingungen für didaktische Modelle angeknüpft, unter denen solche Modelle wissenschaftlich berechtigte bzw. wissenschaftlich nicht berechtigte Vereinfachungen darstellen.

Abschließend wurden noch Probleme beim Gebrauch des Terminus „Muttersprache“ benannt. Als Lösung wurde vorgeschlagen, zwischen Landessprache, bezogen auf Deutschland die deutsche Sprache, und Fremdsprache, zu unterscheiden.

Erdmute Sommerfeld dankte am Schluss allen Anwesenden für das Interesse, für die anregende Diskussion und dem Referenten für seinen Vortrag. Sie informierte über die nächste Sitzung am 23.03.2017 mit dem Thema „Naturgesetze sind einfach – Evidenzen aus der Geschichte der Physik“  und dem Vortragenden Dr. Alexander Unzicker (München).

Herbert Hörz

 

 

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